Abonnenten-Login Serviceangebote der Berliner Morgenpost Specials der Berliner Morgenpost
06.08.11

Gourmetspitzen

Am Rand des Bahndamms wird mutig experimentiert

Immer, wenn ich vorbeifahre, fasziniert mich das kleine Fachwerkhaus, das in regelmäßigen Abständen dem geplanten Abriss entkommen ist und heute wie auf einer einsamen Eisscholle zu treiben scheint.

Keine Nachbarn weit und breit, nur platt gewalztes Bauland. Sollte die unsinnige Investition in den geplanten gigantischen Bau eines neuen Innenministeriums doch noch zum Tragen kommen, wird das schmucke, denkmalgeschützte Häuschen in den nach vorliegenden Plänen so hässlichen neuen Komplex einbezogen. Das Restaurant Paris- Moskau bleibt erhalten und damit eine interessante Küche in der Metropole.

Der besagte Zug, der dem Restaurant seinen Namen gab und die beiden Metropolen verbindet, kommt erst kurz nach Mitternacht. Dann donnert der tägliche Express Paris-Moskau über den Alt-Moabiter Bahndamm. Das Puppenstübchen am Rande der Strecke erzittert dann im Rhythmus. Im Jahr 1898 war das schmucke Häuschen als Schenke im Einzugsbereich des ehemaligen Lehrter Fernbahnhofs gebaut worden. Zwei Jahre vor der Wende bekam das Lokal dann seinen heutigen Anstrich und den passenden Namen: "Paris-Moskau".

Die Inneneinrichtung ist längst nicht mehr so kühl wie dereinst. Gepflegte weiße Tischwäsche, historische Bilder an den Wänden und die kleine Bar am Kopfende prägen das Ambiente. Die Speisekarte ist bewusst klein gehalten. Die Devise: mehr Qualität statt Auswahl. Auf der Tageskarte stehen zwei Vorspeisen, ein paar Suppen und Zwischengänge und vier Hauptgerichte. Dazu kommen Spezialmenüs, die monatlich wechseln, aus denen der Gast aber keine Gänge wählen kann, weil die erst ab acht Personen angerichtet werden. Schade, das Angebot wäre so reizvoll: Brotsalat mit gebratenen Jakobsmuscheln oder im Vakuum gegarter Kalbstafelspitz mit Schalotten-Thymian-Eis hätte ich wirklich gerne probiert.

Das À-la-carte-Angebot wechselt der kreative Küchenchef Robert Kettner nach dem Angebot des Marktes. Tatar vom Hirschkalb wird aufgetragen, kurz angebraten, innen roh, gut gewürzt. Ein ungewöhnliches Gericht, kombiniert mit Aprikose und Sellerie, ähnlich dem Wachtel-Zitronengras-Spieß auf Mango-Chutney, den ich beim letzten Besuch serviert bekam. Die Gänseleber habe ich häufig in Verbindung mit Säure genießen können, noch nie aber mit Blaubeeren. Nicht schlecht im Geschmack, doch Bergpfirsich oder Sauerkirschen finde ich in der Kombination harmonischer.

Mit Aprikosen, Pfirsich aber auch Sauerkirschen und wie gesagt, Blaubeeren bestimmen die Männer am Herd in der Küche ihre Kreationen. Vor gut drei Jahrzehnten hat das der französische Drei-Sterne-Koch Michel Guerard auch schon einmal praktiziert, allerdings dezenter. Hier im Paris-Moskau wäre ein bisschen weniger Frucht gewiss mehr.

Bewundernswert frech wird experimentiert. Zur Terrine vom Ibericoschwein mit Linsen gibt es beispielsweise Senfgurkeneis. Wahrlich ungewöhnlich, aber nicht schlecht. Exzellent die Verbeugung vor der alten Berliner Küche mit butterzartem Eisbein als Praline geformt, paniert und ausgebacken. Schmorgurken aus dem Spreewald werden zu Brust und Frikassee vom Stubenküken serviert.

Völlig daneben war leider die Meeräsche im Bouillabaissesud, völlig ohne Aroma, langweilig und geschmacksneutral, eine Enttäuschung. Mein Entrecote war gut gewürzt, perfekt gebraten, aber in Scheibchen geschnitten. Das kritisiere ich gewiss bei Steak oder Kalbskotelett nicht zum ersten Mal. Wer als Gast ein solches kurzgebratenes Stück Fleisch bestellt, genießt sinnlich das Produkt und schneidet nach eigener Lust. Mir ist nicht klar, ob der Koch mit diesem Schnipseln die Garstufe kontrollieren will oder auf diese Weise eine größere Portion bei kleinem Wareneinsatz zaubern möchte.

Die Käseauswahl ist gut und preiswert (drei Sorten 9,50 Euro, fünf für 13 Euro). Zum Dessert, etwa Pinienkern- Tarte mit geschmorten Weinbergpfirsich und Lavendel, gibt es ein Schlückchen Süßwein glasweise. Sehr ordentliche Beerenauslesen für 7,90 Euro.

Der Service ist ganz ausgezeichnet, nie aufdringlich, aber immer zur Stelle zum Nachschenken. Aufmerksam wird die heruntergefallene Serviette gewechselt. Die Weinkarte ist fair kalkuliert und auch mit größeren Gewächsen bestückt. Mittlere Bordeaux-Lagen werden zu kleinen Preisen offeriert und umgehend dekantiert.

Heinz Horrmann schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost

Restaurant Paris-Moskau Alt-Moabit 141, Moabit, Tel. 394 20 81, geöffnet Mo.-Fr. (Lunch) und ab 18 Uhr, Sbd. und So. nur abends geöffnet. Küche bis 23 Uhr. Menüs ab drei Gänge, 39 Euro, EC- und Kredit-Karten

Leser-Kommentare
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
Besucher testen neue Achterbahn im Belantis Park
Achterbahn im freien Fall

Immer rasanter: Neue Bahnen versprechen Schwerelosigkeit.

Video Nachrichten mehr
Assad-Regime Opferzahl nach Angriffen in Syrien steigt
Mitte Polizei sucht mit Bildern nach Angreifer vom Alex
Ausflugswetter Viel Sonne versüßt Deutschen das Pfingstfest
Käufersuche Eine Woche Galgenfrist für Schlecker
 
PromoTeaser_img.jpg
Urlaub an der See

Aktuelle Reisetipps für Ihren nächsten Deutschlandurlaub.mehr

Sommerkoll-klein.png
Sommer Trends

Lindner - Das sind die Sommer Trends 2012!mehr

bio10_onsite-teaser.jpg
Netzwerker

Für eine moderne Energieversorgung in Berlinmehr

 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Blücherplatz

Karneval der Kulturen mit Straßenfest eröffnet

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

DFB-Bundesgericht

Hertha kämpft gegen Sturz in die Zweite Liga

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote