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29.12.11

Geitels Geschichten

Bissige Pianisten

Natürlich rannte ich am 5. Oktober 1941 voller Neugier und Sensationslust in die Philharmonie, um Emil von Sauer, den letzten Liszt-Schüler, spielen zu hören. Es war mir, als solle mit meinen Knabenohren nachträglich noch einmal das schier unerschöpfliche 19. Jahrhundert in all seinem Reichtum, all seiner Herrlichkeit besichtigt werden.

Zu meiner Überraschung stieß ich in der Konzertpause auf einen weiteren Liszt-Bewunderer erster Klasse. und sofort hielt ich dem verblüfften Raoul Koczalski mein Autogrammbuch unter die Nase. und sofort zeichnete er ohne Murren, sondern eher offensichtlich geschmeichelt, seinen Namen hinein. Koszalski zählte damals zu den größten Chopin-Interpreten seiner Zeit.

Aufzutreten in Berlin war ihm offenbar inzwischen verwehrt. Er lebte wahrscheinlich vom Unterrichten. Dabei hatte ihm noch kurz davor die deutsche Musiklandschaft, überwältigt von seinem Chopin-Spiel, zu Füssen gelegen. Ein einziger hielt sich indessen nachdrücklich der Koszalski-Bewunderung fern. Es war Claudio Arrau. Er war ein Feind allen Spezialisten-Getues. Er konstatierte voller Bitterkeit, in der Regel sei es doch so, "dass diese Leute ihre besondere "Spezialität" viel oberflächlicher spielen als diejenigen, die alles spielen" (wie er selbst, natürlich).

Und dann kam Arrau kurz und knapp zu der Sache, die für ihn Koszalski hieß. Er schrieb, ohne ein kollegiales Blatt vor den Mund zu nehmen: "In Deutschland wurde ein Mann namens Koczalski abgöttisch verehrt. Er spielte ausschließlich Chopin. Es war miserabel. Oder Brailowsky! Der schlechteste Chopin, den man je gehört hat. Sich auf zwei oder drei Komponisten zu beschränken, ist ungesund."

Darf man daraus schließen, es lohne schon, bei Mozart oder Schumann kräftig daneben zu hauen, um als Pianist unerschütterlich seinen Mann zu stehen? Und was ist mit Beethoven, dem die Grube tagein, tagaus mit Fehlinterpretationen zugeschüttet wird? Einige ebenso notorische wie genialische Fehlinterpreten sind längst zu Weltruhm gekommen und werden lange Zeit nach ihrem Tode noch immer glühend verehrt. Man muss ja in Kanada nur einmal an das Grab von Glenn Gould treten. Karajan wurde von Gould immerhin akzeptiert. Auch das Umgekehrte ließ sich nicht leugnen. Mit Ivo Pogorelich allerdings kam selbst Karajan nicht zurecht. Er hieß ihn das gemeinsame Salzburger Konzert wegen Krankheit absagen. Leonard Bernstein wiederum kam mit Glenn Gould gar nicht zurecht und verkündete das auch noch nachdrücklich dem Publikum im Saal. Musikalische Ansichten gehen halt, wie politische oder medizinische auch, gelegentlich weit auseinander. Das einzig Tröstliche daran: an diesen künstlerischen Divergenzen stirbt keiner.

Auch Koszalski kam durch die Verurteilung seines Chopin-Spiels durch Arrau nicht zu Schaden. Wie könnte er auch? Koszalski war schließlich genau zwanzig Jahre älter als sein Angreifer. Als Vierjähriger hatte er schon in Warschau, seiner Heimatstadt, auf dem Podium gestanden und konzertiert.

Später wurde er ein Schüler von Carl Mikuli, dem Schüler Chopins. Mit sieben begann er den Ewigkeitszyklus seiner Konzertreisen, auf denen er sogar zum Hofpianisten des Schahs von Persien aufstieg.. Mit neun hatte er bereits sein eigenes Opus 46 zu Papier gebracht. Mit elf feierte er sein eintausendstes öffentliches Auftreten.

Nun stand er vor mir, ein kleinwüchsiger alter Herr, an der Schwelle der Siebzig. Seine Hand zitterte leicht, als er seinen Namen freundlicherweise in mein Gedenkbuch schrieb. Gleich nach Kriegsende kehrte er in die polnische Heimat zurück, um zunächst in Posen, dann in Warschau zu unterrichten. Man lernt, auch Lorbeerkränze können welken. Einzig Erinnerung hält sie grün.

Klaus Geitel, Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern

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