Gourmetspitzen
Speisen wie im französischen Hafenbistro
Wer träumt in diesem kalten Berliner Winter nicht von warmen Tagen im Lavendel-Duft der Provence? Zumindest ein kulinarischer Kurzausflug in die südfranzösische Genuss-Region ist möglich. Ich habe das Restaurant Le Provençal im Nikolaiviertel besucht.
In der bitterkalten Zeit bis zum Frühjahr fehlt dem Restaurant die optische Attraktion, die Terrasse zum Spreeufer mit dem Blick auf Berlins Mitte und den Berliner Dom. Dieser Bereich ist ganz fraglos die schönste Stelle des Nikolaiviertels. Der Gästeraum ist weitgehend schmucklos, an die Provence erinnern gerade mal ein paar verkümmerte Lavendelsträuße im Topf. Ob das bei der Ambiente-Planung so gewollt war, kann ich nicht sagen, aber die Gäste, die ein einfaches Restaurant suchen, schauen durchs Fenster und haben keine Schwellenangst.
Da sitzt man nun an blank gescheuerten Tischen wie in einem südfranzösischen Hafenbistro. So ist auch das Küchenangebot. Suppen, auch wenn sie noch so gut gemacht sind, werden von Feinschmeckern allgemein zu gering geschätzt. Kaum einer aus der Garde der Gastrokritiker registriert sie überhaupt. Im Le Provençal wird "La Soupe" dagegen besonders gepflegt. Für 6,50 Euro kommt eine vorzügliche Zwiebelsuppe mit reichlich Käse überkrustet auf den Tisch. Für drei Euro mehr gibt es die Marseiller Fischsuppe mit einer Knoblauch-Safran-Mayonnaise, Croutons und Käse. Fischsuppe ist normalerweise eine klare Brühe mit verschiedenen Meerestieren. Der französische Koch am Herd wählt den alten "Hafenstil": gebunden und mit extra servierten Zutaten.
Leider war das Baguette wenig appetitlich, blass und kalt dazu. Die Austern waren dagegen besonders fleischig, saftig, frisch, gewiss keine Kochkunst, aber ein gutes Grundprodukt. Die Pastete von der Gänsestopfleber sah optisch grob aus, so wie eine Scheibe Blutwurst ohne Pelle, war aber geschmacklich erstklassig. Das gilt übrigens auch für das Hausdressing zu den Salaten, die bekanntlich so etwas wie die Visitenkarte eines Restaurants sind.
Ich hatte Lust auf ein französisches Entrecote. Offeriert wird ein "drei Wochen abgehangenes Hereford-Beef, aber nur im 250 Gramm-Schnitt. Die zweite Einschränkung konnte ich leicht beheben. Ich bestellte eine doppelte Portion, alles was unter 400 Gramm auf den Teller kommt, bezeichne ich als Carpaccio. Das Entrecote war vorzüglich gebraten, exakt wie bestellt, nämlich medium rare (außen kross und innen noch roh). Leider konnte mit der handwerklichen Leistung das Produkt nicht mithalten. Das Fleisch hätte die doppelte Zeit abhängen müssen, so wirkte es wie vom Verband der Zahnärzte empfohlen: Neue Kronen braucht der Gast. Interessant, dass auch bei den Lammkoteletts vom Grill mit gut gemachten Bratkartoffeln und Keniabohnen das Produkt und die Zubereitung nicht die gleiche Wertung bekamen. Fett ist zwar Aromaträger, aber hier bestand die Portion mehrheitlich aus Fett und das ist weniger gut.
Am Nebentisch wurde die Gänsekeule in Salz und Kräutern gebeizt, auf Bratkartoffeln serviert, da machte sich Zufriedenheit breit. Das gilt auch für Weinbergschnecken, die für die Provence stehen wie Lavendel-Felder, Kastanienwälder, Anisschnaps und Ziegenkäse aus Banon. Neben der Standardkarte bietet die Küche eine "carte de saison", die nach dem Angebot des Marktes gewechselt wird. Zusätzlich liegt eine komplette Karte mit Flammkuchen-Offerten auf dem Tisch.
Wie so häufig bei den Handwerkern am Herd aus dem Mittelmeerraum, wird die Liebe zum Fisch besonders gepflegt. Wir probierten die Roulade vom Zanderfilet mit Krebsfleisch und Spinat. Die dazu gereichte Noilly-Prat-Sauce harmonisiert prächtig. Das gilt auch für die unter dem Salamander (Oberhitze) überbackenen Jakobsmuscheln. Ein Kompliment muss ich dem Service machen. Der Bedienung war wahrlich nichts zu viel. Gut auch die Weinkarte. Es waren erstklassige Mittellagen aus Bordeaux und Burgund in der Offerte, aber vor allem sehr ordentliche Jahrgänge. So ist beispielsweise jetzt der 2001, dem die Experten lange nicht viel zugetraut hatten, wunderbar trinkreif. Der Château Duhart Milon aus diesem Jahr war ein Volltreffer.
Gewiss war es mutig vor einigen Jahren, mit dem Provençal aus einer Randlage in Charlottenburg ins Nikolaiviertel umzuziehen, wo es viele Straßenzeilen gibt, und ein Restaurant neben dem anderen liegt. Der französische Koch hat sich dennoch durchgesetzt. Und wenn die Rechnung bezahlt wird, bleibt das Gefühl, eine gute Wahl getroffen zu haben.
Heinz Horrmann schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost
Le Provençal Spreeufer 3, Nikolaiviertel, Mitte, Tel. 302 75 67, täglich von 12 bis 24 Uhr geöffnet, alle gängigen Karten
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