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22.10.11

Gourmetspitzen

Vor dem Musical noch ein Ausflug ins Grand Hyatt

Der Service ist zumeist auf gutem Niveau, das Ambiente in den Berliner Hotels, ganz gleich ob klassisch oder modern, in vielen Domizilen interessant und gut. So definieren sich die Hotels der Metropole im harten Wettbewerb stärker als in anderen deutschen Städten über die Qualität ihrer Restaurants. Zumeist sind es in den Top-Häusern sogar zwei Lokale mit unterschiedlicher Ausrichtung.

Im Grand Hyatt Berlin hat der Gast die Auswahl zwischen drei kulinarischen Möglichkeiten. Fred Hürst, der Hausherr, ist kein (Michelin-)Sternjäger, er offeriert nur genussvolles Essen und Trinken, ohne Gourmettempel-Atmosphäre. Gegenüber dem Restaurant "Vox", mit asiatisch geprägten Gerichten, hebt sich das Tizian im hinteren Teil der Lobby ganz bewusst ab. Hier wird eine schnelle günstige Küche zelebriert. Man kümmert sich ganz besonders um die Besucher des Musicaltheaters am Marlene-Dietrich-Platz, gleich nebenan. Ein schnell serviertes Theater-Menü, für vor oder nach der Vorstellung, ist mit 39 Euro sehr fair berechnet.

Ich habe es probiert. Das Kürbiscremesüppchen mit crème fraîche verfeinert und mit Steirer Kernöl parfümiert, ist ein gelungener Einstieg. Die geschmorte Rinderschulter lebt vor allem von der kräftigen Reduktion. Das ist einfach eine köstliche Sauce. Eine kleine Dessertkombination mit Nugattörtchen, Zwetschgenröster und Joghurt-Eis ist ein köstlich leichter Abschluss.

Die Speisekarte des "Tizian" bietet eine Kombination aus Klassikern und leichten, regionalen Gerichten. Da ist Küchendirektor Josef Eder in seinem Element. Einerseits arbeitet er mit "Ferne-Welt-Palette", manchmal also gewagt mit aufregender Aroma-Vielfalt. Dann wieder geht es gut bürgerlich zu, ordentlich und gekonnt wie bei Muttern.

Der Zander aus der Müritz (ob es da wirklich noch welche gibt?) wird kross auf der Haut gebraten mit Limonen und Kapern. Wer mag, bekommt hausgemachte, herzhafte Bratkartoffeln dazu. Vor allem aber den Fisch wechselt die Küche nach Angebot des Marktes. Das garantiert Frische. Das Doraden-Filet kommt mit Spinat und einer milden Zitronenbutter zum Gast. An einem anderen Tag wurde Seezunge serviert, die man nach meinem Geschmack nicht besser machen kann.

Gewiss ein Highlight im "Tizian"-Programm, aber es gibt auch die Klassiker, die Tag für Tag im Angebot sind. Das pfannengroße Wiener Schnitzel beispielsweise. Eder lässt das Paradestück in geklärter Butter goldbraun braten, die Bindung zwischen Panade und Kalbfleisch ist perfekt.

Ein Rinderfilet serviert gewiss inzwischen jedes Dorfgasthaus. Mit Portwein-Schalotten, angeschwenkten Waldpilzen und Trüffelpüree allerdings hebt es sich im Hotel-Restaurant mit dem großen offenen Kamin und den gemütlichen Ecken ganz deutlich ab.

Es gehört zum Konzept im Lobby-Restaurant des Hotels, keine großen Menüs anzubieten und keine kreativen Höhenflüge zu starten. Wer das mag, kann über den Flur ins Restaurant "Vox" gehen. Für kleines Geld zwischen neun und 14 Euro gibt es dort schnelle Leckereien wie etwas voluminösere Frühlingsrollen mit Chili-Honig-Sauce, Spaghetti oder Club-Sandwich mit Truthahn, Speck, Ei, Tomaten und Pommes Frites. Für den, der das mag, eine gute, schnelle Mahlzeit. Die Desserts, der kleine süße Nachschlag, sind allerdings nur Standards, wenig aufregend, eben Tiramisu, Crème Brûlée und Co.

Für Geschäftsbesprechungen mit angenehmem Mittagessen kombiniert, haben die Berliner eigentlich wenig Sinn. Sie drängen stets schnell zum finalen Prost. Seit der Hugenottenzeit haftet in der Hauptstadt dem Gedanken, das Business beim Burgunder oder Lunch genüsslich zu zelebrieren, Frevelhaftes an. Nimmt man einmal das Borchardt aus, bleibt darum das Mittagsangebot der Restaurants ein Zuschuss-Geschäft.

Von den Hotel-Küchen hat sich nur das Grand Hyatt aus der Breite der allgemeinen kulinarischer Sanierungsfälle abgesetzt. Chef Fred Hürst kann jubeln: Auch mittags ist seit Jahren regelmäßig Betrieb.

Ein Wort abschließend zum Service im Tizian: Viel wichtiger als technische Abläufe, ob nun von rechts oder links serviert wird, ist mir die natürliche Freundlichkeit der Bedienung. Durch gute Schulung stimmt hier beides. Wie im "Vox" wird mit einem Lächeln serviert und alle Abläufe wirken geschliffen. Kompliment.

Restaurant Tizian im Grand Hyatt Berlin Marlene-Dietrich-Platz 2, Tiergarten, Tel. 25 53 17 64, täglich von 8 bis 24 Uhr geöffnet, www.tizian-restaurant.de

Quelle: Heinz Horrmann schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost
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