Frl. Garbers rennt durch die Stadt
Warum Experten nur Männer sein können
Kürzlich hat in dem ehemaligen Schuhladen nebenan ein Spätverkauf eröffnet. Es gibt dort Weine, Trockenfrüchte, Chips, ein Paket Kochbeutel-Couscous und zwei Gläser mit Nudelsaucen. Und eine geschäftstüchtige junge, türkische Ladenbesitzerin.
Ein paar Tage nach der Eröffnung stellte sie vor dem Geschäft ein Schild auf: "Mediterraner Wein: Eine Flasche vier Euro, zwei Flaschen drei Euro." Das Angebot war auf den zweiten Blick sogar noch besser, als es sich auf den ersten anhörte, denn als ich für meine zwei Flaschen sechs Euro herüberreichte, schaute die Ladenbesitzerin mich verständnislos an und gab mir drei Euro zurück. "Können Sie denn nicht lesen? Zwei Flaschen kosten drei Euro." - "Ja, aber doch pro Flasche", sagte ich. - "Hm, auch keine schlechte Idee", antwortete sie. "Vielleicht beim nächsten Mal."
Das mag jetzt marktwirtschaftlicher Unsinn sein, ist aber äußerst menschenfreundlich. Und es war das erste Mal seit Einführung des Euro, dass Einkaufen nicht weh tat. Im Prinzip habe ich überhaupt nichts gegen den Euro, außer vielleicht, dass man sich früher im Ausland immer die Preise schönrechnen konnte: Der Schal mag zwar 100 000 Lire kosten, aber das sind ja nur ...- na ja, wenig Geld eben.
Das einzige, was mich wirklich am Euro stört, ist, dass er mich arm macht. Nicht nur, dass er mein Gehalt halbiert hat. Er hat alles Schöne doppelt so teuer gemacht. Oder trügt mich meine Erinnerung und ein Latte Macchiato hat früher tatsächlich sieben Mark 20 gekostet? Hat er nicht. Es ist also so, dass ich nun für alles viermal so viel zahle, weil ich ja nur noch halb so viel habe. Jetzt werden die Experten wieder sagen: Das stimmt doch gar nicht. Der Euro hat das Leben nicht teurer gemacht, das kommt dir nur so vor. Aber das sagen sie ja auch immer bei einer Häufung von Überschwemmungen und Herbststürmen. Das kommt einem ja auch immer nur so vor.
Diese Experten können nur Männer sein. Das Statistische Bundesamt hat in einer Untersuchung fünf Jahre nach Einführung des Euro festgestellt, dass die Preise für Friseurbesuche, chemische Reinigung oder Chloé-Wildlederstiefel sprunghaft angestiegen waren. Was aber ausgeglichen wurde durch die rückläufige Preisentwicklung bei Autos, Fernsehern und Computern. Das zeigt doch die ganze Ungerechtigkeit des Euro-Konstrukts: Wer kauft denn Autos und Fernseher, und wer geht zum Friseur und in die chemische Reinigung?
Und deshalb ist es schön , dass es Menschen wie die junge türkische Ladenbesitzerin gibt, die uns Frauen auch mal ein gutes Euro-Gefühl geben wollen. Leider hat sie ihr Geschäft nach nur zwei Wochen geschlossen - sie sagte, dass es sich einfach nicht gelohnt habe.
Die Kolumnen von Sandra Garbers sind jetzt auch in einem Buch erschienen: "Single in the City: Frl. Garbers rennt durch die Stadt", Bastei Lübbe (Quadriga), 160 Seiten, 14,99 Euro
Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
-
00:08Präsidentschaftswahl: Unterlegener Kandidat in Ägypten will gegen Wahler...
-
00:00Verkehrssünder: Flensburger Punktedatei soll weiter verschärft...
-
26.05.2012Festnahme: Toter in Friedrichshainer Bar: Verdächtiger gefass...
- 1. Relegationsspiel Hertha BSC und der Abstieg ohne Gnade
- 2. Formel 1 in Monaco Strafversetzung verdirbt Schumacher nicht die Laune
- 3. Nach Berufung Hertha BSC schickt seine Spieler in den Urlaub
- 4. Relegationsspiel Hertha BSC gibt sich offenbar geschlagen
- 5. Stromerzeugung Solaranlagen liefern so viel Strom wie fast 20 Atommeiler












