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23.12.11

Geitels Geschichten

Ein Philosoph mit Taktstock

Man hätte ihn den Wilhelm Tell unter den Dirigenten nennen können, so übergroß vertrat er musikalisch die Schweiz. Er stampfte 1918 in Genf das "Orchestre de la Suisse Romande" buchstäblich aus dem musikalisch bis dahin nackten Boden und leitete es ein halbes Jahrhundert lang.

Ernest Ansermet zählte im wahrsten Sinne des Wortes zu den tonangebenden Musikern Europas.

Ich hörte ihn zum ersten Mal am 1. Februar 1942 mit den Berliner Philharmonikern und schoss nach dem Konzert sofort ins Künstlerzimmer der alten Philharmonie, dem Meister mein Autogrammbuch vorzulegen und höflichst um seinen Namenszug zu bitten. Mein Knabenwunsch war ihm offenbar so etwas wie ein Befehl. Er kam ihm nach ohne Murren.

Ich betrachte noch heute sein Autogramm mit der gehörigen Andacht, dabei wusste ich damals noch gar nicht, dass Ansermet es gewesen war, der Strawinskys "Sacre du printemps" zum allerersten Mal in Deutschland, also in Berlin, aufgeführt hatte. Er war schon vor dem Krieg wiederholt in Berlin aufgetreten und hatte sich mit Furtwängler offensichtlich sofort gut verstanden.

Er half ihm auch bei der Einbürgerung in der Schweiz, als Furtwängler gegen Ende des Krieges Deutschland verließ und sich bis ans Ende seiner Tage in Clarens niederließ. Sofort nach der Todesbotschaft des Freundes trat Ansermet ans schweizerische Mikrophon und nahm den Verstorbenen nachdrücklich in Schutz. Man habe ihm übel mitgespielt mit den böswilligen Verdächtigungen, ein Nazi gewesen zu sein.

Das hat man glücklicherweise von Ansermet nie behauptet. Aber auch er bekam viel ranziges Fett ab für seine Auftritte in Deutschland unter den Nazis. Bruno Walter, damals im amerikanischen Exil, lehnte es während des Krieges ab, einen Beitrag zur Ansermet-Festschrift anlässlich des 60. Geburtstags des berühmten Schweizer Kollegen zu schreiben.

Dem hatte der Aufbau seines Orchesters in Genf schon genug zu schaffen gemacht. Man kann es sich heutzutage gar nicht recht vorstellen, dass man kurz vor Beginn der Zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in der Schweiz noch geradezu auf Menschenjagd gehen musste, um ein Orchester mit bescheidenen sechzig Mitgliedern aufzubauen. Als Ansermet endlich nach vielen Mühen einen befähigten Oboisten in Bern aufgegabelt hatte, nahm dieser den Orchester-Vertrag gar nicht an. Schweizer Freiluftmensch, der er war, zog er es vor, auf dem Markt weiter Birnen zu verkaufen, statt in irgendwelchen Sälen zu konzertieren.

Hinzu kam natürlich auch noch die vertrackte finanzielle Situation des Orchesters, das ganz und gar von Sponsoren abhängig war. Ansermet musste sich verschulden. Das zwang ihn in die kostbare Fron unter Diaghilews "Ballets Russes", selbst wenn deren Zahlungsfähigkeit den hohen Sprüngen nicht gleich kam, die Nijinsky zu machen verstand. Immerhin aber bekam Ansermet Gelegenheit, sich dem Werk Strawinskys zu widmen.

Leider bekam die Freundschaft der beiden in den späten 30er Jahren einen unreparierbaren Knick. Ansermet hatte es gewagt, musikalische Änderungen in Strawinskys Ballett "Jeu de Cartes" vorzuschlagen. Das empfand Strawinsky als eine unverzeihbare Beleidigung.

Aber so war Ansermet. Er war geradezu mit Kunst vernagelt: einer Kunst mit entschieden gezogenen, geradezu mathematisch fundierten Grenzen. Schließlich hatte Ansermet nicht nur Musik, sondern, auch Mathematik studiert. Die hinderte ihn nicht nur daran, Schönbergs Zwölfton-Diktum zu akzeptieren, sondern seine Ansichten dazu auch noch auf rund eintausend Seiten darzulegen. Er war nun einmal ein Philosoph, der mit dem Taktstock schrieb.

Nie wäre es Ansermet in den Sinn gekommen zu dirigieren, wenn er die Partitur nicht vor Augen hatte. Ein Stück auswendig zu leiten, schien ihm von vornherein Pfusch und nichts als Wichtigtuerei.

Klaus Geitel, Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern

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