Gourmetspitzen
Der Chef ist nicht nur dabei, sondern mittendrin
Manchmal mache ich das wie viele andere Genießer in unserer Stadt: Wenn ich privat unterwegs bin, wähle ich nicht erst im Restaurant mein Wunschgericht, sondern drehe den Spieß um.
Die Köstlichkeit, auf die ich gerade Lust habe, führt zur Wahl des Restaurants. Für ein vorzügliches Steinbutt-Filet beispielsweise gehe ich zu Christian Lohse ins Fischers Fritz, für ein Wiener Schnitzel zu Roland Mary ins Borchardt, steht mir der Sinn nach Meeresfrüchten, ist Joe Laggners Austernbank angesagt. Und habe ich Lust auf ein perfektes butterzartes Kalbskotelett, reserviere ich bei Adnan.
Sein Restaurant mit der großen Freiterrasse auf der Schlüterstraße wird gerne als die letzte Hochburg des alten West-Berlins bezeichnet - und dementsprechend ist der Promi-Faktor. Adnan ist jeden Mittag und jeden Abend gut besucht. In der letzten Woche war überall zu lesen, dass der gebürtige Türke, der aber eher wie ein norditalienischer Edelmann wirkt, bald sein zweites Restaurant eröffnet, natürlich ebenfalls in Charlottenburg, in der Knesebeck-, Ecke Mommsenstraße. Der Name " Schell" erinnert an einen früheren Berliner Treffpunkt. Ambiente und Küche soll ein fröhliches Durcheinander werden: Eurasische Gerichte in Wiener Kaffeehaus-Atmosphäre. Das klingt spannend.
Wie aber ist nun Küche und Service im Adnan heute zu bewerten? In früheren Jahren bin ich hier Fahrstuhl gefahren, mal nach oben, mal nach unten, aber seit mehr als einem Jahr bleibt das Produkt stabil.
Aktuell erlebte ich einen sehr empfehlenswerten Genussabend ohne verkrampfte, weil zu gewollte Höhenflüge der Gourmandise. Erst einmal ist Adnan Oral ein großartiger Gastgeber. Und er dirigiert einen sehr guten Service. Ganz wichtig: Nicht nur Promis, sondern auch ihm nicht bekannte Gäste bekommen die volle Aufmerksamkeit.
Zur Küche. Das vorzügliche Kalbskotelett habe ich bereits erwähnt. Erstklassige Produktqualität, was beim Kalbsfleisch heute eher selten der Fall ist. Es wird naturbelassen angerichtet, parfümiert nur mit einer mild abgeschmeckten Salbeibutter. Der Salat kommt knackig frisch, der angelfrische Fisch ist perfekt gegart. Empfehlenswert: Spaghetti mit Trüffeln und die großen ovalen Pizzen mit Scampi oder Thunfisch.
Das klingt erst einmal sehr simpel, wenn man bedenkt, dass der ausgerollte Hefeteig vor 500 Jahren in Neapel als Arme-Leute-Essen zur Resteverwertung erfunden wurde. Heute bekommt man das runde Stück Italien zumeist labberig mit oft unpassendem Belag an jeder Straßenecke. Ich bleibe dabei: So kross, so hauchdünn, nur mit Käse, Tomaten und Kräutern belegt und damit unverfremdet, wie Pizza als Hors d'oeuvre bei Adnan auf den Tisch kommt, ist das simple Gericht auch für Feinschmecker ein Genuss! Und genau diese Linie, Einfaches köstlich zubereitet, zieht sich durch das Küchenprogramm. Wer hier allerdings hochsensible kreative Aha-Erlebnisse erwartet, hat schlicht das falsche Restaurant gewählt.
Das Gesamtkunstwerk besteht in der Zusammenstellung eines Angebots, das eigentlich jeder mag. Der gekräuterte Meeresfrüchtesalat oder die Linguine mit Hummer sind Beispiele. Dorade oder Loup de Mer kommen vom Grill, der Zander wird in der Pfanne auf der Haut gebraten. Ganz ausgezeichnet war der Tafelspitz, dünn aufgeschnitten mit Bouillon-Kartoffeln. Es gibt eben nicht nur die mediterrane Ausrichtung. Ganz unbesehen davon, gehört nach wie vor Pasta in jeder Form zu den Rennern, weil Geschmack und Konsistenz stimmen. Die fruchtige Säure des Tomatensugo bei den Arrabiata harmonierte aufs Schönste mit der Peperoni-Schärfe.
Die Jakobsmuscheln bereitet die Küche auf Wunsch des Gastes kross gebraten oder in einer herzhaften Estragon-Sauce auf Spinat angerichtet und unter dem Salamander(Oberhitze) gratiniert. Sind die Speisen am Abend im gehobenen Preisbereich angesiedelt, ist das Business Menü am Mittag bewusst preisgünstig kalkuliert. Als Vorspeise Salat oder Suppe (im Sommer kalt), dann ein Fisch oder Fleischgang für 13,90 Euro. Die Desserts sind Standard. Adnan empfiehlt seine hausgemachten Sorbets, Tiramisu, Cremes und frische Früchte. Die Weinkarte ist übersichtlich klein und kundenfreundlich kalkuliert. Die Kreszenzen des Südtirolers Alois Lageder sind zur Zeit der Bestseller in der gehobenen Mittelklasse.
Der Weinservice ist kompetent und umsichtig, und Adnan, der Chef, hat seine Augen auf jeden Tisch. Er rennt, trägt auch mal das Geschirr und Speisen. Er ist nicht nur dabei, sondern mittendrin.
Heinz Horrmann schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost
Adnan Schlüterstraße 33, Tel. 54 71 05 90, geöffnet Mo-Sa 12 bis 24 Uhr, sonntags ab 18 Uhr. Alle gängigen Kreditkarten
Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
-
00:08Präsidentschaftswahl: Unterlegener Kandidat in Ägypten will gegen Wahler...
-
00:00Verkehrssünder: Flensburger Punktedatei soll weiter verschärft...
-
26.05.2012Festnahme: Toter in Friedrichshainer Bar: Verdächtiger gefass...
- 1. Relegationsspiel Hertha BSC und der Abstieg ohne Gnade
- 2. Formel 1 in Monaco Strafversetzung verdirbt Schumacher nicht die Laune
- 3. Nach Berufung Hertha BSC schickt seine Spieler in den Urlaub
- 4. Relegationsspiel Hertha BSC gibt sich offenbar geschlagen
- 5. Stromerzeugung Solaranlagen liefern so viel Strom wie fast 20 Atommeiler












