Frau Leinemann schiebt durch die Stadt
Erst das Baby, dann schnell zum Fettabsaugen
Vier Tage! Ganze vier Tage lag die französische Justizministerin Rachida Dati nach der Geburt danieder, um dann am fünften Tag wieder gut gelaunt bei der Arbeit zu erscheinen. Das sind 96 Stunden Wochenbett. So lange haben etwa meine Wehen gedauert.
Eine Geburt ist doch keine Gallen-OP. Dachte ich bislang. Nach einer Gallen-OP sind die Liegezeiten ähnlich kurz. Doch Mademoiselle Dati belehrt mich eines besseren - Fotos zeigen sie, wie sie beschwingten Schrittes auf Highheels über den Hof ihres Ministeriums geht, die Haare perfekt, die Figur im kleinen Schwarzen appetitlich sanduhrförmig. Unter dem linken Arm trägt sie eine Minister-Aktenmappe, damit wir auch nicht vergessen, wer sie ist. Sie lacht in die Kamera.
Womöglich ist alles gestellt. Ich sehe Dati förmlich aus dem Bildausschnitt treten, wo ihre beiden Assistentin schon warten. Die eine hat gemütliche Pantoffeln in der Hand, damit die arme Rachida von den verdammten High-Heels runterkommt, die (durch die erzwungene Körperspannung) zu unglaublichen Schmerzen an der Kaiserschnittnarbe führen. Die andere reicht ihr kühlende Weißkohlblätter für die Brust, die gerade zu explodieren beginnt, weil Frau Dati durch den Fototermin das Stillen ihres Babys um eine halbe Stunde nach hinten verschieben musste. Vielleicht haben sie ihr ja freundlicherweise auch einen Rollator hingeschoben, auf den sie sich beim Gehen in leicht gekrümmter Haltung abstützen kann.
Durchschnittliche Frauen stützen sich auf die rollenden Babyplastikwannen im Krankenhaus oder missbrauchen den Kinderwagen als Haltegriff. Frau Dati jedoch ist der Typus der neuen Power-Mutter, der unter Prominenten jetzt immer häufiger vorkommt. Die sieht man eigentlich nie mit Kinderwagen, die tragen, wenn überhaupt, ihre Kinder. Siehe Angelina Jolie. Ein Kinderwagen ist in einem Leben in Überschalltempo viel zu unhandlich - aus dem Flugzeug raus, in die Limousine rein, beim Hubschrauber wieder raus, auf die Yacht rüber. Wer will da jedes Mal den kofferschweren Teutonia auf- und wieder abbauen?
Zurück zur Geburt. Was hat die einst so intime, in Wochen gebettete Zeit der Niederkunft derart revolutioniert? Wieso kann man heute ein Kind kriegen und Tage später schon halbnackt für Victoria's Secret über den Laufsteg gehen? Ganz einfach: Weil der OP-Saal den Kreißsaal abgelöst hat.
Eine Freundin aus Hamburg, die gerade mit waldickem Bauch auf dem Sofa liegt und die Ankunft ihres dritten Kindes erwartet, erzählte mir, dass die Geburtsstation ihres Krankenhauses im Internetauftritt offensiv mit einem großen Kaiserschnitt-Bild wirbt. Nichts lässt sich besser eintakten als ein Kaiserschnitt. Die Terminkalender von Mann und Frau werden aufgeschlagen und abgeglichen: "Wie wäre es, das Kind kommt Montag, 10 Uhr. Dann kannst du noch einen halben Tag arbeiten, Schatz." Vermutlich kann man in bestimmten Kliniken Kaiserschnitt und Fettabsaugen gemeinsam als Wellness- & Geburtspaket buchen. Damit die Figur beim Verlassen des Krankenhauses gleich wieder stimmt.
Ich bin keine Gegnerin von Kaiserschnitten. Von mir aus muss keine Frau sich verrückt machen, weil sie das Erlebnis der natürlichen Geburt nicht hatte. Bitte sehr - jede nach ihrer Facon.
Und doch geht etwas verloren. Ein großer, schicksalhafter Moment, dessen Ankunft man nicht selbst in der Hand hat. Dieses Warten auf die Wehen war eine der intensivsten und verrücktesten Zeiten meines Lebens. Unsere Kinder haben sich beide viel Zeit gelassen. Ich sehe mich noch vor der ersten Geburt auf dem Sofa sitzen, meinem Mann und mir fiel die Decke auf den Kopf. Also haben wir uns "Natürlich Blond II" angesehen. Wer meinen Mann kennt, weiß, wie erstaunlich das ist. Nicht gerade der Typ für romantische Komödien.
Das Baby von Rachida Dati wird auch ohne Mutter im Wochenbett groß und stark werden. Und natürlich kann eine Justizministerin nicht für Monate von der Bildfläche verschwinden. Aber vier Tage! Das klingt mir verdächtig nach einer gesellschaftspolitischen Botschaft. Sie lautet: "Kinder kosten kaum Zeit. Nur Geld."
Schade, sie wird viel verpassen.
Nächste Woche rennt wieder Frl. Garbers durch die Stadt
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