Boomtown Berlin
"Gute Leute kommen auch wegen der Stadt"
Dem Berliner Mittelstand geht es so gut wie seit langem nicht mehr. Die Stadt ist zum fast unwiderstehlichen Magneten geworden und bietet auch für Querdenker viele Chancen.
Von Christina Felschen
Wer den europäischen Marktführer für Herzschrittmacher besuchen will, braucht einen guten Orientierungssinn. Über staubige Pisten geht es an Dönerbuden, Baustellen und am Jobcenter Neukölln vorbei in ein verwinkeltes Industriegebiet. Hinter der Tür beginnt eine andere Welt, Sektgläser klingen, Französisch und Chinesisch liegen in der Luft.
Biotronik ist ein klassischer "Hidden Champion": Weltspitze, aber kaum bekannt. 1963 in einem Neuköllner Hinterhof gegründet, beschäftigt das Unternehmen heute über 5000 Angestellte und liefert in mehr als 100 Länder. Geschäftsführer Christoph Böhmer bedauert, dass die Marke Biotronik nicht sichtbarer ist: "Unbekanntere Unternehmen müssen viel aktiver sein, um sich bei Bewerbern ins Gespräch zu bringen, doch dann entschließen sich Fachkräfte schnell zu uns zu kommen."
Für gewöhnlich fehlt es den Berlinern nicht an Selbstbewusstsein, doch wirtschaftlich pflegt die Hauptstadt das Understatement.
Gewiss: Nirgendwo sonst in Deutschland leben so viele Menschen von Sozialleistungen. Allerdings ist Berlin derzeit das Bundesland mit dem schnellsten Wirtschaftswachstum; die Arbeitslosigkeit ist in den letzten Jahren von 20 auf 13 Prozent gesunken.
Berlin ist einfach hip
Wer diesen Boom verstehen will, findet unter dem Glasdach der Werbeagentur Media Consulta eine Antwort. Hier dampft die Espressomaschine, hier rauchen die Köpfe. 80 junge Leute aus aller Welt arbeiten in der internationalen Kommunikationsabteilung des Werbenetzwerks. "Die kommen zur Hälfte wegen uns und zur Hälfte wegen der Stadt", vermutet Geschäftsführer Harald Zulauf. "Berlin ist einfach hip, wir hätten diese Leute wohl kaum in die Provinz locken können."
Die deutsche Hauptstadt wird gerade zur Bühne für Richard Floridas Theorie der Kreativen Klasse: Sie zieht kluge Köpfe an, die innovative Ideen entwickeln, damit wiederum Jobs in anderen Branchen schaffen – und die Wirtschaft blüht auf. Vor 18 Jahren gründete Harald Zulauf in Köln die Werbeagentur, die heute über 2000 Mitarbeiter an 59 Standorten beschäftigt.
Ein Blitzstart. Die Berliner Wirtschaftsförderung lockte sein Unternehmen zur Jahrtausendwende in die Hauptstadt. "Der Umzug war eine gute Entscheidung", glaubt Zulauf, obwohl die meisten Kölner Mitarbeiter gegen den neuen Hauptsitz waren. "Ein Chef muss sich auch mal unbeliebt machen, wenn die Firma Erfolg haben soll."
Hoher Druck auf Mitarbeiter
Dafür verlangt Zulauf 150 Prozent von sich selbst und seinen Mitarbeitern. Work-Life-Balance und Burnout hält er für neumodische Begriffe: "Wir machen hier keinen Nine-to-Five-Job. Das geht schon wegen der Zeitverschiebung nicht." Auf der Internetseite jobvoting.de klagen Mitarbeiter seines Unternehmens über viele Überstunden und einen hohen Druck durch Führungskräfte. "Wir nehmen das ernst", sagt Zulauf. "Aber es ist schwerer, etwas abzustellen, wenn es sich um anonyme Kritik handelt."
