Hinter dem Weihnachtsstern
Dienstag, 10. Juni 2008 07:22 - Von Uta KeselingEine Kohlenschütte steht auf dem ersten Absatz im Treppenhaus, als hätte sie jemand vergessen. Vielleicht ein Besucher aus einer anderen Zeit. Es riecht es nach Linoleum, an den Wänden hängen gerahmte Puzzles, Landschaften, Leuchttürme. Eine aufgehende Welt, vom Mond aus gesehen. Manche wellen sich, als hingen sie schon Jahre da. Im zweiten Stock wartet Herr Kandler. "Oh, das waren die Kinder", sagt er mit Blick auf die Kohlenschütte. "Die tragen sie nachher mit hoch."
Im Hintergrund ist ein leises Rumpeln zu hören.
Herr Kandler öffnet seine Wohnungstür. Es ist die Tür zu einer Wohnung, in die Millionen Menschen schon hineingeschaut haben - als Passagiere der U-Bahn-Linie 2. Die führt auf Hochgleisen direkt an den Wohnzimmerfenstern vorbei. Die Fenster sind, wie jedes Jahr, mit Lichterketten und freundlich blinkenden Sternen geschmückt. Familie Kandler wohnt, seit 30 Jahren schon, in einem grauen, einzeln stehenden Haus direkt an am Gleisdreieck.
Hinter den Fenstern kann man abends, wenn in der Stube Licht ist, möglicherweise einen riesigen, gußeisernen Ofen erkennen. Einen Tisch mit vier Stühlen - vielleicht legt Herr Kandler gerade ein neues Puzzle. Vielleicht fährt er aber auch gerade an seinem eigenen Wohnzimmer vorbei. Rudolf Kandler, 55, ist U-Bahn-Zugführer, seit 35 Jahren. 1975, nachdem vom Bootsbau auf den U-Bahn-Zug gestiegen war, bekam er die Möglichkeit, die seltsam gelegene 56-Quadratmeter-Wohnung im zweiten Stock des Häuschens am Gleisdreieck zu mieten - von seinem Arbeitgeber, der BVG. Er zog ein, zusammen mit seiner Frau Helga. "Für mich ist das praktisch wegen den kurzen Weges zur Arbeit", sagt er. Und die Kinder, heute 19 und 22 Jahre alt, fanden es toll, in einer Gegend ohne enge Höfe und meckernde Nachbarn aufzuwachsen. Zwischen Autowerkstätten und alten Bahngleisen als Abenteuerspielplatz - und in direkter Nähe zum Wald. Sie sind bis heute nicht ausgezogen. Schließlich liegt inzwischen in Fußnähe der neue Potsdamer Platz mit Kinos, Kneipen und Ladenstraße.
Ja, Wald. "Als wir einzogen, wuchsen hier Bäume vorm Fenster, ein kleiner Urwald, Füchse kamen bis an die Haustür und in der Frühe rief der Kuckuck", sagt Frau Kandler. Es war die Zeit der geteilten Stadt, als die U-Bahn-Gleise vorm Wohnzimmerfenster stillagen. Und hinterm Haus wuchsen zwischen den Bahnschwellen der Gleise Richtung Anhalter Bahnhof Unkraut, Gebüsch und eben Bäume. Ein Teil des Geländes am Gleisdreieck wird jetzt zum Park umgestaltet. Der Wald am Bahnhof Gleisdreieck aber ist schon lange weg.
Seit der Wende haben ungezählte Lastwagen das neue Berlin unter den Fenstern der Kandlers vorbeigefahren; Gebirge aus Abraum, Kies und Schotter türmten sich auf dem einstigen Bahngelände zu Hügeln und schrumpften zu Tälern. Jenseits des Landwehrkanals wuchsen Hochhäuser. Heute ist das Bahngelände flach und leer. Statt dessen gibt es einen Tunnel, doch dazu später.
