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Mein Verschwinden im Baumarkt

Ich liebe Baumärkte. Damit stehe ich nicht alleine. Viele Männer lieben Baumärkte. Es soll auch Frauen geben. Vereinzelt kann man sie dort beobachten. Sie entwickeln dann eine nervöse Zielstrebigkeit und bekommen - als hätten sie die Männerwelt wieder mal bei etwas Unperfektem ertappt - einen leicht süffisanten Zug um den Mund, wenn sie das Gewünschte nicht finden.

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Männer sind da anders. Auch sie stehen häufig ratlos vor endlosen Regalreihen, suchen nach Scharnieren oder grübeln, welches Holzschutzmittel wohl geeigneter sei, das lösungsmittelfreie mit dem Umweltengel oder das günstige, die Hausmarke eben, die früher irgendwo im Ostblock und heute wohl in Indien hergestellt wird.

Aber Männer können sich im Baumarkt trösten. Auch wenn sie nicht finden, weswegen sie eigentlich gekommen sind. Im Grunde sind solche Besorgungen ohnehin nur der willkommene Vorwand, um wieder einmal für Stunden zwischen Bohrmaschinen im Sonderangebot, einem 700-teiligen Nägelset, bei dem die gebräuchlichen Formate in der absoluten Minderzahl sind, und Kanthölzern mit grünlicher Kesseldruckimprägnierung zu verschwinden. Subjektiv hat man nur wenige Minuten im Baumarkt verbracht. In Wirklichkeit sind es halbe Vormittage.

Baumärkte sind Zeitmaschinen. Sie lassen nicht nur jegliches Zeitgefühl verschwinden, sie scheinen den natürlichen Alterungsprozess auf geheimnisvolle Weise umzukehren. So geht man beschwingt, ja geradezu verjüngt zur Kasse, in der Hand die neue Bügelsäge, die man zwar nicht braucht, die aber erstaunlich günstig zu haben war. Oder man wuchtet 40 Kilo schwere Zementsäcke mit einer Leichtigkeit in den Einkaufswagen, als habe es nie eine schmerzende Bandscheibe gegeben.

Baumärkte sind wie große Galerien moderner Kunst. Nur spiegelverkehrt. Wo dort die reine, sinnentleerte Form dominiert, gehorchen Baumärkte einer eigentümlichen Ästhetisierung des Gebrauchswertes. Alles ist Werkzeug. Und seine Schönheit liegt im Nützlichen an sich. Lange Reihen von Duschwannen oder Klobecken in den Varianten Tiefspüler oder Flachspüler: Funktion als Ornament. Baumärkte folgen einem durchweg künstlichen System, sie sind lesbar wie enzyklopädische Texte: Halbzoll, Dreiviertelzoll, Gabelringschlüsselsätze in den Größen 6 bis 22 Millimeter aus Chrom-Vanadiumstahl in hochwertiger Industriequalität mit verchromter Oberfläche und polierten Köpfen. Ein Blick auf den Strichcode, und sie geben sich als deutsche Fabrikation aus Remscheid zu erkennen, was den ohnehin kleinen Preis doppelt günstig erscheinen lässt.

Neben den klaren Reihen der verschiedenartigen Maurerkellen, Dübelgrößen und Unterlegscheiben gibt es - im Kassenbereich - die Parcours der Sonderangebote und Grabbelkisten. Sie sind das eigentliche Wunder der Baumärkte.

Dort findet man Dinge, die man weder braucht noch gesucht hat, aber plötzlich haben muss, schon allein wegen des geringen Preises. Sie verkörpern ein modernes Prinzip Hoffnung: dass etwas, wofür man absolut keine Verwendung hat, doch irgendwann dringend gebraucht werden könnte. Sollte dieser seltene Fall tatsächlich eintreten, bewirkt er ein rauschartiges Glückgefühl, dem Zufall eines unvorhersehbaren Defekts ein Schnippchen geschlagen zu haben. Ja, man hat genau den Dichtungsring, mit dem man an einem Samstagabend einer tropfenden Geschirrspülmaschine Einhalt gebieten kann. Ich gestehe, das sind seltene Momente, die keine der zahllosen Stunden im Baumarkt rechtfertigen.

Neulich habe ich mir einen Meißel-, Körner- und Versenkersatz gekauft, fünfteilig aus Edelstahl, der einer solchen fast schicksalhaften Verwendung harrt. Ich bezweifle, ob ich jemals einen Körner brauchen werde, aber allein das Gefühl der Vollständigkeit, allen Eventualitäten gewachsen zu sein, hat den Kauf schon gerechtfertigt. Manchmal nehme ich ihn in die Hand und stelle mir vor, was wäre, wenn ich tatsächlich einen Körner brauche, womöglich Samstagabend, und keinen zur Hand hätte. Nicht auszudenken.

