Karaseks Woche
Lederkäfer als letzter Mohikaner
Jetzt geht es wieder los. Nachdem der Nordflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs unter der wütenden Begleitung von Demonstranten im letzten Herbst abgerissen wurde, geht es jetzt dem Südflügel an den Kragen. Am Freitag entfernte die Polizei, indem sie sie sanft auf Händen trug, die Demonstranten zu Rikscha-Preisen.
Die Geißler-Schlichtung, die Abwahl von Mappus, die Ausschreitungen bei den Demonstrationen, all das wird Abriss und Neubau jetzt nicht mehr verhindern.
Nun hilft nur noch alles, was da kreucht und fleucht und was da grünt und sprießt. Auch hier gibt es die erste Schlappe: Die Hufnasenfledermaus, so konnte die Bahn beweisen, wurde durch die Bagger nicht in ihrer Winterruhe gestört.
Bleibt also nur noch der Juchtenkäfer. Die Bäume im Schlossgarten dürfen laut Gerichtsbeschluss nicht abgeholzt werden, weil dieser Käfer in seinem Artbestand gefährdet ist. Ich habe dem Juchtenkäfer nachgespürt, wie es sich gehört in "Brehms Tierleben" von 1884, und habe ihn zunächst nicht gefunden - bis ich seinen lateinischen Namen fand: Osmoderma eremita, ein "Eremit mit Lederhaut". Er gehört zu den Laubkäfern, einer Unterart der Blatthornkäfer. Brehm erwähnt ihn als "größten Europäer" dieser Abteilung und gewissermaßen als "Vertreter der Goliathe". Brehm erinnert sich an seine Kindheit, wo er noch nicht "Juchtenkäfer", sondern "Lederkäfer" hieß, "wie er wegen seines Geruchs von uns in der Kinderzeit allgemein genannt wurde".
Als schön galt der Eremit, der an faulen Bäumen lebte, nicht. Er mag alles ungesunde, mürbe Holz, von welchem sich die gedrungene Larve höchstwahrscheinlich mehrere Jahre hintereinander ernährt. Der Wald wird durch die Larven gewissermaßen "mulmig", also weich-modrig im Bauch.
Ob ehemaliger Leder- oder heutiger Juchtenkäfer: Er heißt so, weil er nach lohgarem Leder riecht, "wie es früher ausschließlich in Russland gegerbt und mit Birkenteeröl gebeizt wurde". Juchtenleder ist seit der Zeit ein recht männliches Parfüm, trotzdem nicht mit dem Moschusgeruch des Ochsen zu verwechseln.
Dieser drei Zentimeter lange Goliath, der als Larve Bäume vor giftigem Pilzbefall bewahrt, ist der letzte Held im Stuttgarter Bahnhofskrieg. Aber auf seine Hilfe wird das Fähnlein der letzten aufrechten Wutrentner, so ist zu fürchten, bald verzichten müssen. Man gibt seinem Stuttgarter Artenschutz an den Füßen von "Gingko", "Weißtanne" und "Rosskastanie", von "Zwiebelkiefer", "Silberweide" und "Hängebirke", wie es touristische Führer durch Stuttgarts bedrohte Bahnhofsflora und -fauna inzwischen erläutern, nur noch drei Monate.
Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost
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