Horrmanns Gourmetspitzen
Einfach mal unkompliziert
Warum gehen wir so gerne zum "Italiener"? Egal ob Sterneküche oder Pizzeria, bei jedem Laden, in dem Pasta und Pino Grigio auf der Karte stehen, sprechen wir vom "Italiener". Ich glaube, es geschieht wegen einer tiefen Sympathie für die Küchenrichtung. Und weil wir uns auf diese vereinfachte Weise keine Namen merken müssen.
Von Heinz Horrmann
"Gehen wir ins Ristorante Mondo Pazzo" klingt in der Tat komplizierter. In diesem minimalistisch eingerichteten Lokal an der Charlottenburger Schlüterstraße mit der von den Gästen gewünschten lockeren Atmosphäre und schnörkellosen Küche, aber sorgfältigem Service, ist sowohl zur Lunchzeit als auch am Abend großer Andrang, sodass eine Reservierung jederzeit sinnvoll ist.
Bei meinem Besuch waren die Tische im Restaurant allesamt besetzt. Trotzdem blieb die Bedienung jederzeit aufmerksam. Als beispielsweise meine Serviette zu Boden fiel, entging das dem Kellner nicht. Er wechselte sie ungebeten und sofort aus. Zum Brot wird am Tisch eine Oliven-Öl-Balsamico-Meersalz-Mischung angerichtet. Die Brotqualität ist sehr appetitlich.
Ausgezeichnete Weinpflege
Bei einer derart angenehmen Stimmung, die auch vom gemütlichen Ambiente mit edlen Wein-Etiketten großer italienischer Lagen in Übergröße als Wandschmuck geprägt ist, muss es nicht unbedingt die große Gourmet-Küche sein. Das gilt auch für die Weinwahl. Ein simpler Gavi oder Pino Grigio schlägt dann selbst die Top- Kreszenzen. Und eisgekühlt fallen die kleinen Schwächen nicht mehr auf. Die Weinpflege ist in diesem Restaurant übrigens ganz ausgezeichnet. Bei glasweise bestellten Weinen wird eine frische Flasche geöffnet und zuerst probiert.
Kommen wir zu den Speisen. Da war der vorgetragene Wunsch: Ich habe Lust, auf einen kross gegrillten Fisch und einen saftigen Salat. Eine einfache Vorgabe. Der frische Feldsalat kam gut gewaschen auf den Teller. Zum Glück knirschten, wie sonst leider so häufig, beim Kauen keine Sandkörner zwischen den Zähnen. Da das Dressing, sagen wir mal, geschmacksneutral war, habe ich in Selbsthilfe die bereits angesprochenene Öl-Balsamico-Salz-Mischung zweckentfremdet und selber eingerührt. Wunderbar.
Der Loup de Mer vom Grill war auf der Haut gegart, kross wie gewünscht, und herzhaft gewürzt. Das gibt die volle Punktezahl. Auch der Thunfisch überzeugte, außen angebraten, mit Röstaromen versehen und innen saftig roh wie Sashimi.
Wer immer sich derart naturbelassene Speisen wünscht, dem kann geholfen werden. Im Mondo Pazzo ist er genau richtig. Augenscheinlich denken da viele Gäste so wie ich. Ich kam genau 15 Minuten, bevor im Restaurant der ganz große Ansturm losging und selbst ein amerikanischer Top-Hotelier ohne Reservierung keinen Platz mehr bekam.
Die Kellner stürmten im Eilschritt durch das Lokal, es waren keine vergrantelten Senioren-Exemplare, sondern unbekümmerte, fröhliche Männer mit aufgekrempelten Hemdsärmeln. Urlaubsstimmung in Italia.
Auch im Verlauf des Abends will die Küche nicht mehr scheinen als sein, vielleicht ist das der Grund, warum das Restaurant nicht in einem einzigen Führer auftaucht.
Das beste Vitello Tonnato
Die Speisekarte ist handgeschrieben. Jeden Tag mittags und abends aufs Neue. Sie offeriert neben den Standards wie gebratenen Calamari auf Ruccola, Carpaccio vom Rind, Muscheln in Weißwein oder Büffelmozzarella mit Basilikum interessante Kreationen. So zum Beispiel die zarte Fasanenbrust, das Kalbskarree vom Grill oder eine köstliche Fischsuppe, zubereitet mit tagesfrischen Fischen.
Natürlich sind auch einfache, kostengünstige Antipasto im Angebot. Wie könnte es anders sein? Aber das Vitello Tonnato (11,50 Euro), die hauchdünnen Kalbfleischscheiben mit Thunfischsauce, habe ich bisher nirgendwo besser serviert bekommen. Auch die Nudelqualität ist sehr ordentlich. Spaghetti (mit Biss) in Kombination mit knackigen Scampi oder Filetspitzen sind wahrlich keine Weltsensation der Kochkunst. Aber eben gut gemacht. Eine besondere Geschmackskombination erlebten wir mit den Fedelini mit Trüffeln und Steinpilzen. Ein ausgewogenes Aromazusammenspiel.
Für Freunde wird die Dorade serviert, im Ganzen gegrillt, mit gekräuterter, schöner brauner Haut. Die frischen Fische sind die Empfehlung und dabei sollte man bleiben. Am Nebentisch mühten sich Gäste mit der Festigkeit eines Entrecotes. Weniger empfehlenswert, offenbar. Und wenn ich ein Rinderfilet essen möchte, kombiniert mit Pariser Pfeffersauce, wie ebenfalls auf der Karte, dann gehe ich nicht zum Italiener (da ist sie wieder: die Standard-Bezeichnung für die Küchenrichtung). Auch bei den Desserts hat die Restaurant-Küche auf Sparflamme geschaltet. Es gibt das dreiblättrige Kleeblatt der Italienstandards: Tiramisu, Erdbeeren, Cassata.
Wer im Mondo Pazzo unkomplizierte italienische Landküche genießen möchte, schaut beim Wein selten auf große Lagen. Dafür bekamen wir für 25 Euro einen erstklassigen Toskana-Chardonnay des exzellenten Jahrganges 2005 und bei aller Hektik fand der Service stets Gelegenheit zum Nachschenken. Ich habe sehr viele Gäste gesehen, die glasweise bestellten und ebenso oft war Bier der Getränkewunsch. Auch dafür wurde problemlos gesorgt. Ganz gleich, wie viele Gäste gleichzeitig bedient werden wollten, zu einer Verabschiedung wie unter Freunden nahm man sich die Zeit. Dabei war es unser erster Besuch.
Restaurant Mondo Pazzo Schlüterstraße 52, Charlottenburg, Tel. 885 11 21, Öffnungszeiten: Montag bis Freitag ab 12 Uhr, Sonnabend und Sonntag ab 17 Uhr, alle gängigen Kredit- und EC- Karten, mondo-pazzo.de
Heinz Horrmann schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost
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