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27.11.10

Gourmetspitzen

Wo sich das Rind von seiner besten Seite zeigt

Man mag ja manches an den USA und den Essgewohnheiten dort nicht so toll finden. Aber Steakfleisch - das kriegen sie hin. Fein marmoriert, zart und ungeheuer geschmacksintensiv. Grund dafür: Die Rinder bekommen zum Ende ihres Daseins nur noch Mais zu fressen.

Das amerikanische Prime Beef ist alles andere als billig, darum wird es in den üblichen Steakhouse-Ketten höchst selten serviert. Da offeriert man lieber preiswerte argentinische Ware. Begeisterte Fleischgenießer müssen jetzt aber nicht mehr darben: Michael Zehden (Mitinhaber der Albeck & Zehden Hotel Gruppe) hat in seinem Crowne Plaza in der Nürnberger Straße nach Chicago-Vorbildern "Wilson's - The Prime Rib Restaurant" eröffnet. Wo sich 600 geladene Gäste auf der Party zum Start drängen, kommt die Küche oft nicht mit. Die Qualität habe ich darum an einem ganz normalen Abend ausprobiert und in der Summe aller Dinge für gut befunden.

Keiner soll mir erzählen, dass eine saftige, köstliche Prime Rib (aus dem vorderen Stück der Hochrippe geschnitten) keine erwähnenswerte Kochkunst sei. Wer es müde ist, die Systemgastronomie der Sparte Steakhouse zu erleben, sollte den Unterschied einmal schmecken. "Prime" ist die höchste Fleischqualitätsstufe in den USA. Die Rinder sind eine Kreuzung aus Longhorns und europäischen Angus-Rindern. Eine sanfte, geduldige Zubereitung und herzhaftes, aber nicht übertriebenes Würzen verlangt gute Köche.

Die kleinste Portion ist der so genannte Ladies Cut. Wilson's Gentleman Portion (für 39 Euro) ist dagegen richtig kräftig und the Crowne's Cut, ein 500-Gramm-Stück am Knochen, wie geschaffen für den ganzen Kerl. Wir sind halt nicht als Vegetarier auf die Welt gekommen - stammen wir doch von Jägern ab.

Die Küche bietet dazu geriebenen Meerrettich, Bratenjus, Bearnaise, die Ofenkartoffel mit Sauerrahm, wahlweise auch Gratin und ein kleines, aber feines Salatbüffet mit einer zusätzlichen breiten Auswahl von verschiedenen Käsesorten, gerieben oder in feine Streifen geschnitten, außerdem Thunfisch, Schinken und Ei. Wir reden heute nicht über Sterneküche, aber auch eine derart einfache, aber geschmacksintensive Präsentation macht mir Freude.

Wie im Original Wilson's in Illinois ist die beliebtestes Vorspeise Crab Cake, eine feingebackene Mischung von der Königskrabbe, die auf der Speisekarte irrtümlich als Tarte bezeichnet wird. Eine Tarte aber hat immer einen Boden, die kleinen Cakes sind wie Mini-Hamburger geformt und werden mit Gurken-Ingwer-Salat serviert. Geschmacklich prima, nur würde ich das besondere Ingwer-Aroma ein wenig stärker einbringen. Für die Freunde des klassischen Tartars gibt es den Appetizer in verschiedenen Größen.

Zu den Steaks: Das Filet war mit das beste Fleischgericht, das ich in dieser Stadt genießen durfte. Das Rib Eye, ebenfalls aus der Hochrippe geschnitten mit dem Fettauge als Aromaträger, war auch perfekt zubereitet, aber hier hatte die Küche ein von Sehnen durchzogenes Stück erwischt. Schade. Was man aus Lokalen in den USA kennt, gilt auch hier. Steak-Verweigerer werden nicht geächtet, sondern dürfen sich über einen atlantischen Thunfisch freuen, der außen kross gegrillt und innen appetitlich sashimi-roh war. Gästen am Nebentisch wurden gleichzeitig Gnocchi mit Ruccola und Kirschtomaten sowie eine wunderschön gegarte Maispoulardenbrust serviert. Die Röstaromen dufteten herüber. Nachdem ich mich ganz der Prime Rib (bei Niedrigtemperaturen gegart), Steak und Salat verschrieben hatte, blieb nur wenig Platz für ein Dessert, wobei auch die Auswahl wie jenseits des Atlantiks ist: der allgegenwärtige Käsekuchen (hier mit weißer Schokolade), Creme Brûlée mit Waldbeeren, Limonentörtchen und der Schokoladenkuchen mit flüssigem Valrhona-Innenleben.

Die Weinkarte ist noch ein Pflegefall. Wer Michael Zehden kennt, der weiß aber, dass sich das rasch ändern wird. Trockener, wer es mag auch durchaus gehaltvoller Rotwein, speziell Cabernet Sauvignon oder Merlot sind die idealen Begleiter für Rib und Steak. Da sollte die Auswahl noch erweitert werden.

Der Service ist heute bereits sowohl von der Freundlichkeit wie von handwerklicher Perfektion ungewöhnlich gut. Das freut mich besonders, weil das Hotel nicht zur Fünf-Sterne-Kategorie und das Restaurant nicht auf einem kulinarischen Höhenflug ist. Wilson's garantiert ein angenehmes Dinner mit guter Qualität in beschwingter Atmosphäre - zu angemessenen Preisen.

Heinz Horrmann schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost

Wilson's The Prime Rib Restaurant im Crowne Plaza Nürnberger Straße 65, Schöneberg, Tel. 20 68 99 46, www.restaurant-wilsons.de , Mo.-Fr. 12-15 und 18-23 Uhr, Sbd. 18-23 Uhr, So. 13-15 Uhr und 18-23 Uhr

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