Frau Leinemann schiebt durch die Stadt
Trickfilme sind pures Speed für Kinder
Wir könnten natürlich nächste Woche nachmittags auch zur Berlinale gehen - die Kinder und ich. Die Berlinale hat eine extra Sparte für Kinder- und Jugendfilme, die allerdings im Programm schwer zu finden ist. Nirgends steht "Kinderfilm", stattdessen gibt es eine Rubrik "Teddy", aber wer etwas Ahnung von der Homo-Community Berlins hat, weiß, dass dort Filme vom anderen Ufer gezeigt werden (wie meine Großmutter immer so schön sagte). Die Kinderfilmsektion trägt bei der Berlinale den sonderbaren Tarnnamen "Generation". Nicht Generation X oder Generation @ oder Generation Lillifee. Einfach nur Generation.
Ein Film, der altersmäßig in Frage käme , stammt aus der Tschechischen Republik. Er handelt von einem Mädchen, das sich wie Rotkäppchen kleidet und dessen Eltern glauben, sie seien Außerirdische. Irgendwann kommt ein Raumschiff angeflogen, die Eltern fliegen tatsächlich ins All, und Rotkäppchen bleibt allein zuhause. Nun ja. Die Geschichte reißt mich nicht gerade ins Kino.
Wir gehen bislang in deutlich konventionellere Kinderfilme. Zuletzt haben wir "Madagaskar" gesehen. Ich hatte den Film vorgeschlagen. Zeichtricktiere kommen immer gut bei den Kindern an. Ein Löwe, ein Zebra, ein Nilpferd und eine Giraffe auf Reise - da konnte eigentlich nichts schief gehen. Draußen war es kalt und ungemütlich, ein idealer Kinonachmittag also.
Im Rückblick muss ich sagen : Wir hätten unsere Kinder auch in eines dieser rotierenden Geräte setzen können, mit denen Astronauten ihre Belastungsgrenze bei extremer Schwerkraft testen. Der Metallarm mit Kabine am Ende kreist Runde um Runde schneller, die gut vergurteten Astronauten werden in die Sitze gedrückt, Mund und Auge sind aufgerissen, während sich die Gesichtszüge langsam verzerren. So saßen unsere Kinder in ihren Kinosesseln.
Denn die Zeichentrickproduktionen aus dem Hause Disney sind schnell, unglaublich schnell. Alles ist neunzig Minuten lang auf Hochtouren - die Dialoge, die Schnitte, die Handlung, die Musik, die Farbfolge. Es ist, als würde man Eddie-Murphy-Filme aus den 80er Jahren nehmen (Sie erinnern sich sicher an diese quäkende, ewig plappernde Eddie-Murphy-Stimme) und in Vin-Diesel-Action-Manier zusammenschneiden. Pures Speed für Kinder.
Ich bin nicht sicher, ob unsere Kinder auch nur im Ansatz die Geschichte kapiert haben. Vom ersten Moment an flogen Tiere durch die Luft, stürzte ein Flugzeug ab, gabelte im Sturz schachspielende Affen auf und landete irgendwie am Ende weich mit Hilfe von Fallschirmen in Afrika, während vorne die Pinguin-Piloten eine tanzende Hula-Hoop-Plastikpuppe auf dem Armaturenbrett anhimmelten. Diese ganze Sache mit der Landung und der Hula-Hoop-Puppe war ein ironisches Filmzitat aus "Space Cowboys", aber das kriegen Drei- und Fünfjährige nicht so mit.
Überhaupt waren die Dialoge ausschließlich für die erwachsenen Begleitpersonen im Kino gemacht. Walt Disney will ja mit seinen Zeichentrickfilmen inzwischen alle holen, die Vorschulkinder genauso wie die Rentner. Kaum ein Kind lachte während der Vorstellung, dagegen hatten ein Vater aus der Sitzreihe hinter uns und ich viel Spaß - der Film bot ein Feuerwerk von Anspielungen, Zoten und ironischen Wortspielen. Es kamen im Lauf der Zeit sogar eine stattliche Anzahl von heftigsten Schimpfwörtern zusammen, aber davon drohte den Kindern keine Gefahr; die waren viel zu sehr von den schnellen Bildern gefangen, um noch dem Text zu folgen.
Mir ist völlig unbegreiflich , warum wir unsere Kinder dermaßen beschleunigen müssen. Es sind doch keine Mini-Erwachsenen. Kinder sind langsame Denker, das ist ihr gutes Recht. Sie lieben weiterhin den schlichten Humor von Räuber Hotzenplotz, der Großmutters Kaffeemühle klaut, die "Alles neu macht der Mai" spielt. Schaut man sich die alten Pippi-Langstrumpf-Filme an, denkt man, Regisseur, Kameramann und Produzenten müssen alle auf Baldrian gewesen sein, so bedächtig läuft die Handlung ab.
Egal - bei dem Pippi-Film haben die Kinder im Kino brüllend gelacht. Nur wir Erwachsenen fanden den Humor etwas, naja, kindlich.
In der nächsten Woche ist wieder Fräulein Garbers unterwegs.
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