Geitels Geschichten
Vom Kaffeehaus auf die Bühne
Es gibt Musikerschicksale, die sich aus einem einzigen Namenszug gar nicht herauslesen lassen. Am 7. März 1940 trug sich der tschechische Geiger Vása Prihoda nach seinem Violinabend im Beethoven-Saal in mein Autogrammbuch ein.
Jahre später beschuldigte man ihn in seiner Heimat der Kollaboration mit den Deutschen. Prihoda verließ 1946 sein Heimatland und ließ sich in Rapallo nieder. Er nahm die türkische Staatangehörigkeit an. Er starb 1960, erst sechzigjährig, in Wien.
Dabei hatte alles so glücklich begonnen. Mit acht Jahren schon hatte er die Konzerte von Beethoven und Brahms im Griff. Prihoda war bei seinem Vater in die Violinlehre gegangen, der in Prag eine eigene Musikschule unterhielt. Über mangelnde Förderung konnte er sich nicht beklagen.
Man baute sein violinistisches Können von Grund auf makellos auf. 1913 debütierte er stolz in Prag. Das aber machte die Familie wohl leichtsinnig. Sie gründete ein Orchesterchen um ihren phänomenalen Sohn herum und schickte 1919 die rundum taufrische musikalische Mannschaft auf Tournee ins Nachkriegs-Italien.
Dort aber waren die jungen Tschechen alles andere als herzlich willkommen. Kurz gesagt: sie machten pleite. Das Orchester löste sich auf. Prihoda fand Unterschlupf als Stehgeiger in einem feinen Mailänder Café. Ein einzigartiger Zufall kam ihm zu Hilfe. Dieser Zufall trug einen weltberühmten Namen: Arturo Toscanini. Auf dem Weg zur Scala führten ihn seine Schritte regelmäßig an dem Luxus-Café vorbei, in dem Prihoda spielte. Eines schönen Tages hörte Toscanini überrascht dessen Geigenspiel. Eine Empfehlung von ihm befreite Prihoda aus der Fiedelfron und öffnete ihm damit nicht nur den Einzug in die größten Konzertsäle der Welt, sondern auch in mein Autogrammbuch.
Stets hat Toscanini in Prihoda den bedeutendsten Geiger der Zeit gesehen, trotz einer ja nicht unerheblichen Konkurrenz, mit Heifetz an der Spitze.
In meiner Erinnerung war um Prihodas Spiel etwas Zigeunerhaftes. Es steckte bis zum Hals voller Verlockungen. Das ging natürlich mitunter gründlich schief, vor allem bei Bach, der zu allem Unglück auch noch Prihodas Lieblingskomponist war. Dabei fühlte sich sein Spiel bei Paganini deutlich besser aufgehoben.
Er verstand es wie kaum ein anderer zu seiner Zeit, mit der Makellosigkeit seines Spiels die Ohren seiner begeisterten Zuhörerschaft weltweit zu kitzeln. Nur kam seiner Kunst der Krieg in die Quere, und Prihoda mit seiner Emigranten-Kunst stand nachdrücklich auf der Verliererseite. Glücklicherweise verstand es Prihoda, wenn auch sicherlich unter großen Mühen, sich halbwegs vor allen Verfolgungen kritischer und politischer Art zu retten. Die Erinnerung an sein faszinierend abenteuerndes Spiel voller Klangschönheit lebte weiter. Man hieß ihn wieder in Wien willkommen und erhob ihn in den Professorenrang. Auch mit Prag schloss er Frieden. Er verkaufte seine Stradivari dem Staat. Nun konnte er sterben. Und das tat er auch.
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