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15.02.09

Frau Leinemann schiebt durch die Stadt

Bei mir Zuhause gibt es die Testosteronseilschaft

Lust auf eine Autofahrt mit meinem Sohn? Die hat großen Unterhaltungswert. Meine Tochter und ich sind jedes Mal wieder überrascht, wie heftig der Kleine hochkocht, wenn wir auf eine mehrspurige Straße einbiegen. Aber der Reihe nach.

Jede Autofahrt beginnt damit, dass ich ihn in seinem Kindersitz festzurre. Meine Tochter erledigt das alles schon selbst, ich parke aus und schlängele mich durch die eigentlich weiten, aber zugeparkten Straßen von Wilmersdorf - ein Hindernisparcours. Hier blockiert ein UPS-Laster eine Straßenseite, dort steht ein Ich-bin-groß-und-wichtig-Geländewagen in zweiter Reihe. Das übliche eben. Schaue ich in den Rückspiegel, sehe ich einen ausgeglichenen, rundum zufriedenen Dreijährigen.

Aber dann erreichen wir den Hohenzollerndamm. Der Hohenzollerndamm hat drei Spuren. Und sobald ich ein wenig beschleunige, kommen von hinten die ersten Anfeuerungsrufe meines Sohnes: "Los, schneller, Mama, überhol sie. Wir sind die Schnellsten! Schneller, schneller." Natürlich bin ich eine rücksichtsvolle Autofahrerin, was dazu führt, dass auch wir mal zurückbleiben. Wutgeschrei von der Rückbank: "Der hat uns überholt, Mama. Du musst schneller fahren!"

Ist er zufrieden mit meiner Leistung, lobt er mich mit folgendem Reim: "Schneller Propeller, die Oma rast im Keller." Versage ich dagegen auf ganzer Linie, weil ich mich an die vorgeschriebene Geschwindigkeitsbegrenzung halte und auch wenig Lust habe, mich mit tiefergelegten BMWs anzulegen, deren Scheiben getönt und deren männliche Besitzer gerade erst dem Stimmbruch entwachsen sind, wird er wirklich wütend. Er brüllt dann: "Mama, überhol endlich den Penner."

Überhol den Penner? Woher hat mein dreijähriger Sohn das? Aus dem Kindergarten? Nein, nein, ich habe da einen ganz bestimmten Mann in Verdacht. Derselbe Mann, der sich das Grinsen und das Daumen-hoch-Zeichen (zum Glück im Rücken unseres Nachwuchses) nicht verkneifen konnte, als mein Sohn sich weigerte, das Kinderzimmer aufzuräumen und dazu erklärte, das solle gefälligst seine Schwester zun. Sein Argument: "Sie ist ein Mädchen." Natürlich musste er jetzt erst recht aufräumen - alleine.

Machen wir uns nichts vor, in dieser Familie gibt es eine Testosteron-Seilschaft zwischen meinem Mann und meinem Sohn. Bei meinem Sohn haben die männlichen Hormone im Moment volle Durchschlagskraft. So behauptet er beispielsweise, er könne lesen (seine Schwester kann inzwischen tatsächlich lesen, was ihn verrückt macht). Er zeigt also auf Straßenschilder, auf Ladeninschriften, auf die großen Lettern der Cornflakes-Packung - und wissen Sie, was dort immer steht? Der Name unseres Sohnes. Er ist felsenfest davon überzeugt, dass die ganze Stadt mit seinem Namen gepflastert ist.

Klarer Fall von männlichem Größenwahn! Unsere Tochter hatte diese Phase nicht. Es ist fast rührend, wie sehr sich unser Sohn als Herrscher der Welt sieht. Gleichzeitig merkt er natürlich (denn er ist ja irgendwie auch ein kluger, sensibler kleiner Kerl), dass die Welt ihm nicht wirklich untertan ist. Diese Kluft führt zu Wutausbrüchen und - Angstattacken. Unser Sohn macht im Moment keinen Schritt alleine, er muss überall hin begleitet werden, zur Toilette, ins Kinderzimmer, in die Küche. Er lässt sich rundum bewachen, als sei er der amerikanische Präsident. Das alles wird vorübergehen, sage ich mir, es ist nur eine Phase. Vorausgesetzt...

... vorausgesetzt, dass mein Mann ihn nicht zu sehr in seinem männlich-narzisstischen Verhalten bestärkt. Er hat sich allerdings gerade ein - wie er sich ausdrückt - "irres Geburtstagsgeschenk" für unseren Sohn ausgedacht. Mein Mann hat einen Testwagen organisiert, mit dem er zum vierten Geburtstag seines Sohnes vorfahren will. Dessen Kindersitz wird dann vorn festgeschnallt sein statt, wie üblich, hinten. Vorn auf dem Beifahrersitz. Dann brettern beide los. In welchem Wagen?

Einem nagelneuen, knallroten Porsche! Glauben sie mir: Männer sind evolutionär nur wenige Schritte von der Neanderthal-Höhle entfernt.

Nächste Woche rennt wieder Frl. Garbers durch die Stadt.

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