Gourmetspitzen
Bonjour Fronkreisch
Bonjour und oui, oui, Monsieur, säuseln die Kellner mit weißer Schürze und Baskenmütze. Oh là l, das ist wahrlich mehr als nur ein Hauch von Paris.
Von Heinz Horrmann
Es gibt tatsächlich ein Fleckchen französischer Lebensart in Berlin - genauer in Mitte, das "Entrecote" in der Schützenstraße nahe dem Checkpoint Charlie. Das Restaurant in einem Geschäftshaus, wo einst die Mauer stand, hat fünf Meter hohe minimalistisch dekorierte Räume und eine kleine Straßenterrasse. "L'esprit brasserie", dieses ganz besondere Lebensgefühl, von dem so viele Dichter, Schlagertexter und Literaten schwärmen, wenn sie von Paris erzählen, wird hier lebendig umgesetzt. Ein origineller Rahmen für ein französisch orientiertes Speiseangebot, leider von stark schwankender Qualität.
Im Mittelpunkt stehen typisch französische Brasserie-Spezialitäten wie Weinbergschnecken mit Kräuterbutter gratiniert, die Pastete von der Entenstopfleber oder kleine Spieße von Jacobsmuscheln und Scampis. Die Zwiebelsuppe mit Käse überbacken, darf nicht fehlen und ebenso wenig die Fischsuppe provenzalischer Art mit Garlic-Mayonnaise, Käse und Croutons. Alles schön und gut, auch mit dem Entrecote (das dem Restaurant den Namen gab) vom Lavasteingrill mit goldbraunen Streichholzkartoffeln war ich durchweg zufrieden. Kein Sternenglanz, aber ordentlich.
Doch die Frage muss nach meinem Besuch erlaubt sein: Können die Lizenz-Franzosen nicht mit Fisch umgehen? Das Seezungenfilet mit Blattspinat mutete wie gewürz- und salzlose Klinikkost an. Wahrscheinlich ganz gesund für Magenkranke, aber überhaupt nichts für den Gaumen. Und am Nebentisch fluchten Touristen, die sich hierher verlaufen hatten, über sandige Miesmuscheln in Weißweinsauce. Da muss man schlechte Noten geben.
Zurück zur positiven Seite von Paris an der Spree. Der gratinierte Ziegenkäse mit Olivenöl und Friseésalat, gewiss keine große Kochkunst, aber gut gemacht, überzeugte, vor allem die mit Kräutern herzhaft abgeschmeckte Vinaigrette. Das galt auch für die kleinen knusprig ausgebackenen Rösti zum Räucherlachs mit Creme Fraiche und geriebenen Meerrettich. Für den großen Hunger bereitet die Küche ein Cote de Boeuf, ein Rinderkotelett, das vom Knochen als Aromaträger profitiert, mit rund einem Kilo Fleisch für zwei Personen zu. Das steht mit 64 Euro auf der Rechnung.
Wahlweise kann der Gast Bratkartoffeln dazu bestellen, die aber lange nicht so gut gemacht sind wie die Pommes Allumettes, die streichholzdünnen Pommes Frites und eben diese Spezialität, die ich empfehlen würde. Der Sauce Béarnaise fehlt leider frischer Estragon.
Auch in schlechten Zeiten war am Abend jeder Tisch besetzt. Im hinteren Teil des Restaurants sang eine amerikanische Gruppe auf ihrer Tour "ganz Europa in fünf Tagen" recht lautstark. Eigentlich brauchten sie nicht weiterzureisen. Gemäß dem Filmtitel "Ein Amerikaner in Paris" waren sie schon hier am Ziel. Ich beschäftigte mich derweil mit dem Wein. Während der Bordeaux, ein Figeac, pfleglich behandelt wurde, früh geöffnet und auf Wunsch dekantiert, kam der Chablis Premier Cru für den ersten Teil des Essen leider erst einmal zu warm auf den Tisch. Er wurde dann im Eiskübel auf die richtige Temperatur gebracht, doch das erste Glas ist bei diesem Verfahren verloren.
Das "Entrecote" ist nicht nur ein Abendrestaurant, auch mittags ist der Tisch gedeckt. Lange Zeit schien für die Berliner zu gelten, was Donald Trump in schnoddriger Art formulierte: "Lunch is only for losers." Zu deutsch: Mittagessen ist nur für Verlierer. Eine Kultur des Business-Lunchs - in Hamburg oder München längst selbstverständlich -, hat sich an der Spree erst in den vergangenen Jahren entwickelt. Das Geschäft zwischen 12 bis 14 Uhr machen dabei nach wie vor nur wenige Restaurants, wenn man Fast Food und Schnellimbiss-Ketten einmal nicht berücksichtigt. Man trifft sich, auch zum Geschäftsgespräch, im "Borchardt", in der "Gendarmerie" oder eben hier im "Entrecote".
An einem Tisch hat ein Gast zwischen Austern-Variationen und Öl-Kännchen seinen Laptop eingeschaltet. Er will die Zeit nutzen, bis das Essen kommt. Das lohnt sich. Denn eilig darf man es nicht haben. Diese Wartezeiten passen eigentlich nicht zur Mittagskonzeption, wo die meisten in einer Stunde ordentlich gespeist und die Rechnung beglichen haben wollen. Das war in den Anfängen des Restaurants anders. Da gab es nur, wie sich leicht vermuten lässt, Entrecote, genauer gesagt Contre Filet (Roastbeef) mit Salat, sonst nichts. Der Inhaber fand, dass der Gast keine große Auswahl auf der Speisekarte suche, sondern die Abwechslung im Besuch von unterschiedlichen Restaurants sehe. Heute ist die Speisekarte umfassender und damit für die Küche zeitintensiver geworden.
Das Lammkarree, rosa gebraten, das Geschnetzelte vom Rinderfilet oder die frisch zubereitete Dorade Royal (im Ganzen gebraten), das geht nun mal nicht von jetzt auf gleich.
Entrecote Restaurant et Brasserie, Schützenstraße 5. Tel.: 030 / 2016 5496. Montag bis Freitag, 12-24 Uhr, Sonnabend 17.30-24 Uhr, Sonntag geschlossen. Küchenschluss 24 Uhr. Kreditkarten: Eurocard, Mastercard, Visa, Amex www.entrecote.de
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