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19.11.11

Geitels Geschichten

Ein wundervoller Bariton

Er war der unumstrittene Vorgänger von Dietrich Fischer-Dieskau als Lieder-Sänger. Er war der Einzige, der es wagen konnte (und es immer wieder auch wagte), die Berliner Philharmonie für seine Liederabende anzumieten und sie prompt auszuverkaufen.

Heinrich Schlusnus war so etwas wie ein Magnet der intimen Singkultur, die es sich sogar leisten konnte auf das populäre Arien-Gesinge am Ende eines Liederabends zu verzichten. Der Mann war sozusagen ein singender Eremit des hochentwickelten Kunstgeschmacks.

Am 25.Oktober 1940, nach einem seiner phänomenalen Berliner Abende, trug er sich in mein Autogrammbuch ein. Er hatte nur, höflich wie er war, dem Komponisten Georg Vollerthun, dessen Lieder er neben denen von Schubert und Brahms gesungen hatte, den Vortritt gelassen. Vollerthun ist inzwischen längst vergessen, Schlusnus nicht.

Ich war etwa zwölf Jahre alt, als ich ihn in der Staatsoper Unter den Linden zum ersten Mal hörte. Schlusnus gehörte dem Haus damals schon knapp zwanzig Jahre an. Er war längst das, was man "einen gestandenen Sänger" nennen konnte, und tatsächlich war er im bloßen Herumgestehe auf der Bühne ebenso eindrucksvoll wie im Singen. Er war nun einmal kein Schauspieler, einzig ein prachtvoll singender Darsteller seiner selbst. Ich hatte das Glück, ihn gleich in seiner stocksteifen Vorzüglichkeit und noch dazu in seiner Paradepartie zu erleben. Er sang den Vater Germont in Verdis "La traviata", den Ehrenmann aus Noten, jede von ihnen so sauber gebürstet wie es sich nun einmal für feine Leute gehört.

Schlusnus packte die Zuhörer einzig und allein durch seine unübertreffliche Singkultur, die nach dem 1. Weltkrieg auf ausgedehnten Gastspielreisen die halbe Welt kennenlernen durfte. Er verfügte über einen wundervoll ausgeglichenen Bariton, der ihm geradezu auf den Leib geschneidert schien. Er warf keine Falten. Die Stimme saß ihm gewissermaßen wie ein Maßanzug aus der feinsten Schneiderei. Man riss sich darum, sie zu hören. Aber erst durch Fischer-Dieskau erfuhr man Jahrzehnte später, dass selbst Verdis alter Germont nicht einzig aus wenn auch noch so wohlgesetzten, so doch dramatisch höchst gleichgültigen Noten besteht. Die Zeiten hatten sich selbst in der doch sonst offenbar so unerschütterlichen Oper geändert. Dennoch setzt der Name Heinrich Schlusnus und die Erinnerung an seine künstlerische Leistung noch heute literweise liebenswürdige Gedenktränen in Gang.

Es ist schon seltsam: mit einem einzigen esoterischen Liedersänger im Baritonfach verstand sich Deutschland bis auf den heutigen Tag nicht zu begnügen. Es mussten immer zumindest zwei sein, die man gemächlich zu Rivalen aufbauen konnte. In unseren Tagen hießen sie lange Zeit Fischer-Dieskau und Hermann Prey. Heinrich Schlusnus hatte man den ausgezeichneten Gerhard Hüsch zur Seite gestellt, einen kraftvollen, höchst sympathischen Sänger, dessen Vortrag man, ob nun in der Oper oder im Konzertsaal, sich mit gutem Gewissen, ohne jemals enttäuscht zu werden, anvertrauen konnte. Freilich war er kein Sänger für den Großraum der Philharmonie, sondern eher für den intimeren Beethoven-Saal.

Hüsch war rund zehn Jahre jünger als Schlusnus, sah sich zunächst dem Deutschen Opernhaus verpflichtet, dem er sieben Jahre die Treue hielt, bevor er an die Staatsoper überwechselte und damit nach Bayreuth. Er hielt den deutschen Bariton-Fuß verlässlich in der Liedertür, bis Fischer-Dieskau kam, sie, wie kaum ein anderer vor ihm, wieder weit aufzustoßen

Klaus Geitel, Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern

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