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Forschung

Wie Arten entstehen und vergehen

2010 ist das Internationale Jahr der biologischen Vielfalt. Es mahnt die Menschen, die Natur besser zu schützen

Dunkelbraun, daumendick und 15 Zentimeter lang - hübsch ist der Baumhummer nicht. Langsam krabbelt er umher, verharrt und macht erst einmal Pause. Aber auch diese Gespenstschrecke hat ihre Fans.

Patrick Honan, Insektenspezialist am Zoo in Melbourne/Australien, ist so einer. Er hat mitgeholfen, diese merkwürdigen Tiere vor dem Aussterben zu retten. Und er ist einer von vielen Verrückten, die im Kleinen versuchen, die Artenvielfalt zu retten. Sie wird durch das Einschleppen fremder Tiere und Pflanzen und durch die Zerstörung von Lebensräumen bedroht. Artenschützer versuchen, die Artenvielfalt auf der Erde zu bewahren.

Honans Schutzbefohlene lebten vor 100 Jahren noch auf der Lord-Howe-Insel, einer kleinen Vulkaninsel vor der Ostküste Australiens. Dann kam das Jahr 1918. Das Schiff "SS Makambo" lief am 15. Juni vor der Insel auf eine Sandbank. Neun Tage hing es dort fest. Diese Zeit reichte den Schiffsratten, um auf die Insel umzusiedeln. Ein Paradies für sie. Sie vermehrten sich prächtig und verdrängten viele einheimische Arten. Sturmtaucher, Brillenvögel, Stare und Drosselarten verschwanden. Und auch die Pflanzen, auf denen die Baumhummer lebten, gingen ein. Und mit ihnen diese großen Insekten. Eine ökologische Katastrophe. Die Ratten aber leben heute noch dort.

Abgeschiedene Inseln sind Lieblingsmodelle der Forscher

Inseln wie Lord Howe sind die Lieblingsmodelle für Ökologen. An ihnen lässt sich der ständige Wandel der Natur beispielhaft zeigen. Kein Ökosystem ist starr. Alles wird ständig durch unüberschaubar viele Faktoren beeinflusst. Dennoch bildet sich früher oder später ein Gleichgewicht. Wer verstehen will, wie ein Ökosystem funktioniert, der ist reif für die Insel. Inseln sind die Labore der Natur und die Lieblingsplätze der Biologen. Wie etwa werden Inseln, auf denen noch nichts lebt, von Tier- und Pflanzenarten erobert?

Diesen Prozess untersuchen Wissenschaftler derzeit auf Surtsey, der jüngsten Vulkaninsel der Welt. Sie entstand bei einem Vulkanausbruch vor 46 Jahren vor der Südküste Islands. Seither notieren Biologen jedes Lebenszeichen. Erst wuchsen Moose und Flechten, dann siedelten Vögel, 1998 wuchs der erste Busch. Bis heute ist das Ökosystem noch im Aufbau. Die Biologen beobachten live, wie sich Leben ausbreitet, wie Arten entstehen, wie sie wettstreiten und wie ein Ökosystem sich einpendelt.

Erkenntnisse für andere Naturschutzgebiete nutzen

Was Wissenschaftler von Inseln lernen können, wollen sie auch auf andere Flecken der Natur übertragen. Denn nicht nur Wasser, sondern auch Straßen, Städte und andere Sperren können Lebensräume abtrennen. So zog auch der Ökologe Jared Diamond für Naturschutzgebiete seine Schlüsse aus den Erkenntnissen der Inselforscher.

Er glaubte, dass es besser ist, ein großes Gebiet zu schützen als viele kleine. Heute wissen die Forscher, dass es kompliziert ist: Ein kleines Gebiet, das verschiedene Lebensräume wie einen Teich, einen Sandhügel, eine Trockenmauer und einen Wald hat, ist viel besser als ein großes Gebiet, das nur aus Wiese oder Wald besteht. Zudem bringen kleine Naturschutzinseln viel, wenn sie miteinander verbunden sind.

Welche Arten sollte man retten?

Artenschützer streiten sich aber auch darüber, welche Arten gerettet werden sollen. Soll man wirklich Eisbären oder auch Orang-Utans schützen, nur weil sie niedlich aussehen? Eigentlich ist das nicht verkehrt. Nicht nur, weil so mehr Geld gespendet wird, sondern auch, weil der Schutz eines großen Säugetieres bedeutet, dass alle die anderen Tiere und Pflanzen seines Lebensraumes ebenfalls geschützt werden müssen.

Den Baumhummer hatten Biologen übrigens längst abgeschrieben, bis Umweltschützer im Jahr 2001 eine kleine Kolonie der Insekten auf der kargen Insel Ball's Pyramid fanden, 20 Kilometer von Lord Howe entfernt. Die letzten ihrer Art leben hier auf einem einsamen Strauch. Insektenspezialist Patrick Honan bot seine Hilfe an. Er päppelte ein Pärchen auf, und im vergangenen Sommer vermeldete der Zoo in Melbourne, dass die Baumhummer dort überleben werden.



Erschienen am 28.01.2010



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