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08.12.11

Geitels Geschichten

Geiger von Adel

Georg Kulenkampff, der große Geiger der Dreißiger- und Vierzigerjahre, wurde nur fünfzig Jahre alt. Er aber lehrte mich, seinen jungen Bewunderer, dass es vor allem darauf ankommt, die Werke sauber und mit Hingabe, ohne jede unangemessene virtuose Interessantmacherei, vorzutragen.

Kulenkampff sah sich vielleicht als so etwas wie ein Handwerker im Dienst der Musik: ehrlich, geradeheraus, eingeschworen auf interpretatorische Redlichkeit.

Sein Leben war alles andere als leicht. Die Kollegen, an deren Kunst die seine sich hätte messen können, hatten die Nazis vertrieben. Es ging dem gebürtigen Bremer, Jahrgang 1898, ein bisschen wie Furtwängler: das Exil sah ihn als einen Verräter, die Daheimgebliebenen als trostreich gute Gabe an.

Als er sich gegen Ende des Krieges dennoch in die Schweiz absetzte, nahm man ihn dort höchst ungnädig auf. Man bemäkelte seine Geisteshaltung, es solange im bitterbösen Deutschland ausgehalten, geradezu mit dem Geigenbogen Reklame für die Nazis gemacht zu haben. Davon konnte natürlich die Rede nicht sein. Ganz ungerührt von den Vorschriften der Nazis spielte er bei den klassischen Werken die Kadenzen weiter, die ihnen Joseph Joachim oder Georg Kreisler spendiert hatten. Er wagte es sogar noch 1935, Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert aufzuführen, als hätten es die Nazis nicht schon vor Jahr und Tag als jüdisch verseucht auf den Index gesetzt.

Ich jedenfalls lernte die Lust am Geigenspiel durch Kulenkampff kennen. Am 15. Oktober 1939 besuchte ich seinen Violinabend im Berliner Beethovensaal und war ganz Feuer und Flamme. Ich stürmte hinterher geradezu sein Künstlerzimmer. Mit wundervollen Grossbuchstaben schrieb Kulenkampff seinen Namen in mein Autogrammbuch ein.

Jahre mussten vergehen, bis ich wieder einen Geiger seines Adels und seiner Ehrlichkeit zu hören bekam. Der erste war natürlich Menuhin. Er gab drei Tage lang, vom 24. Mai 1952 an, unter Furtwänglers Leitung im Titania-Palast mit den Philharmonikern Konzerte mit verschiedenen Programmen. Wegen seiner versöhnlichen musikalischen Geste sah sich Menuhin im Ausland prompt herzlich beflegelt. Er nahm es gelassen in Kauf. Vier Jahre zuvor, 1948, schon war Kulenkampff in Schaffhausen gestorben.

Ich habe ihn, seine herrschaftliche Kunst, seine milde Autorität nie vergessen. Allerdings gab es da noch eine hochgewachsene Kleinigkeit, die sich mir als sehr hilfreich erwies. Sie war gleichfalls auf den Namen Kulenkampff getauft. Der junge Mann jedenfalls, der mich, den Halbgelähmten, während des Krieges im dänischen Lazarett zu Arhus betreute und mir über lange Wochen half, Arme und Hände, abgestorben durch die stundenlang gnadenlos zu durchleidende Rucksack-Last, zu neuem Leben zu erwecken.

Natürlich war ich ihm sehr dankbar dafür. Mehr aber noch, mich mit ihm über seinen Vater unterhalten zu können, über Musik schlechthin. Ich dachte natürlich, der junge Mann würde auch Musiker werden wie sein berühmter Papa. Wurde er aber nicht: er wurde Professor für Medizin an einer deutschen Universität. Die Grundlagen dafür hat er sich wahrscheinlich an meinem armen kranken Körper erarbeitet. Krankheiten sind also durchaus nicht immer schlankweg zu verachten. Sie bringen auch manches Gute hervor.

Klaus Geitel, Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern

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