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16.10.10

Gourmetspitzen

Wieners Schnitzel sind eine Enttäuschung

Frauen am Herd: Zu Hause ist das häufig noch üblich. In Restaurantküchen der gehobenen Klasse dagegen ist es eine Seltenheit. Sterne glänzen bei Frauen höchstens als Schmuck im Haar, in der Regel aber nicht über einem deutschen Restaurant mit einer Chefköchin. Nur Cornelia Poletto in Hamburg ist die Ausnahme.

Keiner kann so recht erklären, warum das so ist: Von den mit gastronomischen Ehren ausgezeichneten Köchen sind weltweit nur ganze drei Prozent Frauen.

Dieser Gedanken drängte sich mir bei meinem Besuch in Sarah Wieners erweiterten und neu gestalteten Restaurant "Speisezimmer" in der Chausseestraße auf. Der Umstand, dass Kochen auf allen Fernsehsendern der Hit ist und die Damen auf diesem Gebiet so rar, hat die Österreicherin und Wahlberlinerin Sarah Wiener zur eigenen Woman-Show genutzt - und zur Werbung für ihre Restaurants wie "Das Speisezimmer" oder "Sarah Wiener im Hamburger Bahnhof". Die managt sie clever und kaufmännisch gekonnt.

Über ihr Leistungsvermögen am Herd freilich ist Kollege Tim Mälzer nicht allein, wenn er bei jeder Gelegenheit erklärt, sie könne nun wirklich nicht kochen. Hinter vorgehaltener Hand wird auch in ihrem Restaurant geflüstert, sie habe hier selber noch nie am Herd gestanden. Das recht groß gewordene Restaurant im zweiten Hinterhof des ehemaligen Industriegeländes mit alter Lokfabrik bot bei meinem Besuch ein höchst wechselhaftes Angebot, das bei der Bewertung die ganze Bandbreite der Punktetabelle benötigt. Freundlich, ja durchgängig liebenswert dagegen der Service, der nicht alles wie bestellt an den Tisch brachte, aber einfach für eine angenehme Atmosphäre sorgte.

In einem von der Alpenrepublik geprägten Küchenangebot ist es wohl normal, ein Wiener Schnitzel zu bestellen. Doch der Name der Inhaberin ist wohl keine gute Brücke zum Hauptgang. Das Wiener Schnitzel, das mir serviert wurde, war ausschließlich ideal für die Kochschule, allerdings mit dem Motto: Seht her, an diesem Gericht wurden alle nur machbaren Fehler praktiziert, die ihr niemals wiederholen sollt. Das Fleisch war fest wie Leder, die Panade hatte keine Bindung. Es war nicht goldbraun gebacken, sondern lag blass auf dem Teller. Ohne Frage, das schlechteste Wiener Schnitzel, das ich in der Metropole bisher probieren durfte.

Es war zudem überhaupt nicht gewürzt und gesalzen. Wenn es richtig ist, dass verliebte Köche gern mal ein Gericht versalzen, dann muss im Umkehrschluss hier der Koch gewaltig unter Liebesentzug leiden. Alle Speisen kamen salzfrei und geschmacksneutral auf den Tisch, ausgenommen der kross gebratene Fisch.

An Stelle der Bratkartoffeln, die ich dazu bestellt hatte, kam eine Portion Kartoffelsalat (hier klangvoll als Erdäpfel-Vogerlsalat bezeichnet). Ganz zum Schluss wurden die angemahnten Bratkartoffeln doch noch nachgereicht. Leider schwammen sie tief im Fett. Dabei braucht man nur Geduld und ganz wenig Fett, um sie perfekt hinzubekommen. Traurig, dass das professionelle Köche so selten beherrschen.

Geschmacksneutral wie der Biss ins Löschpapier kam die Kürbissuppe. Deutlich besser waren die Lachstürmchen. Der geschmacklich größte Erfolg war dann der Flussbarsch, kross auf der Haut ausgebacken, auf den Punkt gegart, ein gutes Produkt.

Um einen Augenblick beim Positiven zu bleiben, muss das Preis-Leistungsverhältnis bei den Tagesgerichten aufgeführt werden. Das gebackene Tempura-Gemüse auf Basilikumrisotto steht beispielsweise mit 6,90 Euro auf der Rechnung, der große gemischte Salat mit gerösteten Kürbiskernen und Hähnchenbrust kostet 7,90 Euro. Da gibt es nichts zu meckern.

Wer eine kleine süße Abrundung wünscht, bekommt gut gemachte Standards, Palatschinken beispielsweise, auf Wunsch mit Zwetschgenröster oder gebackene Schokoladentrüffel mit Waldbeeren (für 3,50 Euro). Auch die kleine Käseplatte ist appetitlich angerichtet. Da macht sich vorübergehend Zufriedenheit breit.

Ganz anders sieht es bei der Weinkarte aus. Sie ist ausgesprochen dünn, aber übersichtlich gehalten und ausschließlich von Kreszenzen aus Österreich und Deutschland besetzt. Wer also Lust auf Bordeaux, Barolo oder Burgunder hat, muss mal alkoholfrei speisen. Die deutschen Lagen auf der Karte sind allerdings kundenfreundlich kalkuliert.

Insgesamt ist eine knapp durchschnittliche Wertung angebracht, nach Kocharena-Muster vier von zehn Punkten, bei Spreeradio vergebe ich zwei (von fünf) "Horris".

Das Speisezimmer Chaussee-straße 8, Mitte, Tel. 814 52 94 30, Mo.-Fr. mittags u. abends, Sbd./So. ab 18 Uhr, es werden keine Kreditkarten akzeptiert

Heinz Horrmann schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost

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