Frl. Garbers rennt durch die Stadt
Was macht der Trottel eigentlich im Chefsessel?
Seit Jahren, genauer gesagt, seit Erfindung der Gehaltsstatistik, ist es unumstößliche Gewissheit, dass Männer mehr verdienen als Frauen in vergleichbaren Jobs. Dabei kann das eigentlich gar nicht sein, wie wohl jeder bestätigen wird, der schon mal mit einem Mann zusammen leben musste.
Schauen Sie sich den Kerl, der bei Ihnen zu Hause sitzt doch mal genau an. Ich meine den Freizeit- und Feierabendkerl. Das ist der, der so oft vergisst, die Müslitüte wieder zuzumachen, dass die Crunchy Nuts ganz pappig werden. Der, der die Butter über Nacht nicht in den Kühlschrank stellt und sich morgens beschwert, dass sie ganz flüssig ist. Der sein knallrotes Poloshirt noch schnell in die Weißwäsche schummelt. Und es ist der, der es schafft den Kochbeutelreis so zu öffnen, dass die Hälfte in der Spüle landet. Seine Lieblingssätze sind: "Oh, hab ich vergessen", "Das kann doch mal passieren." Und: "Da müssen Sie meine Frau fragen."
Und jetzt frage ich Sie, seine Frau, verdient dieser Mann, was er verdient?
Ist das hier so eine verdammte Jekyll-and-Hyde-Nummer? Oder ist das wie bei Superman, nur umgekehrt? Kaum ist die legere Kleidung abgelegt, der Nadelstreifen-Anzug angezogen, die Krawatte umgebunden und peng: Aus Mr. Unbeholfen, aus dem Mann, der eben noch unfähig war, seine Joghurtschale in das dafür vorgesehene Fach der Spülmaschine zu räumen, wird der Super-Controller. Der Super-Entscheider. Der Super-Chefarzt.
Können Männer sich wirklich derart verwandeln? Oder mit anderen Worten: Sind die Männer auch im Beruf so vertrottelt und haben lediglich untereinander einen Pakt abgeschlossen, das niemandem zu sagen? Ist es das, was hinter den verschlossenen Türen der Chefetagen besprochen wird? Kommt da deswegen keine Frau rein, weil sonst der ganze Schwindel auffliegen würde?
Und jetzt stellen wir uns diese Geschöpfe mal in der Arbeitswelt vor. Sagt der Chefarzt dann irgendwann während der OP: "Ups, wo ist denn jetzt die Aorta hin. Schwester, haben Sie die gesehen?" Sagt der Controller: "Okay, okay, ich hab mich um 500 Milliarden Euro verrechnet, aber sagen Sie das nicht meiner Frau."? Kein Wunder, dass wir von einer Krise in die nächste schlittern.
Die einzige Lösung könnte sein, dass die Ehefrau den Mann zur Arbeit begleitet und ihm sanft hilft: "Guck mal Schatz, da sind doch die 500 Milliarden. Du hast sie direkt neben die Billion gelegt. Wo du sie immer hin tust."
Vielleicht verdienen die Männer ja auch einfach deshalb mehr, weil sie sich mehr anstrengen müssen.
Die Kolumnen von Sandra Garbers sind jetzt auch in einem Buch erschienen: "Single in the City: Frl. Garbers rennt durch die Stadt", Bastei Lübbe (Quadriga), 160 Seiten, 14,99 Euro
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