Gourmet-Spitzen
Ein kleiner Italiener
Sonntag, 20. September 2009 01:34 - Von Heinz HorrmannErinnern Sie sich noch an das italienische Restaurant Il Punto (in deutscher Sprache "der Treffpunkt") am Brandenburger Tor, das einst die beliebte Abendadresse der Politiker aller Fraktionen war? Ich kenne die Gründe nicht, aber es wurde geschlossen.
Das neue Il Punto ist ein paar Ecken weiter in der Neustädtischen Kirchstraße, es wurde vor kurzem eröffnet, kombiniert mit einem Bistro, Verzeihung, Lasagneria, wo es für unter zehn Euro ein Dutzend Variationen des schmackhaften Teiggerichtes gibt. Beide Lokale laufen unter der Regie von Giuseppe Perna, den seine Gäste nur Peppe nennen. Während es in der Lasagneria mit der rustikalen Weindekoration eher relaxt und einfacher zugeht, ist das Il Punto weit aufwendiger gestaltet. Ein modernes, aber gemütliches Restaurant mit einem schönen Innenhof.Der Italiener um die Ecke, das ist für viele herzliche Vertrautheit, auch wenn diese angestrebte Verbundenheit zum geschickten Marketing vor allem der kleinen persönlich geführten mediterranen Restaurants gehört. So gesehen, zählte schon damals das Il Punto am Brandenburger Tor nicht wirklich zu den Italienern um die Ecke, sondern stellte so etwas wie eine Edelversion eines Ristorante dar. Allerdings war der Empfang zu der Zeit professionell, aber eher kühl, heute fühlt man sich dagegen als besonders gern gesehener Gast, der ohne nachlassende Mühe bis zum Schluss von den Mitarbeitern gepflegt wird. Hinter der Service-Qualität steht ein hoch angesehener Hotel- und Gastronomie-Experte als Teilhaber, der aber ungenannt im Hintergrund bleiben will.
Die Grundlinie der Küche ist sizilianisch. Typisch dafür sind bereits die Vorspeisen, ich probierte die berühmten roten Garnelen, gegrillt und als Sashimi mit Selleriearoma, knackig, bissfest, mit dem Duft des Meeres. Sie wissen ja, lieber Feinschmecker, das zeigt auch die Frische. Wird's fischig, ist es mit dem Genuss vorbei. Natürlich gibt es im Il Punto auch die Italo-Klassiker wie das Vitello Tonnato, doch es wird individuell variiert. Das Kalbfleisch ist nicht gebraten, sondern pochiert und die Thunfischsauce wird von Kapern dominiert. Wenn jetzt der Herbst kommt, findet die Suppenseite mehr Beachtung. Die mediterrane Fischsuppe ebenso wie die Komposition von Maiscreme, Ingwer und Perlhuhnfilet. Um nicht "genudelt" nach Hause zu gehen, habe ich nur probiert, die Süppchen waren stark gewürzt, echte Aromabomben.
Über die hausgemachten Nudelspezialitäten ist nur die originelle Gewürzlinie zu vermerken. Wildfenchelsamen beispielsweise, Minze und Artischockenherzen. Ungewöhnlich auch die grüne Tagliatelle, mit einem Ochsenschwanzragout kombiniert. Hatte ich vorher noch nie probiert. Mehr als die Abteilung Pasta und Risotto war ich allerdings an den Fischspezialitäten interessiert. Während ich das sanfte Rahmige der Mascarpone-Sauce zum Seeteufel (durchgebraten, ich mag lieber einen glasigen Kern) mit Safranfenchel genoss, zerlegte mein Begleiter die Dorade lustvoll, die, interessant, mit einer Ciabattakruste umhüllt und mit Basilikum-Knoblauch parfümiert zum Gast kommt. Natürlich gibt es überall noch Verbesserungspotential, aber insgesamt ist die Küche mit der gleich berechtigten Brigade ohne einen Küchenchef an der Spitze eine echte Bereicherung der Berliner Gastro-Szene. Die Fleischgänge sind da eingeschlossen. Wenn ich mal vom Lammrücken im Kräutermantel absehe - dieses Gericht ist längst in Rente - gibt es prima Variationen. Zu den Kalbsmedaillons alla Parmigiana harmonieren Auberginen und Mozzarella und zum Saltimbocca vom Perlhuhn auf Zucchini-Risotto passt die Weißweinreduktion (mit wenig Süße) sehr gut. Ganz unabhängig von Beifall und Kritik herrscht bei den Köchen noch die heile Welt vor Ausbruch der Schäumchen-Saucen, Balsamico-Übertreibungen und Trüffel-Imitate. Das wird auch beim täglichen Business-Menü spürbar, das für 23,50 Euro in drei Gängen, unkompliziert und flink auf den Tisch kommt.
Italienische Restaurateure sind leicht beleidigt, wenn man auf die Desserts verzichtet. Nun sind Tiramisu oder Früchte mit Zabaglione Standards der eher unkomplizierten Art, aber beispielsweise Kaffeecreme mit karamellisierten Physalis mit Amaretto und Pistaziengebäck angereichert, ist ein ebenso köstlicher Abschluss wie die Crème Brulée vom Ziegenkäse. Da muss man erst mal drauf kommen.
Die Weinkarte wird - wie könnte es anders sein - mit den Kreszenzen aus Bella Italia bestückt. So die komplette Palette von Silvio Jermann mit dem Familiengut in Collio. Der Service überzeugte nicht nur mich, sondern war auch an anderen Tischen Gesprächsthema. Hoffentlich kann dieser Standard gehalten werden.
www.il-punto.net

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