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30.04.10

Hirschhausen

Sind elektronische Bücher wirklich besser?

Klar ist das unhöflich. Aber wenn ich das erste Mal bei jemandem zu Hause bin, schau ich nicht bei der ersten unbeobachteten Gelegenheit, von welchem Hersteller das Porzellan ist. Ich inspiziere das Bücherregal.

Dann weiß ich verlässlicher, ob jemand alle Tassen im Schrank hat. Aussagekräftig sind weniger die zur Beobachtung drapierten Coffee-Table-Books, bei denen wichtiger ist, dass sie in der Größe zum Tisch passen. Geistige Größe verraten die Teile der Regale, wo schon länger nicht mehr Staub gewischt wurde, die aber vergangene Epochen der Auseinandersetzung dokumentieren. Zu wissen, was jemand gelesen oder zumindest mal gekauft hat, gibt Anlass für Konversation oder, im schlechtesten Fall, zur Flucht. Jemanden wie ein offenes Buch lesen zu können erfordert offene Bücher!

Ich beneide Menschen, die dicke Bücher wälzen. Jobbedingt lese ich seit der Ausbildung viele Fachartikel, Sachbücher, viel quer und noch mehr gar nicht. Umso mehr freue ich mich fremd (das Gegenteil vom Fremdschämen), wenn mir in der U-Bahn jemand gegenübersitzt, der gerade die letzten 15 Seiten von gefühlten 500 vor sich hat. Ich fiebere förmlich mit, ob Buchende oder Endbahnhof zuerst erreicht wird. Das Schönste für einen Autor ist übrigens, jemanden zu beobachten, der das eigene Buch liest und über etwas, das im stillen Kämmerlein entstand, plötzlich laut lacht. Autor und Leser verbindet mehr als WLAN. Ein Leser ist in einer anderen Welt als ein Browser. Er sucht Tiefe, nicht Benutzeroberfläche. Ich will etwas begreifen, nicht durchscrollen. Und im Urlaub gibt es kaum etwas Befriedigenderes, als ein gelesenes Buch von dem einen auf den anderen Stapel zu legen. Viele Journalistenkollegen prophezeien, man würde in naher Zukunft nur noch "PDFs" auf einer Festplatte türmen, statt Gedrucktes auf dem Tisch. Klar kann man dadurch noch mehr Bücher in den Urlaub mitnehmen, aber das löst nicht das Problem, es macht es schlimmer. Ich hatte noch nie zu wenig zu lesen dabei. Die Regelung mit dem Übergepäck ist für mich auch ein psychologisches Regulativ. Und am Strand will ich keinen Sand in einem Lesegerät, zwischen den Seiten stört er mich nicht. Ich will ein Buch über mein Gesicht legen, wenn ich döse, keinen Prozessor. Vielleicht bin ich eine aussterbende Spezies. Und garantiert wird schon an einer "App" gearbeitet, die das Haptische virtuell integriert: elektronische Eselsohren, Patina und Kaffeeflecken. Und wenn Gäste kommen, kann man die Buchrücken auf Tapete ausdrucken und an die Wand hängen.

Quelle: Eckart von Hirschhausen schreibt sonst jeden Sonnabend in der Berliner Morgenpost
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