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01.12.11

Geitels Geschichten

Sängerin mit schwerer Zunge

Ein einziger Opernabend kann einem ein Leben lang zur Unvergesslichkeit werden - und dies dank einer ziemlich einmaligen Sängerin, die nicht einmal Callas hieß, sondern Franca Somigli.

Ich habe mich am 23. April 1941 vernarrt, als sie beim einwöchigen Berliner Gastspiel der Römischen Oper in Puccinis "Mädchen aus dem goldenen Westen" auftrat. Damals schenkte sie mir auch zur Erinnerung ihr signiertes Photo. Es hat sich über den Krieg ebenso unbeschadet erhalten wie meine Bewunderung für die Spenderin. Die Berliner "Nachtausgabe" schrieb damals von der "alles überragenden tragischen Kunst" der Somigli, der "hinreißenden Gewalt ihrer großen, geschmeidigen, in der Höhe leuchtenden, ja jauchzenden Stimme", die am Ende des zweiten Aktes "Stürme des Beifalls" provozierte.

Ich erinnere mich noch deutlich, wie ich vor grenzenloser Bewunderung mitschrie. "Bravo" wurde mein italienisches Lieblingswort und nicht etwas Chianti. Franca Somigli, die in diesem Jahr ihren 110. Geburtstag gefeiert hätte, war keine Italienerin von Geburt, sondern tatsächlich "ein Mädchen aus dem goldenen Westen". Sie wurde als Marian Bruce Clark in Chicago geboren und starb 1974. Ihr Andenken zu ehren, fällt mir leicht, allein schon, weil sie mich mit Puccinis herausfordernd "amerikanisierender" Oper, 1910 für die New Yorker Metropolitan Opera komponiert, bekannt gemacht hat.

Franca Somigli hatte offenbar auch Heinz Tietjen, den damaligen Staatsopern-Intendanten zutiefst beeindruckt. Er lud sie zu Gastspielen ein. So bekam ich Gelegenheit, sie wiederzuhören und wiederzubewundern, einschließlich der Achillesfersen ihrer Vorstellungen. Somigli sang, wie zu erwarten, wunderbar in Giordanos "André Chenier" die Maddalena. Ihr darstellerisches Temperament aber riss sie wiederholt zu ParadeAktionen hin, mit denen ihre Partner nicht mithalten konnten - oder nicht mithalten mochten. Das brachte die Vorstellungen gelegentlich aus dem Tritt.

Hingerissen von ihrer Liebe zu Chenier und der beglückenden Vorstellung, mit ihm vereint zu sterben, stürmte Franca derart begeistert und unaufhaltsam zum Leiterwagen hinauf, der sie, (und in ihrem Schlepp den etwas schwerfälligeren Helge Roswaenge) zum Richtplatz der Revolution, also zur eigenen Hinrichtung fahren sollte, dass durch die Erschütterung ihres gemeinsamen Sehnsuchtssprunges die Deichsel brach. Zu Fuß mussten nun, geschwinde, geschwinde, alle beide der Guillotine entgegeneilen. Das war schon eines kleinen Gelächters wert.

Franca hatte überdies versprochen, wenn man sie als Salome engagiere, würde sie natürlich die wortreiche Partie der Heldin schlackenlos auf Deutsch singen. Man vertraute ihr. Wie aber heißt es im Sprichwort? "Vertrauen ist gut, Wissen ist besser". Der einzige "Salome"- Satz aber, den Franca einigermaßen auf Deutsch zu artikulieren vermochte, war der wiederholt wiederkehrende Prinzessinnen-Wunsch "Lass mich deinen Mund küssen, Jochanaan". Vielleicht hat ihn der Prophet bei Francas fragwürdiger Aussprache gar nicht verstanden?

Klaus Geitel, Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern

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