"Meine Kindheit ist ohne Schnee verlaufen"
Dienstag, 10. Juni 2008 07:22Berliner Illustrirte Zeitung: Herr Barenboim, Sie rauchen schon vormittags eine Zigarre?
Daniel Barenboim: Ehrlich gesagt: Die erste Zigarre nach dem Frühstück ist für mich ein Höhepunkt des Tages.
Seit wann machen Sie das?
Rauchen habe ich von Arthur Rubinstein gelernt. Als ich 14 Jahre alt war, besuchte ich ihn einmal bei Tel Aviv in seinem Hotel. Er kannte meine Eltern, ich durfte ihm oft vorspielen. An diesem Tag war ich krank. Ich hatte 39° Fieber und ging trotzdem hin. Rubinstein war aber nicht da. Als er endlich kam, sah ich, wie peinlich es ihm war, daß er unsere Verabredung vergessen hatte. Wir saßen dann bis ein Uhr morgens zusammen. Er gab mir Wodka und die erste Zigarre meines Lebens, eine dicke "Monte Christo". Natürlich waren meine Eltern entsetzt. Mein Vater packte mich bei den Schultern und schüttelte mich. Seitdem bin ich beim Zigarrenrauchen geblieben.
Ich dachte, Sie wären ein gutes Vorbild.
Bin ich auch, beim Wodka halte ich mich zurück! Es gibt höchstens ein Glas Wein zu einem guten Essen bei mir.
Hat Weihnachten irgendeine Bedeutung für Sie?
Ich empfinde es als große Ehre, daß dieses Interview an Weihnachten erscheint. Der Tag selbst bedeutet mir nichts. Ich bin kein religiöser Mensch. Als ich Kind war, bedeutete Weihnachten für mich einen freien Tag am Strand. In Argentinien war Sommer! Dann kam ich nach Israel, da hat man ohnehin nicht gefeiert.
Sie haben niemals Weihnachten gefeiert?
Doch, zum ersten Mal in Montreal 1962. Ich erinnere mich genau, denn ich hatte nie zuvor Schnee gesehen. Meine Kindheit ist ohne Schnee verlaufen. Ein starker Eindruck. In Berlin in diesem Jahr bin ich mit meiner Frau über den Weihnachtsmarkt gegangen. Ich finde das ganz lustig. Einer unserer beiden Söhne wird Weihnachten in Berlin sein. Wenn er Zeit für seine Eltern hat, werden wir ihn sehen. Ein ruhiger Tag.
Was bedeutet Weihnachtsmusik für Sie?
Vor zwei Wochen habe ich Auszüge aus Bachs "Weihnachtsoratorium" dirigiert, bei einer Weihnachtsfeier in dem Musikkindergarten in Schöneberg, den ich mitgegründet habe. Über christliche Weihnachtslieder habe ich aber noch nie nachgedacht. Sie haben mich nicht beschäftigt.
Ist alle Musik religiöse Musik?
Religion ist ein wichtiger Bezugspunkt für die Musik, das hat mit der Zeremonie zu tun. Die Gemeinsamkeit zwischen Musik und Religion besteht im Erlebnis der Einheit. Alles muß eins werden, das ist auch das Ziel der Religion. Die Beziehung der Musik zu unserem Leben wird aber leider immer dünner. Das hat sie mit der Religion gemein. Genau das ist der Punkt, an dem wir ansetzen müssen.
Gibt es eine Definition von Musik, die Sie gelten lassen?
Ja, die von Ferruccio Busoni: "Musik ist klingende Luft." Das stimmt, denn Musik ist lebenswichtig, sie kommt aus der Stille und endet in der Stille. Sie geht vorbei.
Richard Wagner meinte, daß Musik die beste Religion ist, die wir haben. Hatte er recht?
Ja und nein. Wagner hat den religiösen Kern der Musik durchaus getroffen. Er hat die schönste, umfassendste, menschlichste Musik geschrieben, die ich mir vorstellen kann. Aber es ist falsch, Musik als etwas außerhalb unseres Lebens Stehendes zu begreifen, als etwas Höheres. Alle Musikerziehung ist heute so wichtig - und meistens so schlecht -, weil es darauf ankommt, Musik als einen organischen Teil unseres Lebens zu vermitteln. Musik gehört zum Leben. Religion gehört nicht unbedingt zu jedem Leben.
Sie treten seit 55 Jahren auf. Werden Sie derselben Stücke niemals müde?
