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12.02.12

Karaseks Woche

In Stiefmuttersprache

In der Flut der Literatur, die sich zum 300. Geburtstag Friedrichs des Großen bis zum 24. Januar auf dem Buchmarkt ausbreitete, war für mich ein schmaler Band der interessanteste, die Novelle von Hans Joachim Schädlich "Sire, ich eile" (Untertitel: "Voltaire bei Friedrich II.").

Er schildert mit dokumentarisch belegter Präzision in knappen, gehämmerten Sätzen die Eitelkeiten, Zuneigungen und Enttäuschungen im Leben Voltaires am preußischen Hof. Friedrich, der Voltaire schon als Kronprinz verehrte, rief ihn aus Frankreich ins kalte, karge Brandenburg. Die Beziehung endete in einer Enttäuschung. Als Voltaire aus Angst um Leib und Leben aus Potsdam nach Frankreich flüchtete, wurde er auf Friedrichs Geheiß in Frankfurt am Main arretiert und seiner Aufzeichnungen beraubt, ehe er weiterreisen konnte. Die Geschichte ist bekannt, Schädlich versteht es dennoch, sie als eine spannende Dreiecksgeschichte zwischen dem König, Voltaires Lebenspartnerin Èmilie du Châtelet und Voltaire zu erzählen.

Für mich am aufregendsten waren die herbeizitierten deutschen Briefe des Königs an seinen Kammerdiener Michael Fredersdorf. Die Fakten: Fredersdorf war dem König der Liebste und Vertrauteste, zumindest neben seinen Windspielen, und er litt an Hämorrhoiden. Der König, der sonst nur Französisch schrieb, dachte und las, musste seine Besorgnis in dem ihm ungeliebten und fremden Deutsch zu Papier bringen: "Es ist sehr unangenehm, Krank zu seindt und zu leiden, aber wenn Kein ander Mittel, als gedult, so mus Man es doch ergreifen! Du wirst gewise beser werden und in erträglichere umbstände Komen, allein wenn Du bei Deinem paroxismus ein-mahl hitzige medecine ein-nimmst, so ist es aus und Kann Dier Keiner helfen, habe mehr gedult, und nehme mahl 3 monaht nichts, als wenn es Cothenius guht findet, ich wette, Du wirst weiter Kommen, als wie mit alle die neue Docters, so wie es ohnmöchlich ist, daß eine Kirsche in einem Tag blühet und reife wirdt, so ohn-möglich Kann man Dihr in 4 Wochen gesundt maachen ... Fch"

Voilà! Selbst wenn wir uns vor Augen halten, dass Konrad Dudens Rechtschreibung zu jener Zeit noch sehr weit entfernt war, und wenn wir uns erinnern, dass Goethes verehrte Mutter ein ähnliches orthografisches Kauderwelsch schrieb, ist diese Mischung aus edler Besorgnis und elender Deutschkenntnis doch einmalig auf einem deutschen Thron.

Es ist eine Art herrscherliche Legasthenie, die uns aus dem Spiegel des preußischen Herrschers anfällt. Nicht Muttersprache, sondern Stiefmuttersprache. Und tut ihm doch keinen Abbruch.

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost

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