Geschichten aus Zoo und Tierpark
Der kleine Bruder der Piranhas
Samstag, 16. Mai 2009 10:09 - Von Tanja LaningerKatzen sollten ihn lieber in der Dose kaufen: den Exodon paradoxus. Rund 30 Exemplare dieser Raubsalmler schwimmen seit drei Tagen in Becken elf im Zoo-Aquarium. Sie sind entfernte Verwandte der Piranhas und leben im Amazonas.
Katzen sollten ihn lieber in der Dose kaufen: den Exodon paradoxus. Rund 30 Exemplare dieser Raubsalmler-Art schwimmen seit drei Tagen in Becken 11 im Zoo-Aquarium. Sie sind entfernte Verwandte der Piranhas. Nicht so berüchtigt, aber genauso gierig nach Frischfleisch und Blut. Sie könnten, wenn auch nicht die ganze Katze am Stück, so doch in Windeseile alle vier Pfötchen abknabbern. Nun schwimmen Hauskatzen selten im Amazonas, dem ursprünglichen Lebensraum der 15 Zentimeter langen Raubfische, und sind sicher vor Unter-Wasser-Attacken.
Kleinste Fische haben aber ausgeschwommen, wenn sie auf einen Trupp Raubsalmler treffen. Auch gegenüber größeren Fischen wie Guppys verhält sich Schwarm nur scheinbar politisch korrekt. Dann schert einer aus und kostet vor. Oder ein Guppy hustet. „Dann fallen alle Raubsalmler über ihn her, reißen ihm Schuppen aus und beißen seine Flossen ab“, sagt Hasselmann. Am Ende trudeln Gräten zu Boden. Das kann zu rapidem Bewohnerschwund in Aquarien von Privathaushalten führen. „Unter Aquarianern kursiert deswegen der Spruch: Jeder sollte mal auf diese Räuber reingefallen sein“, sagt Reviertierpfleger Marco Hasselmann, „denn schön und interessant sind sie allemal!“
Auch wer größer ist, hat langfristig nur eine Chance auf friedliche Koexistenz, wenn er selbst keine Schwäche zeigt. Denn Raubsalmler sind immer stark, wenn Andere schwächeln. Deshalb sind die zweigetupften Raubsalmler, kaum länger als eine Zigarette, auch Teil der amazonischen Gesundheitspolizei. Sie fressen sogar Aas. Auch von Ihresgleichen.
Die Nachzucht ist schwierig, weil die Jungtiere sich gegenseitig anfallen. Trotzdem müssen sie im Aquarium ihr Becken teilen. Hasselmann wird den 30 Exemplaren demnächst einige Welse hinzusetzen. Die Welse waren nicht etwa unartig oder haben schlampig das Glas geputzt. Nein. Anders als Guppys – oder blutende Katzen – brauchen Welse sich vor Raubsalmlern nicht zu fürchten. „Diese Welse sind langsam und saugen sich oft an Pflanzen fest. Sie bewegen sich so untypisch, dass sie nicht als Beute erkannt werden.“
Im Zoo-Aquarium füttert Hasselmann die agilen Beißerchen mal mit Flockenfutter und mal mit Frostfischen, die eigentlich für die großen Raubfische gedacht sind. Die, über deren Becken Schilder hängen mit der Aufschrift: „Vorsicht, nicht ins Becken greifen!“ Wie der dicke Zitteraal etwa, oder die großen Wolfssalmler.
„Die Salmler bilden eine eigene große Ordnung“, sagt Hasselmann. Fast immer haben die Weibchen einen größeren Bauch als die Männchen. „Sie tragen die Eierstöcke mit sich rum, die sind größer als die Hoden“, sagt Hasselmann. So ist das. Von wegen dicke Eier.
Salmler sind lebende Fossilien. Es gab sie schon vor 130 Millionen Jahren auf dem Superkontinent Gondwana. Dann kam die Kontinentaldrift. Gondwana brach auseinander und heute sind Salmler in Afrika und Südamerika zu finden. Alt werden sie auch, über fünfzig Jahre die Ältesten, und das ohne richtigen Schlaf. „Sie können nicht die Augen schließen, womit denn, sie haben keine Lider“, sagt Hasselmann. „Wenn sie müde sind, schwimmen sie einfach langsamer.“
Die Hektik am Tage dient neben den zwei großen schwarzen Tupfen auf jeder Körperhälfte dazu, Feinde zu verwirren. Die Zweifleck-Raubsalmler schwimmen so schnell kreuz und quer, dass ihre gefährlichen großen Onkel und Tanten, die berüchtigten Piranhas, oder Krokodile, keinen einzelnen Fisch herausgucken können. Und mit einem riesigen Schwarm will sich keiner anlegen. Doch wehe, ein Raubsalmler verschwimmt sich. Allein ist er verloren und landet schnell im Magen eines anderen Raubfisches. Oder im Maul einer Katze. Nicht nur Liebe geht durch den Magen.











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