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04.09.10

Gourmetspitzen

Ein Inder, der ein wenig brandenburgisch daherkommt

Die wichtigste Erfahrung aus 30 Jahren Hotel- und Restauranttests ist die, dass nur ganz selten irgendwo alles perfekt oder alles hundsmiserabel ist. Ganz häufig erlebe ich eher ein "sowohl als auch". Das wurde mir selten so deutlich wie im Restaurant Heat im Hotel Radisson Blu in Mitte.

Ein großartiger Ansatz ist das Motto, Gesundheit mit Genuss zu kombinieren. So wird auf der Speisekarte mit hilfreichen Zeichen operiert - etwa fettarm, salzfrei, kohlenhydratarm oder vegetarisch. Auch die Crossover-Kombination, indische Elemente mit europäischer Küche zu verbinden, kann grundsätzlich durchaus attraktiv sein. Die Ausführungen freilich lösten alles andere als einen Begeisterungssturm aus. Da darf man schon das Handeln der Küche in Frage stellen.

Das Ambiente ist schon erfreulicher. Das Restaurant mit der offenen Showküche und der großen Sonnenterrasse mit Blick auf den Berliner Dom ist minimalistisch dekoriert, aber durchaus angenehm.

Große Freude zum Start: Die Weinkarte mit einigen vorzüglichen Bordeaux' und Kaliforniern machen die Wahl leicht. Dann wurde es ärmlich: blasses Industrie-Baguette. Das indische Fladenbrot aus dem Tandoor-Ofen wird nicht angeboten, kommt aber auf Anfrage zum Gast. Sich ein harmonisches Menü zusammenzustellen, ist wahrlich nicht einfach. Der Spagat von Wok-Gerichten über Pizza bis zum Cheeseburger oder zur Berliner Currywurst ist einfach zu gewaltig, um auch noch eine kreative Küchen-Handschrift einzubringen.

Um das indische Element gleich vorab zu genießen, bestellte ich Tandoori Chicken Tikka, mit indischen Gewürzen marinierte Hühnerbrust. Sie war trockener als die Sahel-Zone, eigentlich ungenießbar. Da helfen auch die Joghurt-Sauce und der Paprika-Zwiebelsalat kaum.

Über die Abteilung der so genannten Klassiker wie doppelte Currywurst und Rindfleisch in Sesambrötchen bin ich weggaloppiert, erfreute mich dafür der ordentlichen Salate mit Himbeer-Dressing, Sprossen, Orangen und drei mittelgroßen Garnelen. Auf den Tandoori-Hühnchen-Salat verzichtete ich nach der ersten Geflügel-Erfahrung und probierte den durchaus guten nussigen Serranoschinken, der in der Kombination mit Rucola und Parmesan serviert wird. Ein gutes Produkt, aber wahrlich keine große Kochkunst.

Letztere erwartete ich dann bei den Hauptgängen. Doch das Zanderfilet, in der Speisekarten-Dichtkunst als kross gebraten bezeichnet, hatte die Konsistenz eines Fensterleders und war mindestens so geschmacksneutral. Der Gipfel an Gästeverdummung verbunden mit totalem Küchen-Versagen war die Barbecue-Haxe, auf die ich mich gefreut hatte: Eine marinierte Schweinehaxe aus dem Rotisol. Doch was auf dem Teller lag, war ein tot gebratenes Fleischstückchen am Knochen, dünner als ein Hähnchenschenkel und völlig ohne Kruste. Behutsame Nachfrage beim Service: Ein Missverständnis? Nein, wurde mir beschieden, die sei immer so. So vergnügte ich mich zwangsläufig nur mit dem aromatischen Krautsalat und Fritten im Papiertütchen.

Wer mag, kann noch ein Rib Eye Steak vom Black Angus Rind bestellen mit Backkartoffeln, Sour Cream und Pfannengemüse, oder ein Wiener Schnitzel, das ist dann aber auch schon das Ende der Fahnenstange. Um den Überblick zu komplettieren, möchte ich nur noch das so genannte Tandoori Lamm erwähnen. Das sind mit Masala gewürzte Lammkoteletts. Indisch? Eher aus dem Brandenburger Land.

Ja, wo waren denn bei meinem Besuch nur die indischen Köche, die die Küche des Landes auf "höchstem Niveau präsentieren" würden, wie in einem Genuss-Magazin gejubelt wurde?

Keine Spur zu sehen. Dafür gibt es eine große Kuchen-Seite in der Speisekarte, wie in einem Ausflugscafé. Die Desserts sind Standard und nicht weiter erwähnenswert. Vielleicht das noch: Frische Brüsseler Waffeln werden mit Vanilleeis und Erdbeeren offeriert, dazu, wer es mag, gibt es Eiskaffee oder Eisschokolade. Guter Hinweis. Würde immer empfehlen, im Heat bei Kaffee und Kuchen zu bleiben.

Zurück zum Positiven: Der Service war sehr angenehm, nicht aufdringlich, sondern gekonnt, gut geschult, kurz: auch durchaus für ein Restaurant mit besserer Küche geeignet. Und von ordentlichen Weinen darf der Gast auch glasweise bestellen. Der 0,2 L. Sauvignon blanc oder Merlot stehen dann mit 8,50 Euro auf der Rechnung. Das ist fair.

Heat Hotel Radisson Blu, Karl-Liebknecht-Straße 3, Berlin, Tel.238 283 472, alle gängigen Kreditkarten

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