7. Juni
Die Europawahl lässt die Berliner kalt
Freitag, 18. Dezember 2009 00:10 - Von Tanja Kotlorz, Rainer L. Hein und Birgit HaasNur jeder dritte Wahlberechtigte hat bei der Europawahl am 7. Juni seine Stimme ab. Morgenpost Online zeigt die Wahlbeteiligung und Ergebnisse aller Bezirke und ging vor Ort der Frage nach, warum die Berliner solche Europawahl-Muffel sind.
Lag es am schlechten Wetter, am vermeintlich fernen Europa oder daran, dass
die Berliner erst kürzlich aufgerufen waren, ihre Stimmen zum Thema
Religionsunterricht abzugeben? Fest steht, dass die Beteiligung an der
Europawahl am Sonntag in Berlin geringer war als im Jahr 2004 bei der
letzten Europawahl. Nur 35,1 Prozent der wahlberechtigten Berliner gaben bei
regnerischem Wetter ihre Stimme ab. Das sind 3,5 Prozentpunkte weniger als
bei der vorherigen Europawahl vor fünf Jahren.
Symptomatisch für die geringe Wahlbeteiligung war die Situation im Wahllokal 713 im Bezirk Marzahn-Hellersdorf: In den ersten drei Stunden nach Öffnung des Wahllokals hatten nur 27 Bürger ihre Stimme in dem Jugendklub „Die Nische“ an der Louis-Lewin-Straße 40 c abgegeben. „Die Beteiligung ist noch schlechter als bei den vergangenen Wahlen“, sagte Schriftführerin Cornelia Reiher. Sie attestierte den Berlinern Wahlmüdigkeit. 919 Hellersdorfer konnten theoretisch dort ihre Stimme auf den fast ein Meter langen Stimmzetteln abgeben. Der Zettel war so lang, dass ein älterer Herr zehn Minuten in der Wahlkabine saß und gründlich alle Namen studierte. Hier drängelte ihn keiner. Nach Wahlschluss hatten 135 Hellersdorfer gewählt.
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Bis in die Mittagsstunden hatte man auch in Frohnau und Hermsdorf nicht den Eindruck, dass die Wähler ihren Rekord von der Europawahl 2004 brechen wollten. Damals hatten sie nämlich den Spitzenwert (rund 55 Prozent) aller Berliner Stimmbezirke erreicht. Doch das sollte sich ändern. Ab 14 Uhr wurde es munter in den Wahlkabinen an der Stadtgrenze zwischen Reinickendorf und Brandenburg. Vor allem junge Familien hatten sich auf den Weg in die Gollanczstraße in Frohnau gemacht, um in der Grundschule – dem Wahllokal 602 – ihr Kreuzchen zu machen. Auch Ralf (39) und Claudia Seider (38) mit ihrem kleinen Julius (drei Monate) waren da, denn für sie bedeutet jede Wahl „ein Stück Demokratie“.
Das meinten auch die katholischen Ordensschwestern des Begegnungshauses Schönstatt-Zentrum, Irina (70) und Blanka (55). „Weltweit haben wir 200 Kapellen. Da ist die Europawahl eine Selbstverständlichkeit.“
Allerdings waren in den Wahllokalen 602 oder 628 in der Gustav-Dreyer-Grundschule in Hermsdorf wenig Erstwähler zu beobachten. „Schade“, sagte der Schüler Theodor Günther (18), der erstmals sein Kreuz machte und kritisierte: „In der Schule wurde kaum über die Europawahl gesprochen.“
Das fand auch Ulrike Kaufmann (23) aus Pankow. „Die Jugendlichen werden zu wenig an politische Themen herangeführt“, sagte sie. Auch die junge Studentin war bisher noch nie wählen, die Europawahl fiel für sie aus. „Für das nächste Mal habe ich mir fest vorgenommen, wählen zu gehen“, sagte sie. Ihr Freund André Nitschke (33) habe ihr erklärt, wie wichtig es sei, seine demokratischen Rechte zu nutzen. Doch auch André Nitschke gehörte gestern zu den vielen Nichtwählern, er musste bis 18 Uhr in seinem Hallenflohmarkt in Prenzlauer Berg arbeiten. Dann war auch die Europawahl vorbei. Aber das Gefühl, etwas verpasst zu haben, hatte er nicht: „Das Parlament in Brüssel hat ursprünglich Bürokratieabbau versprochen, konnte das aber nicht einhalten.
Die vertreten dort hauptsächlich Lobbyisten und nicht das Volk“, sagte er. Deshalb würde er, wenn er es zur Wahl schaffen würde, ungültig wählen. „Die Wahlen im Bezirk oder im Land finde ich entscheidender.“ Dem konnten sich Martin Papenburg (26) und Nina Wojcieszek (24) aus Peine anschließen. Die Europapolitik sei manchmal „ganz schön weit weg“. Trotzdem hatten beide ein schlechtes Gewissen, dass sie, statt zu wählen, lieber ein Wochenende in Berlin verbringen. Auch die Briefwahl hatten sie versäumt. „Die Wahlunterlagen waren erst vor zwei Wochen im Briefkasten“, sagte Nina Wojcieszek. Neben der Arbeit hätten die beiden keinen Antrag stellen können – „irgendwie war die Zeit zu knapp“.
Erschienen am 07.06.2009
























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