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08.02.12

Geitels Geschichten

Ein Dickkopf am Klavier

Als kürzlich der vielfach ausgezeichnete, junge französische Pianist David Fray im Konzerthaus debütierte, nannte er als sein Vorbild keinen Musiker der aktuellen internationalen Musikerriege, sondern den 1991 verstorbenen, damals schon 96-jährigen Wilhelm Kempff.

Dieses Gedenken machte mich froh. Ich war stets ein Bewunderer Kempffs gewesen, seit ich ihn am 3. November 1941 in der Philharmonie unter Wilhelm Furtwängler Beethovens viertes Klavierkonzert hatte spielen hören. Ich schoss voller Begeisterung nach dem Vortrag ins Künstlerzimmer und bat Kempff um sein Autogramm.

Fast dreißig Jahre später traf ich ihn auf einer musikalischen Kreuzfahrt, und zur Erinnerung an seine Auftritte in Menton und Monastir sandte er mir ein wunderschönes Altersbild von sich mit einer herzlichen Widmung. Das Photo hängt bei mir inzwischen seit Jahrzehnten an der Wand. Über Kempffs Namenszug von 1940 ist noch ein anderer Name zu lesen: Theodor Berger. Unter dem Kempffs steht witzigerweise ein damals noch weitgehend unbekannter Dirigent namens Herbert von Karajan.

Theodor Berger (1905 bis 1992) war der erste Komponist, der vor meinen ebenso überraschten wie erschrockenen Ohren rücksichtslos ausgepfiffen wurde. Pfeifkonzerte waren damals noch durchaus nicht an der Tagesordnung. Berger, der einsam im Künstlerzimmer herumstehende, tat mir leid. Deshalb bat ich ihn um sein Autogramm.

Furtwängler, einer seiner ziemlich raren Bewunderer Bergers, hatte dessen Ballade op. 10 zur Uraufführung aufs Programm gesetzt. Das muss Berger ziemlich geschmeichelt haben. Furtwängler, auch er ein komponierender Erzromantiker, hatte sich zuvor schon als Mentor des komponierenden Österreichers ausgezeichnet, dem man bald nach dem Krieg daheim ansehnliche Ehren erwies. Berlin aber pfiff damals auf ihn.

Wilhelm Kempff hatte während des Krieges natürlich auch Goebbels unverlierbar vor Augen gestanden, und das Propaganda-Ministerium wurde nicht müde, die renommiertesten deutschen Interpreten zwischen Krakau und Paris auftreten zu lassen. Kempff sah sich eingeschlossen in die Propagandarunde. Später hat er sich dafür entschuldigt, nicht häufiger "Nein" gesagt zu haben. Kempff gehörte zu den höchstgeschätzten Beethoven-Spielern der Zeit. Kein Wunder, dass man ihm wieder und wieder mit Beethoven auf die Nerven ging. Ich erinnere mich deutlich eines Interviews von Kempff vor französischem Publikum, in dem der Fragende immerfort auf Beethoven und die Beethoven-Interpretation zu sprechen kam, ein Thema, das für den alten Kempff damals schon voll ausgereizt war.

Er wollte sich partout nicht über Beethoven äußern, sondern ausgerechnet über Franz Liszt, der damals alles andere als in Mode war. Ihn hatte man zu einem virtuosen Schwätzer degradiert. Da aber spielte Kempff nicht mit. Offenkundig hatte Liszt nie aufgehört, ihn herauszufordern. Er wollte seine Ansichten zu Liszt offenbaren. Aber keiner wollte sie hören. Liszt war für die sich als seriös empfindenden Musikfreunde damals gründlich out. Kempff war glücklicherweise, trotz seiner Meisterschaft im Beethoven-, Schumann- und Brahms-Spiel, unseriös genug, sich den verbreiteten Dummheiten nicht anzuschließen.

Er war und blieb als Musikliebhaber bis zuletzt unvernagelt. Er war halt "unter dem Zimbelstern" aufgewachsen. So jedenfalls hat Kempff die Erinnerungen an die eigene Jugend betitelt. Sie vereinte Ehrfurcht mit Heiterkeit: noch immer eine gute Mischung. Kempff griff sie für seine Interpretationen auf. Er vereinte beides aufs Lebendigste, Anschaulichste und mit spürbarem Hochgenuss.

Klaus Geitel, Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern

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