Freizeit oder Karriere – beim umweltwissenschaftlichen Thinktank Ecologic stellt sich diese Frage erst gar nicht. Vormittags arbeitet Landschaftsplanerin Stephanie Wunder an einem Vorschlag für das Umweltbundesamt; sie beschreibt, wie Flächen weltweit genutzt werden können, ohne Ressourcen zu verschwenden. Nachmittags werden ihre Ressourcen anderweitig gebraucht: Zu Hause warten ihre beiden Kinder. Nach der Elternzeit konnte Wunder problemlos halbtags zu Ecologic zurückkehren; dort wurde sie ungeachtet der Auszeit sogar zum Senior Fellow befördert.
Das Büro des Ecologic-Geschäftsführers Andreas Kraemer ist kaum größer als die Büros seiner Mitarbeiter. Während des Pressegesprächs lässt er die Tür offen, die Botschaft ist klar: Wir haben keine Geheimnisse voreinander. "Wissenschaftliche Politikberatung ist in Berlin sehr gefragt", sagt Kraemer.
Selbst Studenten können Projekte leiten
"Ministerien sind nach herkömmlichen Politikbereichen organisiert; viele neuere Probleme sind aber zu komplex, um sie in diesen Ressortstrukturen zu lösen." Ecologic ist das Anti-Ministerium – ein Sammelbecken für Querdenker, interdisziplinäre Arbeitsgruppen und flache Hierarchien. "Selbst Studenten können bei uns Projektleiter werden", sagt Kraemer. "Und wenn ein Praktikant mir eine Deadline setzt, muss ich mich daran halten."
Interdisziplinäres Arbeiten wird auch bei Biotronik groß geschrieben. Medizintechnikerin Astrid von Lersner tauscht sich mit Juristen, Ingenieuren, Pharmazeuten, Biologen und Marketing-Experten aus, wenn sie überprüft, ob ein neuer Herzschrittmacher die offizielle Genehmigung für Import und Vertrieb erhalten kann. "Fast jedes Land hat seine eigenen Vorschriften", erklärt die 42-Jährige.
Ihr Lebenslauf ist so geradlinig wie man es nur aus Wachstumsbranchen kennt: Gleich nach dem Studium bekam die Hanseatin eine unbefristete Stelle bei Biotronik und vor vier Jahren eine Beförderung zur Teamleiterin. "Das passte gut."
Alle drei Unternehmen verdanken ihre Erfolgsgeschichten auch dem Fall der Mauer: Media Consulta gründete Dutzende Agenturen in Osteuropa, Biotronik exportiert in allen Himmelsrichtungen und Ecologic profitiert vom neuen Politikverständnis der Berliner Regierung. Doch nur wenige Firmen waren 1989 so mittendrin wie die Agentur Metadesign. Als die ersten Trabbis in den Westen rollten, war Meta erst wenige Monate alt und lag plötzlich im Zentrum einer neuen Stadt, am Potsdamer Platz.
"Seien Sie nicht zu bescheiden"
Meta-Gründerin Uli Meyer-Johanssen war die richtige Frau zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Während das ganze Land nach seiner Identität suchte, entwarf sie die Corporate Identity für ihre ersten Auftraggeber. Heute lesen sich Metas Referenzen wie das Who is Who des Big Business – Audi, VW, eBay, Siemens – und die Agentur ist so groß geworden, dass die Geschäftsführerin kaum noch selbst zum Zeichenstift greift. "Erfolg erfolgt", sagt die zierliche 53-Jährige. "Er kommt oder er bleibt aus. Aber wenn er ausbleibt, sollte man lieber etwas anderes versuchen."
Ob dieses Naturgesetz dem heutigen Mediennachwuchs weiterhilft, der von einem Praktikum ins nächste gerät? Vielleicht sollte sich das junge Berlin lieber den Rat zu Herzen nehmen, den Meyer-Johanssen selbst bekam, als sie 2010 auf dem Horizonte-Medienkongress zur Agenturfrau des Jahres gekürt wurde: "Machen Sie ein würdevolles Gesicht, aber seien Sie nicht zu bescheiden!"
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