Abonnenten-Login Serviceangebote der Berliner Morgenpost Specials der Berliner Morgenpost
19.07.09

Gourmetspitzen

Kein Reis, nirgends

In seiner wenig gelesenen Essay-Sammlung "Der große Wok am Bambusfluss" bemerkt der Schriftsteller und Feinschmecker Ling Piao Wu im 18. Jahrhundert gallig: "Die Westbarbaren haben zwar die Gabel erfunden, anstelle unserer Stäbchen, aber wir Chinesen können dafür kochen."

Damals noch eine Seltenheit, aber heute ist die chinesische Küche hierzulande weit verbreitet, oder besser gesagt das, was wir für original chinesische Gerichte halten. Kaum eine Küche bedient dabei so viele Klischees wie eben diese: Ente süßsauer, Glückskekse oder Frühlingsrollen sind Assoziationen, die sich aufdrängen. Mit den acht sehr unterschiedlichen Regionalküchen, von kantonesisch bis Shandong-Spezialitäten beschäftigt sich freilich so gut wie kein Restaurateur ganz konsequent. In dieser Lücke sieht das "Lamian" eine Möglichkeit, Gäste anzusprechen. Mit dem enorm hohen Anspruch ist der Inhaber Frank Eggers in der Metropole angetreten, genau hier genussvolle Aufklärungsarbeit zu leisten. Er spricht von "First Chinese Food", was sehr kess ist, wenn man einmal die Qualität der Hongkong-Crew im "China Club", Tim Raues Spezialitäten in "Ma" und "Uma" oder auch nur die einfachen, aber gut gemachten Gerichte im "Good Friends" aufzählt. Unbesehen positiv ist freilich, dass Eggers, der viele Jahre in China gelebt hat, gemeinsam mit seinem Chefkoch Qui Bao ohne Wenn und Aber authentische Speisen serviert. Dabei verzichtet er völlig auf Reis und andere "Sättigungsbeilagen".

Den größten Fehler machte das Gespann bei der Standortwahl. In der unendlichen Reihe der knallbunten Punk- und Studentenlokale in der Simon-Dach-Straße wirkt das minimalistisch eingerichtete, aber blitzsaubere Lokal wie ein Fremdkörper, unpassend für die vorbeiflanierende Klientel. Verständlich, dass über einen Wechsel ins Zentrum nachgedacht wird.

Einzelgerichte gibt es nicht auf der Speisekarte, nur ein komplettes chinesisches Dinner-Menü (36 Euro) und für den, wie es heißt, "kleinen Hunger" eine Minifolge von China-Speisen für 24 Euro. Bei beiden wird ein Zusatzgericht, nämlich ein gedämpfter Fisch mit Kräutern und Ingwer empfohlen. Wir wählten das große Menü und den Fisch dazu, aber die Portionen waren so winzig, dass mich der begleitende Genießer Anjou anschließend zur Currywurst eingeladen hat.

Was auf den Tisch kam, war freilich schmackhaft. Zum Start wurden gleichzeitig herzhafte Sojastangen, ein Portiönchen Hühnerragout und Lotuswurzeln serviert. Das folgende Schweinefilet und die Auberginen waren delikat gewürzt und abgestimmt, während die Langbohnen völlig geschmacksneutral auf dem Teller lagen. Am besten schmeckte mir das geschnetzelte Rindfleisch, frische Korianderblätter geben diesem Gericht das besondere Aroma. Nach der Hähnchenbrust und der so genannten Lanzhou-Nudelsuppe, die an die Bastelkombination aus Kindertagen, eingeweichte Papierschnipsel mit Kleister, erinnerte, kam dann als der absolute Höhepunkt der zusätzlich bestellte, im Ganzen gedämpfte Fisch mit vielen Kräutern, Pfeffer und tüchtig Ingwer für die Schärfe sowie Korianderkörnern zur Aromaabrundung. Sieht man einmal vom Kampf mit restlichen Gräten ab, war dieser Fisch in der Tat das Erlebnis, das den Ausflug nach Friedrichshain belohnte.

Die Desserts dürfen Sie hingegen getrost vergessen. Ob die Klöße mit schwarzem Sesam gefüllt oder mit Kokosstreuseln serviert werden, die Konsistenz ist eine undefinierbare Pampe. Abhilfe schafft da das Häppchen Wintermelone mit Zitronensorbet. Da sich der Andrang noch in Grenzen hält, serviert der Chef jeden Gang selbst und auch der Mann in der offenen Küche hat keine weitere Unterstützung. So gibt es keine Koordinationsprobleme, alle Gänge kommen frisch zubereitet und reibungslos schnell zum Gast.

Während das Essen als Ausdruck von Lebensfreude konsequent fernöstlich ist, besteht das Weinangebot mehrheitlich aus guten europäischen Mittelklasselagen - die "Weinbar Rutz" steht Pate. Wir wählten einen Pinot Noir Gladstone (2006) von Johner, der mit 48 Euro fair kalkuliert ist.

Insgesamt ein interessantes Erlebnis, das ich allerdings nicht wiederholen würde.

Chinesisches Gourmet-Restaurant Lamian, Simon-Dach-Straße 2, Dienstag bis Sonntag 18 bis 23 Uhr, Tel.: 0176 227 304 91, www.lamian.de

Leser-Kommentare
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
Besucher testen neue Achterbahn im Belantis Park
Achterbahn im freien Fall

Immer rasanter: Neue Bahnen versprechen Schwerelosigkeit.

Video Nachrichten mehr
Assad-Regime Opferzahl nach Angriffen in Syrien steigt
Mitte Polizei sucht mit Bildern nach Angreifer vom Alex
Ausflugswetter Viel Sonne versüßt Deutschen das Pfingstfest
Käufersuche Eine Woche Galgenfrist für Schlecker
 
PromoTeaser_img.jpg
Urlaub an der See

Aktuelle Reisetipps für Ihren nächsten Deutschlandurlaub.mehr

Sommerkoll-klein.png
Sommer Trends

Lindner - Das sind die Sommer Trends 2012!mehr

bio10_onsite-teaser.jpg
Netzwerker

Für eine moderne Energieversorgung in Berlinmehr

 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Blücherplatz

Karneval der Kulturen mit Straßenfest eröffnet

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

DFB-Bundesgericht

Hertha kämpft gegen Sturz in die Zweite Liga

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote