Gourmetspitzen
Über allem schwebt leise die Schrammelmusik
Da soll nun einer die Irrpfade zum Erfolg in der Gastronomie verstehen. Die Paris Bar mit bescheidener Küche ist seit Jahren ein Renner und ein Treffpunkt mit hohem Promi- Faktor. Die so genannte neue Paris Bar (Le Nouveau Paris Bar) nebenan, ebenfalls alles andere als ein Festort für Feinschmecker, blieb dagegen ein Flop.
Von Heinz Horrmann
Daraus wurde dann auch unter dem Namen Vienna Bar erneut ein Zuschuss-Betrieb. Es folgte eine neue Konzept- und Namens-Änderung: jetzt also das "Wiener Beisl". Und auf Anhieb gelang ein Volltreffer.
Schon in den ersten Wochen herrscht allabendlich Hochbetrieb. Der Erfolg kam gewiss auch durch das von Mega-Gastronom Josef Laggner (Lutter & Wegner, Alte Fischerhütte) eingesetzte, liebenswürdige österreichische Gastgeberpaar Anna und Thomas zustande sowie natürlich durch die konsequente Umsetzung des Begriffs "Beisl". Das heißt nämlich "einfaches Gasthaus" und ist ein gemütliches Plätzchen, um beim Wein zusammen zu sitzen. Großartige Kreationen der Küche werden in derlei Lokalen dagegen nicht zelebriert.
Und die Preise müssen günstig sein. So kostet die große Portion Wiener Saftgulasch vom Rind mit Semmelknödel 12,50 Euro, wobei der Begriff "Saft" wirklich stimmt. Das Fleisch ist kein bisschen trocken gebraten. Auch von dem herzhaft gewürzten und gebratenen Knödel mit Ei und Salat wird man genüsslich satt (8,50 Euro).
Ich habe das ordentliche Wiener Schnitzel mit guter Panaden-Bindung und den klassischen Tafelspitz mit Bratkartoffeln, Wurzelgemüse und Apfelkren probiert. Letzteres ist meine besondere Empfehlung: butterzartes Fleisch mit winzigem Fettrand als Aromaträger, eine kräftige Brühe und dazu so gute, geröstete Bratkartoffeln wie ich sie nicht oft in Berlin bekomme.
Von den Vorspeisen gefiel mir die panierte und gebackene Blutwurst besonders. Als gebürtiger Rheinländer bin ich mit "Flönz", der Kölschen Blutwurst aus der Pfanne, aufgewachsen. Die Wiener Variation war für mich ein gelungener Wechsel. Neben den Vorspeisen wie Rindfleischsalat mit steirischem Kernöl und frischem Bauernkraut, drei Suppen, fünf Hauptgerichten und zwei Desserts scheint es mir eine gute Idee, nach dem Angebot des Marktes regelmäßig die Wochenschmankerln zu wechseln. Bei meinem Besuch war das ein Braten von der Rehschulter mit Rosenkohl und Haselnussspätzle. Für den Fischfreund gab es eine Scholle im Ganzen goldbraun gebraten. Demnächst kommen weitere Wiener Spezialitäten hinzu, so das einfache, aber leckere Backhendl.
Mit Schmunzeln registriert Rolf Schmidt die Entwicklung. Der in den Laggner-Betrieben für die Qualität verantwortliche Schmidt hat selbst jahrelang zwei Michelin-Sterne gekocht, gehörte also zum absoluten Top-Kreis der deutschen Gourmandise, ist aber heute der Meinung, dass gut gemachte Hausmannskost in rustikaler Atmosphäre ihren besonderen Reiz hat. Wobei die Betonung auf "gut gemacht" liegt. Behutsam will er allerdings noch die Auswahl der Gerichte vergrößern.
Eine Besonderheit darf ich nicht vergessen: Den Kaiserschmarrn mit Zwetschgenröster. Gewiss, in etlichen Berliner Restaurants mit alpenländischer Ausrichtung bekommt der Gast den besonderen Pfannkuchen. Doch ich habe ihn nirgendwo so herrlich karamellisiert und trotzdem nicht übersüßt bekommen. Für 6,50 Euro eine kleine Köstlichkeit.
Der Service ist schon in der Startphase herausragend, liebenswert, aufmerksam. Die Weinkarte umfasst 80 Positionen. Richtig lang ist die Liste der offenen Rotweine, die von Frank Reichels "Weincompany" geliefert werden Ab 4,50 Euro sind Sie dabei.
Das Ambiente ist einfach. Holztische ohne Decken, aber mächtig Bilderschmuck an den Wänden. Nicht zu laut ist die Untermalung durch Wiener Schrammelmusik. Man kann sich gut dabei unterhalten, was für die meisten Gäste das wichtigste zu sein scheint. Ein Beisl eben.
Es ist manchmal interessant, wie ein solches Restaurant mit bewegter Vorgeschichte zustande kommt. Josef Laggner pflegte nach den Kontrollfahrten entlang seiner Berliner Restaurants auf dem Heimweg stets einen "Gute-Nacht-Schluck" in der damaligen Neuen Paris Bar zu nehmen. Als die dann zum Verkauf stand, reagierte er spontan und reihte sie ein in die Kette seiner Lokale. Wohl dem, der das kann. Und dann kam ihm die Idee mit Speis' und Trank nach österreichischer Tradition. Glückwunsch.
Heinz Horrmann schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost
Wiener Beisl Kantstraße 152, Charlottenburg, Tel.31 01 50 90, wiener-beisl.de , von Montag bis Sonnabend, 17 bis 1 Uhr
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