Wissen Sie, wie oft ICH die "Appassionata" gespielt oder die "Eroica" dirigiert habe?! Wenn ich das Gefühl hätte, etwas zu wiederholen, wäre es ein Alptraum! Bei guten Stücken gibt es keine Obergrenze. Natürlich bin ich in einem Alter, wo der Weg nach vorne kürzer ist als der Weg hinter mir. Deswegen setze ich Prioritäten. Aber es sind unheimlich viele.
Haben Sie sich verändert?
Ich habe mit 20 so gespielt und gelebt, als wenn die Ewigkeit vor mir liegt. Man muß alles machen. Mit über 50 wird das idiotisch, weil man dann Dinge verpaßt, zu denen man nicht mehr kommt. Im Konzert liebe ich das Gefühl, daß es das erste und vielleicht auch das letzte Mal ist.
Gibt es Stücke, ohne die sie nicht leben können?
Viele! Bach, einige Mozart-Konzerte, auch Pierre Boulez' Orchesterstück "Notations".
Und alles von Wagner?
Nein! Aber "Parsifal", "Meistersinger" und "Tristan".
Sie haben - außer während Ihrer Kindheit - fast immer in christlichen Kulturen gelebt. Am religiösen Zentralereignis, an Weihnachten, hatten Sie kaum Anteil. Haben Sie sich ausgeschlossen gefühlt?
Ich war und bin immer und überall ein Außenseiter - und gleichzeitig zu Hause. In Israel war ich ein Außenseiter, weil ich mich über die politische Entwicklung ärgerte. Es schmerzt mich eben, daß wir Juden, obwohl wir selber eine Minderheit sind, noch immer nicht in der Lage sind, eine andere Minderheit, die Palästinenser, anzuerkennen. Jetzt lebe ich in Berlin. Ich bin kein Deutscher, aber ich empfinde mich als Berliner.
Haben Sie nie unter Ihrem Außenseitertum gelitten?
Nein, das hat mich nie gestört. Ich bin der Überzeugung, daß man heute die Pflicht hat, mehrere Identitäten zu haben. Wenn man sich globalisiert, öffnet man sich und bleibt - hoffentlich - zugleich derselbe, der man war. Sogar beim Orchesterklang ist das so. Ein deutsches Orchester muß heute Debussys "La Mer" ohne musikalische Ausspracheprobleme spielen können. Vor fünfzig Jahren war das noch nicht der Fall. Und trotzdem muß es seinen Charakter behalten.
Ist Versöhnung für Sie ein wichtiges Wort?
Politik interessiert mich nur als Bürger, denn sie ist die Kunst des Kompromisses. Ich bin Musiker. Und Kunst, hat Schönberg gesagt, kommt nicht von Können, sondern von Müssen. Politische Konflikte tun mir täglich weh. Sie zeigen mir, wie begrenzt wir Menschen sind. Das ist der Kern des Nahost-Konfliktes! Warum haben wir nicht genug Neugier und Offenheit, um dem anderen zuzuhören?! Von israelischer Seite aus müßte es noch in diesem Jahr möglich sein zu sagen: Wir haben 2000 Jahre lang auf Jerusalem gestarrt. Jetzt haben wir es geschafft, eine Nation zu werden. Wieso sind wir nicht in der Lage zu erkennen, daß es Menschen gibt, die dort auch seit Jahrhunderten leben?!
Sie behalten Ihre Hoffnung?
Warum sollte es nicht möglich sein anzuerkennen, daß zwei Völker ein Anrecht auf denselben geographischen Fleck Erde haben? Diese Frage hat mit europäischem Antisemitismus gar nichts zu tun.
Was ist Ihre Antwort auf diese Frage?
Eine Föderation, wie sie zum Beispiel in den Benelux-Ländern besteht. Keine verrückte Idee, finde ich. Aber ich komme dazu nicht durch politisches Denken, sondern durch den Versuch, den Menschen und seine Geschichte zu verstehen. Der Frieden wird nicht kommen, bevor nicht ein Israeli aufsteht und den Mut hat zu sagen: "Wir hatten keine andere Wahl, laßt uns jetzt eine Lösung finden." Ein größerer Teil der Verantwortung liegt auf den israelischen Schultern. Das kann man allein an der Tatsache festmachen, daß Israel seit fast 60 Jahren ein Staat ist und Palästina noch nicht.
Sind Sie großzügig?
Als meine Söhne David und Michael heranwuchsen, habe ich viel über Großzügigkeit nachgedacht. Ich komme aus keiner reichen Familie. Meine Eltern hatten eine kleine Wohnung und haben Musik unterrichtet. Es klingelte ständig an der Tür und jemand kam für eine Klavierstunde. Ich dachte, die ganze Welt spielt Klavier. Dann habe ich mir im Lauf der Jahre ein komfortables Leben aufgebaut. Und gelernt, daß Großzügigkeit genauso wichtig ist wie Sparsamkeit. Beides gehört zusammen und ist Ausdruck für Disziplin und Leidenschaft. Wer beides nicht verbindet, dem fehlt etwas. Insofern: Ich hoffe großzügig zu sein.