Oder gar im Ausland! Beim Versuch, in einem italienischen Werkzeuggeschäft der alten Art mit missmutig fachkundiger Bedienung einen simplen Dichtungsring für einen tropfenden Wasserhahn zu bekommen, ist mir die Bedeutung eines deutschen Baumarkts wieder schmerzlich bewusst geworden. Das Wörterbuch gab unter "Dichtung" nur unbrauchbare Auskünfte über Poesie und Literatur. Und alle Versuche, den gewünschten Gegenstand wort- und gestenreich zu beschreiben, förderten nur die merkwürdigsten Gegenstände aus den hintersten Ecken des Magazins zu Tage. In solchen Momenten wünscht man sich die Regale eines wohl sortierten Baumarktes, die Labyrinthe der Werkzeuggassen und die Sachkompetenz eines wahren Fachverkäufers. Meiner heißt Schipanski.

Er ist in all den Jahren ein guter Freund geworden, fast ein enger Verwandter. Er hat nach anfänglichen Widerständen und kleineren Beratungspannen alle meine handwerklichen Selbstversuche mit großer Geduld begleitet. Von Herrn Schipansky habe ich die Unterschiede einer Dünnbett- oder Dickbettverlegung von Bodenfliesen gelernt. Er hat mich in die Geheimnisse von Dämmstoffen eingeweiht, mir die richtige Bitumenisolierung empfohlen und mir manchen Sonderposten an Verlegeplatten und Trittschallisolierungsmatten zugeschanzt.

Und nie ist die stumme Frage in all den Jahren aus seinem Gesicht gewichen, warum ich mich mit Arbeiten beschäftige, für die ich seiner Ansicht nach zwei linke Daumen mitbringe. Aber diskret, wie er ist, hat er immer gleich die doppelte Menge Verschnitt miteingerechnet. Herr Schipanski war meine Schule des Bauens. Und wenn ich nach Wochen der Abstinenz plötzlich wieder fragend vor ihm stehe, dann huscht sogar ein Lächeln über sein Gesicht. Ob ich die neulich gekauften Paneele schon angebracht habe, will er dann wissen. Und ob ich nicht doch besser den Fertigputz hätte verwenden sollen, weil der andere, der zum Anrühren, doch einer gewissen Fertigkeit bedarf. Wie recht er hat. Denn natürlich hat das mit dem Anrühren nicht richtig funktioniert, und die Wand ist längst von einem benachbarten Gipser repariert worden.

Aber das traue ich mich nicht einzugestehen. Irgendwie käme ich mir schäbig und undankbar vor. Schließlich hat sich Herr Schipanski viel Zeit für mich genommen, hat randalierende Nebenkunden mit unwichtigen Kleinfragen ignoriert und sich einmal sogar für mich bei Demonstrationsversuchen den Zweikomponentenkleber an die neue Hose geschmiert. Ich winke ihm wenigstens zu, wenn ich einmal statt seiner Baustoff- nur die Elektroabteilung besuche.

Herr Schipanski ist Berliner und Realist. Bei ihm muss eine Farbe schnelltrocknend sein. Ökoprodukte hält er für Mumpitz, da kann man sogar Streit mit ihm bekommen. Leinölfarbe? Er schüttelt nur den Kopf. Die klebt doch nach Tagen noch, womit er natürlich Recht behält. Auch mit dem barschen Hinweis, dass Ökofarbe vergilbt, merkwürdigerweise gerade in dunklen Räumen.

Baumärkte gehen mit dem Jahr. Sie sind nichts für den Hochsommer, wenn die Sonne auf den Glasdächern steht und die Leichtbauhallen in Brutkästen verwandelt. Wenn die Tage länger werden und die Fensterläden wieder schließbar gemacht werden müssen, beginnt ihre schönste Zeit. Dann träumt man versonnen vor skandinavischen Kaminöfen mit Specksteinabdeckung und Wasserkesselfach. Interessiert sich für die neuen Regenvordächer und wartet auf die Lieferung von Rindenmulch für die Beetabdeckung.

Man will dann nicht gestört sein. Schon gar nicht von Familienmitgliedern, die den weit in neue Bauvorhaben vorauseilenden Gedanken doch nicht folgen wollen. Auch Hunde werden jetzt lästig, denn sie verwechseln die mit Kunstschnee verzierten Plastiktannenbäume, die häufig schon ab November zu finden sind, mit den vertrauten Straßenbüschen und heben das Bein, meist vor den Augen des Marktleiters. Man hat dann häufig keine andere Wahl, als das Bäumchen mit spitzen Fingern zur Kasse zu tragen, zu bezahlen und auf den Müll zu werfen.

Baumarktbesuche sind eben keine Familienausflüge. Sie haben etwas mit stiller Einkehr zu tun - in jenen raren Momenten zwischen Feierabend und Familientisch. Der sinnende Blick über die praktischen Werkzeugboxen, der Schleuderpreis für einen Hochdruckreiniger und die Profipackung Dachpappnägel - das alles tut gut. Man ist, eine köstliche Stunde lang, einer Welt, in der alles seinen richtigen Platz zu haben scheint und sich auch noch anfassen lässt. Ich liebe meinen Baumarkt.

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