Gourmetspitzen
Vom armen Fischerjungen zum erfahrenen Sushi-Meister
Der Promi-Aufmarsch zur Eröffnung des neuen Restaurants mit dem kürzesten aller Namen "Di" war gewaltig. Allgemeiner Tenor: Schön, dass mal wieder eine neue gastronomische Möglichkeit am Kurfürstendamm und nicht (wie zumeist) in Mitte, in Prenzlauer Berg oder Kreuzberg geschaffen wird.
Im Blitzlichtgewitter stand auch der älteste und erfahrenste in Europa agierende Sushi-Meister Michio Minakami. Damit ist die Richtung vorgegeben. Hier geht es um "Japanese Cuisine", um japanische Küche. Minakami ist der Küchenchef und garantiert authentische Nippon-Gerichte und keine undefinierbare Wischiwaschi-Produktion.
Was erwartet den Gast nun tatsächlich im "Di", wenn der PR-Trommelwirbel verklungen ist? Erst einmal finde ich die Gestaltung mit dunklem Stein, viel Holz und gekonntem Licht-Design sehr gelungen. Minimalistische Kantinen-Atmosphäre erlebe ich in letzter Zeit häufig genug. Da war es eine wahre Wohltat, dass hier weiße Orchideen in Wandnischen und auf Tischen und der Theke die Optik dominieren.
Die Karte ist übersichtlich und klein gehalten. Natürlich, wie nicht anders zu erwarten, wird die ganze Sushi-Palette geboten, gefolgt von Salatvariationen, warmen Gerichten und Dessert. Was mir fehlt, sind Tempura von Gemüse und Teppanyaki-Angebote. Damit war vor 37 Jahren die japanische Küche bei uns gestartet (Daitokai). Dafür waren die kreativen Sushi-Varianten mit das beste, was ich auf dem Gebiet hierzulande erlebt habe. Interessant die gebackenen "California Inside Out" mit Flusskrebsen, Crayfish Mango, Avocado. Herausragend war das Haus-Spezial: eine Rolle mit Aal, Mandeln und Omelett.
Das gilt ebenso für das wunderbare Bild, das der Sushi-Meister mit taufrischem Fisch auf den Teller zaubert. Geschnitten zu Blumen und zu Rosetten geformt. Fast schon ein Dali zum Genießen. Das kulinarische Kunstwerk ist bei großem Wareneinsatz mit 22 Euro günstig kalkuliert. Richtig gut fand ich die Betonung der Krebse, die panierten und kross ausgebackenen Soft Shell Crabs, auch Königskrabben und überbackene Flusskrebse.
Bei den Algen oder Seetang-Salaten wird oft gepfuscht. Im "Di" waren die Portionen zwar klein (aber mit 4,90 Euro auch günstig), dafür perfekt ausgewogen gewürzt. So kurz nach dem Start stimmte schon vieles im " neuen Japaner". Unabhängig von Sushi, Sashimi und Co. offeriert die Küche sechs Hauptgänge, etwa klassisches Entenbrust-Filet, die unverzichtbaren Großgarnelen, den geschmacksneutralen Butterfisch und das gebratene Rindfleisch. Letzteres wurde zu meinem Favoriten. Das Fleisch ist so lange mariniert, bis es die dezente Schärfe aufgenommen und wunderbar zart geworden war. Ich bekam es in Scheiben und nicht, wie häufig in Japan, als Würfel serviert.
Noch einmal zu Michio Minakami, weil der 62-Jährige die Seele des Restaurants ist. Sein Handwerk erlernte er im Norden Japans, wo er schon als Fünfjähriger in die Boote kletterte und beim Fischen half. Sein Lohn damals: ein Fisch, den er sich aussuchen durfte. Den schnitt er fasziniert auf und zerlegte ihn. Bis heute beherrscht er als einer der wenigen die Kunst, einen Seeigel richtig aufzumachen und ihn zu Nigiri Sushi zu verarbeiten.
Nicht ohne Grund haben die meisten Japaner keine Gewichtsprobleme. Das Angebot und Interesse an Desserts ist dünn. Eis, Früchte, Käsekuchen, kaum erwähnenswert. Eine Ausnahme ist der Schokoladenkuchen. Das klingt zunächst vielleicht langweilig. Aber verschiedene Schichten von Mousse und geröstete Haselnüsse verbinden sich zu einem Geschmackserlebnis.
Kritisiert werden muss die Weinpflege. Sowohl der Gavi di Gavi, der flach und teuer war, als auch der gute Pino Grigio von Jerman wurden zu warm serviert. So verliert man das erste Glas, bis der Wein im Eiskübel die richtige Temperatur hat.
Der Service arbeitet unaufdringlich, muss sich aber auch noch finden. Manchmal wünscht man sich mehr Aufmerksamkeit, aber der Kellner war als Einzelkämpfer wohl etwas überfordert.
Alles in allem freue ich mich über ein weiteres angenehmes Element im internationalen Berliner Mosaik der Gourmandise. Manchmal besuche ich bei meinen Gastro-Tests ein Restaurant gleich zweimal, zum ersten und zum letzten Mal. Im "Di" werde ich gerne wieder reservieren.
Heinz Horrmann schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost
Restaurant Di Japanese Cuisine, Kurfürstendamm 200, Charlottenburg, Tel. 88 62 88 61, geöffnet Mo.-Sbd. 12-24 Uhr, sonntags ab 16 Uhr, alle gängigen Kreditkarten
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