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15.08.11

Psychologie

Wer sich ausgebrannt fühlt, ist ernsthaft krank

Zirka neun Millionen Deutsche überschreiten dauerhaft ihre Leistungsgrenze. Gegen das Burnout-Syndrom helfen Gelassenheit und ein gesundes Bewusstsein für die eigenen Bedürfnisse.

© dpa/DPA
Burnout
Überforderung und Perfektionismus im Job können krank machen. Betroffene wissen sich oft nicht zu helfen

Wenn die Seele Schaden nimmt, schleicht sich das Ausbrennen langsam ins Leben ein – bis irgendwann überhaupt nichts mehr geht. Rien ne va plus! Das Burnout-Syndrom breitet sich wie eine Epidemie aus. Die langfristigen Schäden sind gravierend. Der Begriff Burnout wurde 1974 von dem Psychoanalytiker Freudenberger geprägt. Burnout bedeutet durch chronischen Stress in Hochpotenz innerlich auszubrennen. Burnout ist eine Selbstausbeutung über die Grenzen der Gesundheitsschädigung, die sich schleichend vollzieht. Je nach Phase des Burnouts reicht das Spektrum der Ausprägung von Erschöpfung und Konzentrationsstörungen bis hin zu Depression und Suizidgedanken.

Von den circa neun Millionen Betroffenen, die ihre Leistungsgrenzen mit höchsten Erwartungen an sich selbst und andere dauerhaft mit einem Marathon-Workload überschreiten, kommt es zu Aussagen, wie: "Ich fühle mich wie gerädert." Oder: "Ich habe an nichts mehr Spaß", "Nachts kann ich kaum mehr schlafen", "Mir kommt alles so sinnlos vor" oder: "Ich bin am Ende meiner Kräfte."

Der Körper schreit nach Erholung – die Lebensbatterie ist nach dem Raubbau an den eigenen Energien leer. Menschen, die sich für eine Sache oder ein Projekt entflammt hatten, sind wie ausgebrannt. Zurück bleibt eine innere Leere – ohne zündende Ideen, wie es weiter gehen könnte. Doch nicht jeder, der sich gestresst fühlt, steckt automatisch in einem Burnout. Bei Stress bereitet sich der Körper auf eine Gefahrensituation vor und stellt sich auf Angriff und Flucht ein.

Früher war dies überlebenswichtig, als wir entwicklungsgeschichtlich noch in den Höhlen lebten. Stellen wir uns vor, dass ein Löwe vor der Höhle steht. Puls, Herzfrequenz und Blutdruck steigen, die Atmung beschleunigt sich. Zusätzlich werden Hormone wie Adrenalin und Cortisol ausgeschüttet, die wacher und reaktionsfähiger machen. Stress steigert also zunächst unsere Leistungsfähigkeit. In der heutigen Zeit begegnen uns zwar keine Löwen mehr, aber Dinge, die uns im Alltag stressen. Dauernde Reizüberflutung und die Fülle von Aufgaben, die unter Zeitdruck zu erledigen sind, halten den Stress auf einem Dauerniveau. Heute reagieren wir bereits auf eine E-Mail, als ob der Löwe vor der Tür steht. Die Stresshormone werden nicht abgebaut – weil wir eben nicht fliehen oder kämpfen.

Chronischer Stress führt zu einer dauerhaften Erhöhung des Cortisolspiegels – diese Schwächung des Immunsystems gefährdet auf Dauer unsere Gesundheit. Der Körper sendet SOS-Signale, wenn Anspannung und Erholungsphasen nicht mehr im Gleichgewicht sind. Kopfschmerzen, Ohrgeräusche, Ein- und Durchschlafstörungen, Magen- und Darmprobleme, Sehstörungen, Schwindel und Herzprobleme sind häufig genannte Symptome. Untersuchungen der Krankenkassen machen deutlich, dass die Ausfallzeiten durch Krankschreibungen aufgrund psychischer Ursachen signifikant zunehmen. Mit einem volkswirtschaftlichen Schaden von circa 6,3 Milliarden Euro.

Die Gründe für Burnout gehen mit den Tücken der heutigen Arbeitswelt einher. Insbesondere flexible Arbeitszeiten führen dazu, dass überengagierte Menschen glauben, dass sie jederzeit rund um die Uhr erreichbar sein müssen. Wer sich abrackert, ohne auf sich selbst und die eigene Gesundheit zu achten, ist gefährdet. Ein Coaching-Klient drückte seine Verzweiflung so aus: "Um allen gerecht zu werden, bin ich immer schneller durch die Kurven des Alltags gefahren – ohne zu realisieren, dass der Tank längst leer war. Im Rausch der E-Mails und Meetings endete ich im Hörsturz. Ich hatte einfach kein Bewusstsein mehr dafür, wie es um mich steht. "

Chronische Belastungen, Dauerstress in Hochpotenz und Mobbing können zum Burnout-Syndrom führen. Ein Faktor ist mangelnde Abgrenzung: Wer Ja sagt, aber Nein meint. Eine Führungskraft sagte: "Ich habe einen Sprachfehler – ich kann nicht Nein sagen". Weitere Gründe sind Perfektionismus, unrealistische Erwartungen und der Wunsch nach Anerkennung. Wer es allen recht machen möchte, kann nur verlieren.

Der Umgang mit Belastungen, Stress und sich selbst wird zur Schlüsselkompetenz, um einem Burnout vorzubeugen. Achtsamkeit muss wieder neu gelernt werden. Es geht um Lebensmanagement im Alltag – im Einklang mit uns selbst – mit dem Ziel einer Änderung der inneren Haltung. In einem gesunden Mix aus An- und Entspannung lassen sich Maßnahmen für die Neuausrichtung aufsetzen, um sich "fair" ändern zu können.

Doch aller Anfang ist leicht. Wichtig ist es, zunächst eigene Erwartungen zu hinterfragen, eigene Stärken, Potenziale und Bedürfnisse herauszuarbeiten. Das Bewusstmachen und die Schärfung der eigenen Wahrnehmungsfähigkeit sind erste Schritt zur Selbstreflexion und zum besseren Umgang mit Stress-Situationen, Belastungen und sich selbst. Was ist wirklich wichtig? Was kann ich weglassen? Durch Abstand zu uns selbst und der Situation wird der Blick für das wirklich Wesentliche frei.

Eine gute Trennung von Arbeit und Privatem, Abschalten nach der Arbeit, Sport, Hobbys, Freunde, Familie sind essenzielle Faktoren. Entspannungsverfahren und Meditation können helfen, gelassener zu werden. Gönnen Sie sich kleine Pausen.

Sinnvolle Rituale, wie Mittags in Ruhe zu essen oder eine Auszeit zu nehmen, um die Seele baumeln zu lassen, erzeugen neue Energie. Auch vielleicht einmal wieder mit Freunden gemeinsam ein Essen vorzubereiten, kann ein sinnvoller Schritt sein, wie es anders und vor allem besser weitergehen kann.

Jörg Peter Schröder arbeitet als Arzt und Führungs-Coach im Gesundheitsmanagement. Er begleitet Teams und Führungskräfte an der Nahtstelle von Führung, Gesundheit, Performance und Persönlichkeitsentwicklung. Als Burnout-Experte unterstützt er Unternehmen in Umbruchsituationen.

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