Gourmetspitzen
Am Blick fürs Detail erkennt man den guten Koch
Es ist angenehm, einen Genussabend in einem Restaurant, das nicht zur Berliner Sternekategorie zählt, mit einem positiven Superlativ beginnen zu können.
Im Lochner am Lützowplatz in Tiergarten wurde mir das beste Amuse Bouche (der Gruß aus der Küche) serviert, das ich in letzter Zeit probieren durfte: eine fast schon Vorspeisen-große Portion von Lachs- und Thunfischtartar, kombiniert mit einer Creme von Sauerrahm und Creme fraiche, getoppt von Gurkengelee (abgekochte, weil besser verträgliche Gurken). Ein prima Einstieg in ein von insgesamt guter Küche plus besonders aufmerksamem Service geprägten Erlebnis. Das macht mir wieder mal deutlich, wie gut mittlerweile in vielen, ganz normalen Berliner Restaurantküchen gearbeitet wird. Nicht nur in den so genannten Gourmet-Tempeln.
Im Lochner, seit sechs Jahren in der ehemaligen "Mensa" am kulinarisch dünn besiedelten Lützowplatz gelegen, spürt man die Liebe des Kochs zum Beruf, die bekanntlich durch den Magen geht. Beim Zweierlei von der Gänseleber zum Beispiel. Eine kleine Scheibe Terrine wird mit einer kurz gebratenen Leber, innen noch glasig, kombiniert und mit Apfel und Sellerie abgerundet.
Die Salate werden zu Unrecht zumeist ohne Bewertung zur Kenntnis genommen. Ich glaube, dass ein knackfrischer, gut gemischter Salat mit einem pikanten Dressing sehr wohl eine Visitenkarte des Restaurants ist. Für das Lochner ist das ein weiterer Pluspunkt.
Kritischer sehe ich da allerdings das Tagesgericht: Geschnetzeltes vom Reh. Das war zwar geschmacklich gut, die Fleischstückchen konnte man aber an einer Hand abzählen. Da stand sparsamer Wareneinsatz im Mittelpunkt.
An den übrigen Gängen gab es wenig auszusetzen. Vieles war handwerklich sauber ausgeführt, wenn auch ohne atemberaubend kreative Dribblings. Der internationale Langeweiler Kaninchenrücken, hier herzhaft gewürzt, der überall übliche Seeteufel sowie Island-Kabeljau auf Schmorgurken sind manchmal auf der Karte. Bei unserem Besuch sammelte aber der kurzgebratene Thunfisch in Teryakisauce auf grünem Minze-Erbsenpüree Punkte für besonderen Geschmack, zumal gepfefferte Mango zusätzlich Süße und Schärfe einbrachte. Der Brandenburger Hirschkalbsrücken, (das Fleisch ein wenig zu bissfest, aber köstlich gewürzt), kommt ganz klassisch in Begleitung von Rotkohl und Schupfnudeln daher.
Gute, aber nicht überzogen teure Produkte dominieren. Und wenn Teures zum Einsatz kommt, dann in einer originellen Verbindung wie bei einem früheren Besuch die "Blutwurst Rossini": Dazu gehören gebratene Blutwurst und Gänseleber auf Rotwein-Schalotten. Hier wird eine besondere Qualität des Küchenmeisters erkennbar. Deftiges und erlesene Genusselemente führt er gekonnt zusammen. Vorzüglich und mit rotem Kern serviert Lochner den Rehrücken vom Brandenburger Bock mit Pilzen. Mutig offeriert er den Dialog von zarter Wachtel und Kalbsbries, passend zu Kraut und Rüben.
Wie so häufig, sind angebotene Menüs preisgünstiger. Das Adventsmenü mit vier Gängen plus Amuse Bouche ist mit 59 Euro kundenfreundlich kalkuliert. Mit begleitenden Weinen stehen 85 Euro auf der Rechnung.
Die Tageskarte und die Menüs wechseln regelmäßig. Die Mischung ist immer vergleichbar. Hausmannskost der feinen Art, aromastark interpretiert. Bei allen Geschmacks-Symphonien belässt es Lochner, der lange im "Paris-Moskau" nahe dem Hauptbahnhof am Herd stand, bei den vertrauten Melodien. Stammgäste können mittlerweile mitsummen. Der Gast weiß heute ganz genau, was ihn erwartet. In der Zeit des Slim-Denkens fallen die Desserts im Lochner eher zurückhaltend aus. Beifall von meiner Frau bekam allerdings das weiße Kaffeemousse-Törtchen mit Punch-Eis und einem frischen Zitrusfrüchteragout.
Der Service ist aufmerksam und immer am Gast. Die Weinkarte ist, unabhängig von den empfohlenen Kreszenzen zum Menü, sehr fair kalkuliert. Erfreulich dabei das ordentliche Angebot an halben Flaschen. Wie wichtig dieser Trend ist, zeigt das Beispiel der Adlon Weinhandlung. Dort werden allein an die 100 Lagen in 0,375-Flaschen offeriert. Auch im Lochner trägt man diesem Gästewunsch Rechnung. Wir wählten einen Pauillac, den 2001er Chateau Batailley, der sich ideal zu allen genossenen Speisen zeigte und waren damit glücklich.
Heinz Horrmann schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost
Restaurant Lochner Lützowplatz 5, Tiergarten, Tel. 23 00 52 20 geöffnet: Di.-So. ab 18 Uhr, Heiligabend ab 18.30 Uhr, beide Weihnachtsfeiertage ab 18 Uhr, Reservierungen sinnvoll. Kreditkarten werden akzeptiert
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