Sie besitzen zu Hause in Zehlendorf auch den Flügel Ihres Idols Arthur Rubinstein, oder?
Ich benutze ihn sogar im Konzert und auf CD. Rubinstein bekam ihn 1963 vom Israel Philharmonic Orchestra geschenkt, weil er dort immer ohne Gage aufgetreten ist. Um den Flügel auszusuchen, ist Rubinstein sogar ein einziges Mal nach Deutschland zurückgekehrt, nach Hamburg zu Steinway. Ich habe tausend Mal für Rubinstein auf diesem Klavier gespielt. Als er starb, schenkte man mir das Instrument. Er selber hat wohl nicht sehr oft darauf gespielt, denn er übte nicht sehr gern. Wenn ich Bachs "Wohltemperiertes Klavier" zu Ostern in der Philharmonie spiele, möchte ich Rubinsteins Flügel dort ausprobieren.
Haben Sie früher versucht, Rubinstein zu imitieren?
Natürlich. Wer nicht? Am Anfang ist Nachahmen der einzige Weg.
Haben Sie seinen goldenen Ton gefunden?
Seine Frau meinte: Ja. Und ich mußte ihn vor seiner Familie oft nachmachen. Einmal haben Sie mich sogar gezwungen, es vor ihm selbst zu tun. Rubinstein verstand überhaupt nicht, was da geschieht. Daraus habe ich gelernt, nie jemandem seine eigene Parodie vorzuspielen.
Es gibt viele Horowitz- und einige Glenn-Gould-Nachfolger. Warum hat Rubinstein keinen Nachfolger gefunden?
Weil er so natürlich war. Wenn ich Horowitz höre, merke ich genau, wonach er sucht. Bei Glenn Gould ist es auch so. Rubinstein hat nie gesucht. Die Musik entstand aus ihm. Ich werde nie vergessen: Als ich fünfzehn oder sechzehn war, habe ich einmal Rubinstein und Arturo Benedetti Michelangeli kurz nacheinander gehört und gedacht: Von diesem Können wirst du immer kilometerweit entfernt bleiben. Bei Rubinstein freilich hatte man den Eindruck: "Wenn ich nach Hause komme, kann ich auch so spielen. Es ist ganz leicht." Leider falsch!
Rubinstein hat stets abgelehnt, nach Deutschland zurückzukehren. Hätten Sie ihn, wenn er länger gelebt hätte, vom Gegenteil überzeugt?
Ich hätte es nicht versucht. Aber Rubinstein war fast soweit zu kommen. 1974 wollten wir die Beethoven-Klavierkonzerte mit den Berliner Philharmonikern aufnehmen. Rubinstein bewunderte die Philharmoniker, fand ihr Spiel ungeheuer existentiell. Ich hätte ihn nicht überredet, nach Deutschland zurückzukehren, weil ich ihn in diesem Punkt ohnehin nicht verstand. Ich habe es ihm auch gesagt und es hat ihn geärgert. Ich verstand nicht, wieso Rubinstein an der holländischen Grenze ein Konzert gab, zu dem hauptsächlich jene Deutschen anreisten, die er mißbilligte. Es geht doch nicht um die Erde, sondern um die Menschen. Und den Menschen darf man nie aufgeben.
Das Gespräch führte Kai Luehrs-Kaiser
Zur Person: Daniel Barenboim wurde 1942 in Buenos Aires geboren. Er nahm Dirigierunterricht in Salzburg und studierte Harmonielehre und Komposition in Paris. Im Alter von 10 Jahren gab er sein erstes internationales Konzert. Ab 1967 war Barenboim als Dirigent in London mit dem New Philharmonia Orchestra tätig, später ab 1969 auch in Berlin, New York und Chicago. 1975 folgte er Georg Solti als Dirigent des Orchestre de Paris. Von 1973 bis 1989 war er Chefdirigent des English Chamber Orchestra und von 1987 bis 1989 künstlerischer Direktor der Opéra de la Bastille in Paris. Seit 1991 ist er Chefdirigent des Chicago Symphony Orchestra und wurde 1992 zusätzlich künstlerischer Leiter und Generalmusikdirektor der Deutschen Staatsoper Berlin.






















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