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29.03.09

Frau Leinemann schiebt durch die Stadt

Warum Eltern am Bungeeseil unbeliebt sind

Ich bin's wieder. Falls Sie sich fragen, wo denn in letzter Zeit Fräulein Garbers bleibt und warum sie nicht wie sonst durch die Stadt läuft: Fräulein Garbers tut, was unabhängige, coole, kinderlose Menschen so tun, wenn sie Urlaub haben.

Sie ist in der Welt unterwegs, weit, weit weg. Vermutlich betreibt sie gerade auf der anderen Seite der Erde abenteuerliche Sportarten - Extremschnorcheln, Skydiving, Speedskaten. So richtig aufregenden Kram halt.

Mein Mann und ich würden uns solche Adrenalin-Sportarten gar nicht mehr trauen. Nicht, weil wir vor Angst vergingen (na gut, eher ich), sondern weil wir immer die Folgen vor Augen hätten - was da alles passieren kann! Viel zu viel Risiko, denk an die Kinder.

Inzwischen steigen wir schon mit leichten Skrupeln gemeinsam in ein Flugzeug, während unsere Kinder gut aufgehoben bei Oma und Opa sind. "Stell dir mal vor, das Flugzeug stürzt ab - und dann? Sollte man nicht lieber getrennt fliegen", murmeln wir uns dann manchmal zu, aber nur ganz leise, weil wir beide ja sehen, wie überdreht, ja hysterisch dieser Gedanke ist.

Aber man hat ja Freunde, man redet über solche Dinge. Inzwischen weiß ich: Viele Eltern - besonders die von Kleinkindern - denken ab und zu mal so. Ich kenne sogar welche, die tatsächlich in unterschiedlichen Maschinen zum selben Zielort fliegen.

Vermutlich gehören an der Kawarau Bridge in Neuseeland, dem ältesten kommerziellen Bungee-Jumping-Ort der Welt, wo man sich vom Brückengeländer in 43 Meter Tiefe stürzt, Eltern mit Kindern zu den unbeliebtesten zahlenden Gästen. Während die Gummischlaufe am Bein der sprungbereiten Mutter befestigt wird, tauscht sie mit dem Vater ihrer Kinder noch letzte Dinge aus, für den Fall, dass das Seil reißt oder die Länge falsch berechnet wurde: Familieninstruktionen zur Schullaufbahn der Kinder, zur bevorstehenden Zahnkorrektur, zum nächsten Geburtstagsgeschenk. Und statt wie all die anderen Bungee-Jump-Spinner beim Absprung zum freien Fall "Uaaahhhhhh" zu schreien, hallen folgende letzte Worte der Mutter durch die Schlucht, die sich ausschließlich an ihren Mann richten: "SPEICHER ENDLICH DIE NUMMER UNSERES KINDERARZTES IN DEIN HANDY!"

Na gut. Eigentlich wollte ich gar nicht über abenteuerliche Freizeitgestaltung im Urlaub schreiben, sondern über unsere Tochter. Sie hat letzte Woche einen Schulausflug gemacht - in die Gemäldegalerie.

Oha, dachte ich, als ich das hörte, ziemlich anspruchsvoll für Erstklässler. Europäische Malerei des 13. bis 18. Jahrhunderts, Brueghel, Rembrandt, Raffael. Wie das wohl ankommt? Als meine Tochter zurückkehrte, fragte ich sie, wie sie den Ausflug denn fand. Sie druckste ein wenig herum, aber dann kam doch eine klare Meinung: "Mama, es war eigentlich ziemlich langweilig."

"Aha, und warum?" Inzwischen werben die Museen ja mit professionellen Kinderprogrammen - es gibt spezielle Audio-Guides für Kinder und extra Kunst-für-Kinder-Veranstaltungen. Der ganze Aufwand soll neugierig machen und bloß nicht (nie, niemals!) die Kinder langweilen.

Aber meine Tochter konnte die Langeweile gut erklären. "Sieh mal", sagte sie in ihrer eigenen, argumentierenden Art, "Kinder wollen Bilder malen. Sie wollen keine Bilder angucken. Bilder angucken ist langweilig." Womit sie eine Wahrheit ausgesprochen hatte. Audio-Kids-Fun-Guide hin oder her - wer hatte als Kind schon Lust, sich mit Lucas Cranach d. Ä. auseinanderzusetzen?

Aber ich ließ nicht locker. "Gab es denn irgendein Bild, das dir gefallen hat?"

"Ja", sagte sie ohne lang zu überlegen, "das allerkleinste. Das war klitze-klitzeklein."

"Und was war darauf zu sehen?"

"Eine Frau", sagte sie kurz angebunden.

"Hat die Frau denn irgendetwas gemacht?" Mütter können grauenhaft bohrende Fragen stellen.

Meine Tochter verdrehte genervt die Augen. "Mama, ich habe doch gesagt, das Bild war klitzeklein. Wie soll die Frau denn auf einem klitzekleinen Bild irgendetwas machen? Dafür war doch gar kein Platz."

Ich liebe kindliche Logik.

Nächste Woche schiebt wieder Frau Leinemann durch die Stadt

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