Geitels Geschichten
Eine unglaubliche Karriere
Sie war eine Stadtheilige des Gesangs und noch dazu ein Sopran. Sie war so begehrt, dass man sie daheim in Berlin, an der Staatsoper, nur selten erwischte. Maria Müller war so etwas wie ein triumphal leuchtender Namenszug über dem Berliner Operngelände.
Aber sie sah sich ebenso gefeiert an anderen großen Bühnen der Welt, vor allem natürlich in New York an der Metropolitan, der sie ein ganzes Jahrzehnt lang angehörte. Diese Zeitdauer war allein schon kolossal.
Auch ich widme ihr noch immer Zeit des Gedenkens. Stets, wenn ich nach dem Kriege während der Festspiele nach Bayreuth kam, einem anderen Ort der Triumphe Maria Müllers, besuchte ich dort auf dem Friedhof ihr Grab und gedachte ihrer mit Hochachtung. Im Grunde allerdings nicht dafür, dass sie alle lyrischen Wagner-Partien denkbar anrührend und rein zu singen verstanden hatte, sondern dafür, dass sie mir als Erste das musikalische Abenteuer namens Janácek erschloss. Am 4. April 1942 durfte ich sie in der Krolloper, dem Ersatzhaus für die ausgebombte Staatsoper, als Jenufa hören. Seitdem renne ich jeder Janácek-Aufführung hinterher. Was hat dieser Janácek auch für herrliche Rollen zu schreiben verstanden! Überraschend aber auch, das die Staatsoper mitten im Kriege ausgerechnet auf den bis dahin außerhalb der tschechischen Grenzen wenig gespielten Meister zurück- oder vorausgriff. Denn bereits 1924, unter Erich Kleiber, hatte die Staatsoper "Jenufa" gespielt.
Bereits Mitte der Vierziger kehrte sie unter Kleiber in der Krolloper zurück. Anfang 1949 stand sie wieder, diesmal von Wolf Völker inszeniert, aber mit Christel Goltz in der Titelpartie, auf dem Spielplan. Maria Müller hatte sich überdies, damals erst 51 Jahre alt, schon in Bayreuth zur Ruhe gesetzt. Dort ist sie auch, nur bescheidene 60 Jahre alt, 1958 gestorben.
Eine unglaubliche Karriere: Die gebürtige Theresienstädterin hatte gerade Mal in verschiedenen kleinen deutschen Opernhäusern Fuß gefasst, da stürmte ihr New York buchstäblich ins Haus. Sie wurde vielmals zum Vorsingen gebeten, pfiff aber auf diese Einladungen. Man könne sie ja da und dort auf der Bühne hören. Die Metropolitan resignierte: Maria Müller sah sich langfristig engagiert und nicht einzig für das Wagner-Fach, sondern auch für Verdi, Richard Strauss, Mozart, Weber, Smetana.
In Berlin hatte Frau Müller sich schon in der Städtischen Oper bekannt gemacht, bevor sie an die Staatsoper hinüberwechselte. Dort aber ließ der Großerfolg nicht auf sich warten. Dabei hatte ihre große Zeit am Hause erst 1934 richtig begonnen, damals, als sie unter Furtwänglers Leitung die Agathe im "Freischütz" sang, Alle Partien schienen damals doppelt und dreifach besetzt. Es gab offenbar geradezu ein Gedrängel in den Kulissen, sich eine der begehrten Rollen zu schnappen. Singen - das hieß damals gleichzeitig auch warten. Sechs Monate mussten vergehen, bis Maria Müller eine neue Chance erhaschte. Aber war es überhaupt eine? Sie bekam die "Tosca" zu singen.
Drei Jahre gingen ins Land, bis ihr wieder eine angemessene Rolle in den Schoß fiel. Thomas Beecham, zu Gast in der Staatsoper, hatte sie sich für seine Einstudierung von Glucks "Orpheus und Eurydike" ausgespäht. Danach kehrte sie zur "Aida" und zu Wagner und Furtwängler zurück. Sie sang unter seiner Leitung die Eva in den "Meistersingern". Die Treue zu Bayreuth hatte sich gelohnt.
Klaus Geitel, Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern
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