Horrmanns Gourmetspitzen
Sterneküche unter der Zirkuskuppel
Von wegen, Erlebnisgastronomie wie das "Palazzo" sei nur Showgeschäft mit ein wenig Nahrungsaufnahme: Die neue Ausgabe mit Spaß für alle Sinne im Spiegelzelt serviert Kulinarik in feinster Form. Davon habe ich mich überzeugen können. Die Show "Love Fools - Eine delikate Romanze" profitiert vom Zusammenspiel der befreundeten Experten Hans-Peter Wodarz, Erfinder dieses abendlichen Genusses voller Lebensfreude, und Christian Lohse, dem besten Koch in der Metropole, der die Gerichte komponiert und mit dem Team trainiert hat.
Wenn man bedenkt, wie Wodarz angefangen hat, mit Pomp Duck und Möhrensüppchen plus Entenbraten, ist das eine spektakuläre Entwicklung. In der aktuellen Aufführung, die am letzten Wochenende Premiere hatte, verrieten schon die Vorspeisen auch den Laien in der Genießer-Gemeinde, was eine Zwei-Sterne-Küche ausmacht. Für mehr als 400 Gäste wurde Vielfalt brillant angerichtet. Ich habe mir die Vorbereitungen in der Küche mit den 14 Mitarbeitern und Pierko Stenzel-Zorn als Lohses Küchenchefin angesehen. Da waren in endlosen Reihen die kalten Elemente auf den Tellern platziert. Die warmen Köstlichkeiten wurden in letzter Minute dazugelegt. So die gebackene Garnele im Knuspermantel oder panierter und gebackener Kalbstafelspitz. Schließlich die Suppe von rosa Linsen mit confierten Gambas. Ohne Wenn und Aber hatte das Sterne-Niveau.
Die Küchen in der so genannten Event- Gastronomie - im ganzen Lande mittlerweile breit aufstellt -, sind so unterschiedlich in Ausführung und Qualität wie die Show-Elemente, die vor allem in der Vorweihnachtszeit für ein paar Stunden Ablenkung sorgen. Als Hans-Peter Wodarz, Gottvater dieser inzwischen x-fach nachempfundenen Genuss-Richtung einstieg, sorgte er nach dem Wechsel von "Pomp Duck" über "Belle et Fou" zu "Palazzo" von Anfang an dafür, dass die Berliner Ausführung des in sechs Städten gastierenden Entertainments die beste Küchenleistung präsentierte.
Was heißt "gesotten"?
Der zweite Gang Filet vom Kabeljau in Aromaten gedämpft mit geschmolzenem Spitzkohl und Creme von grünem Thai-Curry riss mich nicht vom Stuhl. Diese innere Explosion, verbunden mit feinster Gaumenfreude blieb dem folgenden Entengang vorbehalten. Es war nicht ein einfacher Entenbraten aus dem Rohr. Diesmal wurden Keulen serviert, "gesotten und geröstet", wie es auf der Menü-Karte stand. Mehrfach bin ich gefragt worden, was "gesotten" heißt. Es kommt vom "Sieden": Die Keulen wurden zuerst gekocht und dann ausgebraten. Das Ergebnis ist butterzartes Fleisch mit krosser Außenpartie. Dazu gab es Sauerkraut, Karotten und einen ganz interessanten, leicht süßlichen Tee-Korinthen-Jus.
Im Gegensatz zu meinem TV-Partner Reiner Calmund bin ich kein großer Dessert-Freund, aber ich gestehe, im "Palazzo" habe ich den vierten Gang "Alles um die Schokolade" so richtig haltlos genossen: das Parfait von der Ivoire Schokolade mit roten Himbeeren, Schokocrisptarte mit einer göttlichen Cappuccinocreme, andalusischen Knuspermandeln und einer legierten Trinkschokolade, leicht parfümiert mit Zimtblüten.
Unabhängig von allen gekonnten Ausführungen ist grundsätzlich das Schöne an der Palazzo-Küche, dass es hier kein Trend-Essen aus dem Chemiebaukasten gibt. Auch Fast Food findet nicht statt. Insgesamt steht unter dem Strich eine Bewertung knapp unter der Sternengrenze. Und das für 400 Gäste. Wahrlich außergewöhnlich.
Der Service gehört zur Show oder die Show zum Service. Doch diesmal agiert der ganze Bedienungsapparat stilvoll und gut geschult, allein darauf konzentriert, den Gast zu verwöhnen. Die Weinkarte ist klein, umfasst günstige Kreszenzen, aber wer lechzt schon nach einem Mouton-Rothschild, wenn die Künstler mit sensationeller Akrobatik auf dem Seil den Atem rauben?
Doch auch unabhängig vom tollen Unterhaltungsprogramm mit Las Vegas-Atmosphäre ist alleine das, was auf den Tisch kommt, empfehlenswert. Was der Spaß kostet? Die Preisliste beginnt bei 79,90 Euro, 99,90 Euro am Wochenende. Die Getränke müssen extra bezahlt werden. Natürlich macht das Showprogramm Spaß, über die Einzelheiten haben Sie in dieser Zeitung gewiss schon ausführlich gelesen. Mir geht es darum ausschließlich um die Qualität des Menüs und des Service-Ablaufs.
Dass unter dem Strich eine erstklassige Bewertung steht, hat natürlich mit Wodarz' Engagement zu tun, dem von je her leidenschaftlichen Koch, der vor mehr als 30 Jahren in der "Ente vom Lehel" im Nassauer Hof Wiesbaden den ersten Stern bekam und der heute noch am Herd probiert und verbessert.
Musikalische und akrobatische Unterhaltung beim Abendessen wie im Ferienclub ist gewiss ein gutes Rezept. Stimmung, Gags, wunderbar ästhetische und biegsame Körper und Illusionisten sind ein amüsanter Rahmen. Die unterhaltsame Mischung aus Schauen und Staunen setzt allerdings das Schmecken ganz oben an. Und dafür steht Christian Lohse, meine Nummer Eins in der Stadt.
Heinz Horrmann schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost
Spiegelpalast Humboldthafen am Hauptbahnhof, Tickets und Information unter www.palazzo.org , Tel. 01805-38 88 83
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