Frau Leinemann schiebt durch die Stadt
Erziehung ist wie ein Besuch beim Friseur
Warum diskutieren eigentlich nur Herren über die richtige Art der Erziehung? Alle drei großen Ratgeber, die die Bestsellerlisten stürmten (oder bald stürmen werden), sind von Männern geschrieben worden: Bernhard Bueb ("Lob der Disziplin"), Michael Winterhoff ("Warum unsere Kinder Tyrannen werden"), Wolfgang Bergmann ("Warum unsere Kinder ein Glück sind"). Zwei der drei Experten liegen heftig miteinander im Clinch (Bueb und Winterhoff contra Bergmann) - was sicher den Verkaufserfolg aller drei Bücher steigern wird.
Die drei Männer haben Kinder zu ihrem Beruf gemacht. Herr Bueb hat lange Zeit ein berühmtes Internat in Baden geleitet. Bergmann ist leitender Kinderpsychologe in Hannover und Winterhoff ein bekannter Kinderpsychiater aus Bonn. Es sind also alles Männer, die den Nachwuchs vorgeführt oder gar in die Hand gedrückt bekommen, wenn es zuhause nicht mehr klappt. Wenn also der Schlamassel, den meist die Mütter hauptverantwortlich angerichtet haben, schnellstens behoben werden soll. Schließlich ist es in den meisten Familien so, dass die Mütter weiterhin den Löwenanteil der Erziehungsarbeit übernehmen.
Die Herren begutachten also das dysfunktionale Kind und die entnervte Mutter, manchmal bitten sie noch den Vater dazu, und dann urteilen sie (je nach ihrer pädagogischen Ideologie): Härter durchgreifen oder liebevoller locker lassen. Und weil sie die Fälle aus ihrer Praxis inzwischen für allgemeingültig halten (oder ihr sehr spezielles Internatsklientel), leiten sie aus ihrer Erfahrung Tipps für jedermann ab.
Wissen Sie, wie mir das vorkommt? Wie ein Friseurbesuch. Wenn ich mit meinen halblangen, leider total glatten und damit immer hängenden Haaren zum Friseur gehe und mich beschwere, dass ich jeden Morgen verzweifelt vor dem Spiegel stehe, dann behauptet mein Friseur: "Frau Leinemann, alles, was Sie brauchen, ist ein Fön, eine Rundbürste und drei Minuten Ruhe." Und dann führt er mir mit ausladenden Gesten vor, wie einfach alles sein könnte. Er wuschelt und fönt wie ein Weltmeister und wenige Minuten später sehe ich im Friseursalon tatsächlich aus wie die Frauen aus der Shampoowerbung. Ich kaufe dann die Rundbürste und gehe zuversichtlich nach Hause.
Und am nächsten Morgen? Klappt nichts. Ich kann den Fön nicht so locker aus dem Handgelenk führen wie mein Friseur; im Gegenteil, ich habe immer Angst mich zu verbrennen. Die Rundbürste verfängt sich in meinen feinen Haaren, und ich kriege sie kaum noch herausgelöst. Von drei Minuten Ruhe kann keine Rede sein, hinter der Milchglasscheibe unserer Badezimmertür tauchen Schemen von ungeduldigen Kinderaugen auf, die irgendetwas wollen - Nase putzen, Lob, Frühstück.
So ist das auch mit den Erziehungsexperten. Es ist viel leichter, von außen auf die Sache zu schauen und tolle Lösungen für die Erziehungsprobleme anderer zu finden. Aber machen wir uns nichts vor: Jedes Elternteil, das im täglichen Clinch mit seinen Kinder steckt und versucht, sie so gut wie möglich groß zu kriegen, weiß, wie kompliziert es werden kann.
Gestern Abend beispielsweise. Ich war müde und geschafft, denn seit zwei Wochen haben wir hier Krankenlager und ich tröste im Dauereinsatz fiebernde Kinder. Inzwischen steigt das Thermometer zwar nicht mehr über 37 Grad, aber dafür ist meine Nervendecke extrem dünn. Die Kinder wollten abends unbedingt Milch vor dem Fernseher trinken, ich gab ihnen den Becher mit der Mahnung, gut acht zu geben. Dann ging ich weg. Drei Minuten später war das Unglück geschehen - unser Sohn hatte herumgehampelt, sein Bein war vorgeschnellt und hatte den Becher erwischt. Die ganze Milch war auf dem Teppich verschüttet.
Ich bin ausgeflippt. Ich war unfair. Ich habe ihn zur Schnecke gemacht. Und während ich herumbrüllte, wusste ich im selben Augenblick, dass ich ihm Unrecht tat. Ich reagierte über, ich ließ die ganze Mühsal der letzten Tage an ihm aus - mein strafender Auftritt hatte im Grunde wenig mit der verschütteten Milch zu tun.
Wer erzieht, macht Fehler. Ein Buch unter diesem Titel hat noch keiner der Herren geschrieben. Es gibt keine einfache, stets saubere Erziehungslösung, ich glaube da keinem Experten. Was mich aber zuversichtlich macht: Kinder, die wirklich geliebt werden, können eine Menge wegstecken. Auch Eltern, die ab und zu mal unfair sind. Vertrauen Sie mir!
In der nächsten Woche ist wieder Fräulein Garbers unterwegs.
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