Frl. Garbers rennt durch die Stadt
Der Ausweg aus der Sinnkrise heißt Maik oder Enrico
Neulich hörte ich im Radio wieder einmal, dass Ostdeutschlands Dörfern die intelligenten Frauen weglaufen. Sie kehren ihrer Heimat den Rücken, um Arbeit und vernünftige Ehemänner in den ostdeutschen Städten zu finden. Zurück bleiben die nicht so gut ausgebildeten Männer und die Neonazis, was ja oft das gleiche ist.
In einigen Gebieten ist der Frauenschwund bereits so weit fortgeschritten, dass sich drei Neonazis eine Frau teilen müssen.
Das dürfte auch ungefähr der Schnitt sein, auf den schöne kluge West-Singlefrauen in Berlin kommen. Drei Singlefrauen auf einen guten Mann. Rein rechnerisch liegt die Lösung beider Probleme also auf der Hand. Man müsste die Gruppen einfach zusammenbringen. Der kleinste gemeinsame Nenner ist der Wunsch nach einer festen Beziehung. Darauf lässt sich doch aufbauen.
Die gut ausgebildeten West-Frauen in die ostdeutsche Provinz zu bekommen, dürfte nicht allzu schwierig sein. Stichwort Mobilität und Flexibilität. Aus langjähriger beruflicher Erfahrung wissen diese Frauen, wie wichtig beides zum Fortkommen ist. Und dass es für den Erfolg eines Projekts unbedingt notwendig ist, sich auch einmal raus aus der Komfortzone zu bewegen.
Mit ausreichend Leidensdruck lässt sich das prima auf die Beziehungsebene ausweiten. Außerdem entspricht diese Lösung perfekt der neuen und gerade so hippen Sehnsucht der Städter nach der heilen Welt auf dem Lande, und die neuen Dior-Gummistiefel aus der letzten Vogue müssen ja auch mal an ihrem wahren Bestimmungsort getragen werden. Schließlich darf man auch die Sinnkrisen dieser von früh bis nachts in ihren hochbezahlten Jobs ackernden Mittdreißigerinnen nicht vergessen: Wo bleibt bei all der Arbeit das Leben? Die Liebe? Der Ausweg aus der Sinnkrise könnte Maik, Raik oder Enrico heißen.
Schwieriger wird es, Maik, Raik und Enrico von der Notwendigkeit eines dauerhaften Zusammenschlusses zu überzeugen. Denn die ahnen es ja schon: Es fängt ganz harmlos mit einem einzigen gut ausgebildeten West-Single an, und am Ende eröffnet auf der alten Schweinemastanlage ein Prada-Outlet. Was also tun, um diese Frauen trotzdem an den Mann zu bringen? Gut ausgebildeten West-Singles fällt hier vermutlich als erstes Instrument die Powerpoint-Präsentation ein: Alle ungebundenen Neonazis werden in die Dorfkneipe gebeten, um sich Punkt für Punkt von den strategischen Vorteilen einer Fusion überzeugen zu lassen. Viel bessere Ergebnisse erzielt man aber mit einer Zielgruppen-Anpassung in Form kleinerer Schönheitskorrekturen. Mit einer neuen Frisur in den drei Farben schwarz, rot, blond - das sogenannte Leipziger Allerlei -, Kunstharz-Fingernägeln, die mit Sonnenuntergängen bemalt oder einem Eisernen Kreuz aus Strasssteinchen beklebt werden, und schließlich noch einem Tattoo von Arielle der Meerjungfrau auf dem Hals können die West-Singles auch in der ostdeutschen Provinz punkten.
Und dann könnte es tatsächlich klappen. Ein klassisches Win-Win-Szenario. Ein merger under equals. Ach, wenn sich doch nur alle Probleme so einfach lösen ließen.
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