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Ganz normal verrückt

Im Sommer, wenn die Sonne wärmt, wirkt der Hof gar nicht mehr so trist. Es ist sogar ganz gemütlich, blickt man in die richtige Richtung: auf den benachbarten freundlich gelb getünchten Seitenflügel, an dem satt grüner Wein sprießt. Irgendwo klappern Fensterflügel im Wind und konkurrieren mit den Klängen eines Klaviers, auf dem eine Pianistin übt. Hinterhofidylle zwischen Vorderhaus, Seitenflügel und Quergebäude, die schon länger keine frische Farbe gesehen haben. Darüber trösten einige grüne Kleckse hinweg, die Bäumchen, Büsche, Blumen in das Einfache-Leute-Quartier an der Graefestraße zeichnen - ein Viertel, dessen Wohnungen häufig noch mit Kohle beheizt werden.

Ob grün oder grau, schlicht oder komfortabel, Bernd Breidenbend liebt sein Kreuzberg so oder so. Kreuzberg bedeutet für den 59-Jährigen vor allem Graefekiez. Zwischen Landwehrkanal, Kottbusser Damm, Hasenheide, Körte- und Grimmstraße lebt ein buntes Völkchen. Dazwischen fühlt sich Bernd Breidenbend pudelwohl. Dabei war auf seiner Liste der Lieblingswohnorte Kreuzberg zunächst unter «ferner liefen» notiert.

Als er vor 20 Jahren von Tiergarten-Süd nach «Kreuzberg 61» zog, war dem gelernten Schaufensterdekorateur mulmig zumute. «Kreuzberg galt als schmuddelig und kriminell», erinnert er sich. Kreuzberger auf dem Flohmarkt machten Bernd Breidenbend dann neugierig. Außerdem war in der Graefestraße in einem Seitenflügel gerade eine Wohnung frei, und der Kreuzberg-Skeptiker suchte dringend eine neue Bleibe.

«Meine Vorurteile habe ich schnell abgelegt», sagt Breidenbend. Der gebürtige Essener, der 1962 vor der Bundeswehr nach Berlin floh, weiß dafür viele Gründe: die Grünanlagen am Zickenplatz und an der Grimmstraße, die Liegewiese am Landwehrkanal und ganz wichtig: der Wochenmarkt am Maybachufer. Der liegt zwar schon in Neukölln, gehört für den Wahl-Kreuzberger dennoch zum Graefekiez. «Dort ist es spottbillig. Man darf jede Banane und jeden Apfel anfassen und probieren, toll.» Früher hätten mehr deutsche Händler am Ufer ihre Waren verkauft. Doch es habe Streit zwischen Türken und Deutschen gegeben, weil letztere von der Grabbelei ihrer Kunden nichts hielten und grummelnd zum Hermannplatz abgewandert sind.

Zudem machen die Bewohner den Kiez lebenswert, findet Bernd Breidenbend. «Hier leben verrückte Leute und normale Leute, eine schöne Mischung.» In den 80er-Jahren gab es einige kleine Bühnen; herrlich für Theaterfan Breidenbend. Heute lebt das Welttheater auf der Straße - da tummeln sich Urberliner und Türken, Künstler, Tunten, Alkoholikerinnen . . . Er erinnert sich auch gerne an Tage, wenn ein Lastwagen von einer Wohnungsauflösung kam und an der Ecke Dieffenbach- und Graefestraße ausgeladen wurde, um die Sachen in den Laden zu schaffen. «,Was haste, was haste?´, riefen die Leute. Da war immer ein richtiger Tumult.» Bernd Breidenbend deckte sich bei solchen Gelegenheiten mit Kunst oder Reiseliteratur ein.

Der Trödler war auch ansonsten ein Treffpunkt. Alte Frauen ruhten sich in den Polstern aus, angeschlagene Alkis durften Bier trinken, türkische Mamas stöberten in Kartons, andere plauschten. Leider habe der Laden geschlossen. Andere Geschäfte, darunter kleine Galerien, Kunsthandwerkslädchen, Schwulencafés, Minitheater, sind ebenfalls schon lange dicht. Türkische Händler zogen nach, aber der Leerstand sei größer geworden, meint Breidenbend.

Skeptisch reagierten er und seine Nachbarn, als Ende der 80er-Jahre «Druckausgleich» an der Graefestraße eröffnet wurde. Der Treffpunkt und die Beratungsstelle für Drogenabhängige zog zahlreiche Junkies an. Als in den Höfen dann vermehrt Spritzen lagen und Süchtige sich Drogen in den Aufgängen spritzten, fühlten sich die Anwohner in ihren schlimmsten Befürchtungen bestätigt, dass der Graefekiez verslumt. «Die Sozialarbeiterinnen schafften es innerhalb kürzester Zeit, für Ruhe zu sorgen», lobt Breidenbend.

Der Mann ist kein stiller Beobachter, sondern selbst quirliger Kiezbewohner. Der ehemalige Kulissenmaler, Rikschafahrer und Hilfsarbeiter sattelte mit Ende 40 nochmal um, besuchte eine Altenpflegeschule und hat seitdem ein Auge auf die alten Leutchen im Kiez, die häufig isoliert leben. «Ich dränge mich nicht auf, biete aber meine Hilfe an.» Dazu gehört Kohlen schleppen, einkaufen, kochen und vor allem reden. Daneben organisiert er seit Jahren Hilfstransporte nach Indien und Nepal, sammelt dafür Rollstühle, Krücken, Brillen und andere Hilfsmittel.

Das Ticket für die nächste Nepal-Reise hat er schon in der Tasche, sucht noch Rollstühle. Bernd Breidenbends neueste Aktion im Graefekiez: Recycling von weggeworfenen Pflanzen. Diese klaubt er aus Mülltonnen, päppelt sie auf und bietet sie vor der Haustür feil.

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