Gourmetspitzen
Es muss nicht immer Kaviar sein
Sonntag, 13. September 2009 03:58 - Von Heinz HorrmannEs war nicht anders als auf den Wiesn, auch in Berlin wurde geschunkelt, gesungen, keine Frage, auch gefuttert und gekippt, rustikaler Oktoberfest-Genuss eben an der Spree. Der Start im Original Hippodrom-Zelt am Roten Rathaus geriet in den Medien mehrheitlich zu einer unzweifelhaft gewichtigen Promi-Aufstellung.
Über Art und Qualität der Speisen wurde nichts verraten. Das gilt es hier nachzuholen.Zuerst ein Rückblick auf die Woche der Feste in Berlin. Den Anfang machte eine total "verrockte" Kombination: Sternekoch Kolja Kleeberg, ausgebildeter Opernsänger, hatte zu Rock'n Roll und Genuss ins VAU geladen. Er servierte nicht nur fantastische Rinderbraten, die 18 Stunden lang bei 90 Grad Niedrigtemperaturen gegart waren, sondern ließ zusammen mit einer Band beim Rock 'n' Roll der 50er- und 60er-Jahre sein Restaurant VAU und den Innenhof mit den mobilen Genussständen erbeben.
Einen Tag später zauberte Berlins Sterne-Garde beim Hoffest des Regierenden Bürgermeisters rund ums Rote Rathaus Köstlichkeiten im Schnellverfahren. Und dann wurde das "I mog di"-Festival, das Berliner Oktoberfest, etwas früher als das Münchener Original (immerhin das größte Volksfest der Welt) von Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer eröffnet. In diesem Jahr war es kein dünner Abklatsch, sondern eine echte Kopie des Originals (bis 16.09. geöffnet). Dafür sorgt Münchens Festwirt Nummer 1 Sepp Krätz, der seit Jahren eine heimliche Liebe zu Berlin pflegt. Das macht ihn ja sympathisch. Durch ihn bekommt das Freudenfest im weiß-blauen Ambiente bajuwarische Gesichtszüge. Um Wiesn-Bier, Bayerische Schmankerl und Blasmusik zu genießen, haben Sie noch bis Mittwoch Zeit.
Was produziert nun die gewaltige Küche im Anbau hinter der Musikbühne? Natürlich gibt es den seit Jahren bekannten Standard, das Menü-Paket für 45 Euro mit Brezn, Radi, Radieschen, Hüttenspeck, Obatzda, Schmalz- und Schnittlauch-Broten als Vorspeisenplatte, dann die Auswahl an warmen Speisen vom Hendl bis Spanferkel und Kartoffelsalat sowie als Nachspeise Apfelstrudel, Marillenknödel und Dampfnudel und noch zwei Maß Bier dazu. Ohne Frage: ein fairer Preis.
Für die Aromen hat sich Sepp Krätz Verstärkung nach Berlin geholt. Der "Jahrhundertkoch" Eckart Witzigmann wechselte aus der Abteilung das Feinste vom Feinen zum Deftigen. Er schmeckte die Kalbsbouletten (Bayerisch: kälberne Fleischpflanzerl) und, weil er nun gerade mal da war, kümmerte sich gleich um die Wiener Schnitzel, für ihn als Österreicher ein Muss.
Alfons Schuhbeck, der Gewürz-Spezialist, mischte die Aromen für die Brathähnchen und veredelte das Geflügel mit Andechser Fassbutter. Sie sehen, es müssen nicht immer Kreationen aus dem Kocholymp sein, man kann auch Einfaches besonders gut machen. Einzige Kritik: Die Köche, die scheinbar so begeistert von der Hähnchengewürzmischung waren, griffen am ersten Tag zu kräftig in die Vollen. Das war dann zuviel des Guten. Vielleicht aber auch gewollt, weil die Promis zu häufig nur am Maß Wiesnbier nippen, auf diese Weise aber so richtig Durst bekamen. Schuhbeck registrierte es mit Schmunzeln, er verweist auf die Heilkraft der Gewürze: "Gewürze tun nichts anderes als den menschlichen Körper wieder in Balance zu bringen. Oft helfen sie bei vielerlei Beschwerden."
Das übrige Hippodrom-Programm von ordentlicher Qualität, ohne Ausreißer nach oben oder nach unten, möchte ich nicht unerwähnt lassen: Wurstsalat gibt es, herzhaft mit feiner Säure, Leberkäs, Münchner Kartoffelsuppe, mit Karottenchutney, das Veronique Witzigmann kreiert hat. Im Angebot auch, aber zum Bier wenig gefragt, waren die Riesengarnelen, die wohl mehr beim Italiener um die Ecke geordert werden. Ganz wichtig noch, obwohl das Oktoberfest in der echten Metropole an der Spree, ebenso in der "Weltstadt mit Herz" erst einmal ein Bierfest ist, wird genauso der Durst von Weingenießern gestillt und beim Champagner, an manchen Tischen ein wenig verschämt aus Bierkrügen getrunken, ist Eckart Witzigmann, der Geburtshelfer des deutschen Küchenwunders, wieder im Geschäft. Seine Hausmarke fließt in Strömen. Der Service funktioniert ordentlich, ganz gleich, ob nun von rechts oder links serviert wird, alles geht ruck zuck und zumeist auch mit einem freundlichen Lächeln.
www.oktoberfest-hippodrom-berlin.de

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