Das Gleisdreieck ist eine seltsame Gegend, eine, die berlinischer nicht sein könnte. Als verfüge es über besondere Sinnesorgane, hat das Viertel, wo vor rund 100 Jahren ein damals hochmodernes Kühlhaus mit Bahnanschluß entstand und ein großer Postbahnhof, immer reagiert, wenn in der Welt etwas passierte, und sich irgendwie angepaßt. In einem der alten Klinkergebäude praktizierte während der Teilung der Stadt eine etwas mysteriöse Polyklinik der Reichsbahn. Heute sind Büros darin. Als die Mauer fiel, bevölkerte sich der einsame U-Bahnhof plötzlich mit Polen, die auf dem Flohmarkt am Reichpietschufer alles verhökerten, was sie entbehren konnten. Wenn irgendwo Krieg in der Welt war, merkten die Kandlers es an der Zahl der Flüchtlinge in den Straßen, heute dagegen irren Japaner umher - das Wohnhaus, das zwischenzeitlich als Asylbewerberheim diente, ist jetzt ein Hotel. Zuletzt kamen die Exil-Iraker Berlins in den ehemaligen Paketbahnhof um die Ecke, um das Parlament ihrer Heimat zu wählen. In den Hallen wurde einst die Weihnachtspaketpost der Mauerstadt abgewickelt. Jeden Dezember röhrten damals Sonderbataillone aus alten, gelben Post-VW-Bussen durch die eigentlich stille Luckenwalder Straße. Heute kommt bei Kandlers an machen Tagen nicht mal mehr der Briefträger vorbei - weil er die Adresse nicht findet.
Denn alles wird immer wieder anders. Tante-Emma-Läden, Werkstätten, ein Fisch-Großhandel, ein Spirituosen-Geschäft, an die sich die Kandlers aus den 70er Jahren erinnern, sind weg. Ebenso viele der malerischen Stelzen der Hochbahn, die an der einstigen "verlängerten Schöneberger Straße" standen. Sie sind teilweise einem Parkhaus gewichen. Der Rest der Straße führt an vermüllten, aufgelassenen Bahn-Bögen vorbei bis zum Kandlerschen Haus. Gleise liegen auf diesen "Kasematten" schon sehr lange nicht mehr. Die Firmen darin wurden vor etwa zehn Jahren gekündigt. Die Kulisse ist unheimlich. "Hier werden immer wieder Krimis gedreht." Helga Kandler wirkt eher begeistert, nicht verschreckt. Das einsame Wohnhaus werde nachts bewacht, sagt sie, schließlich steht es hinter einem Tor auf BVG-Gelände. "Wir fühlen uns hier sicher", beteuern die Kandlers auf ihrem Sofa. Von hier haben sie im Panoramablick die Veränderungen rund um das Gleisdreieck seit 30 Jahren beobachtet.
Hinter den Wohnzimmerfenstern schiebt sich jetzt ächzend ein orangefarbener Zug vorbei, legt sich mühselig wie eine alte Raupe in die Kurve. "Auf der Brücke ist mal wieder Baustelle", erklärt Herr Kandler in fachkundigem Tonfall und hebt an zu erläutern, was genau da gebaut wird. Er spricht eine fremde Sprache, die nicht jeder versteht - 35 Jahre BVG, ein Leben mit Zügen, haben das Vokabular geprägt. "A3L 89", sagt er gerade, "die umgebaute Version". Er meint die orangefarbene Raupe am Fenster. Sie hat metallfarbene Einfassungen an den Türen, mehr Unterschiede zu anderen Zügen erkennt der Laie nicht. "Ich kann die Zugtypen am Klang unterscheiden. "Gisela' sind die Klapperkisten, H-Züge sind leiser", Herr Kandeler lächelt. Und die M-Bahn, die in den 80er Jahren als Versuch an seinem Wohnzimmer vorbei bis zum Kemperplatz fuhr? "Die ist geschwebt!", ruft das Ehepaar aus einem Mund. Es klingt ein bißchen wie eine Erinnerung an einen schönen Traum. "Die Magnet-Bahn hätten wir uns gewünscht", sagt Herr Kandler. Doch es kam anders. Die Bahn war nur ein Versuchsobjekt. Heute haben die Kandlers andere Sorgen.
Vor dem Küchenfenster versinkt seit einiger Zeit die neue Zug-Trasse Richtung Lehrter Hauptbahnhof unter die Erde. "Das wird uns zu schaffen machen", sagt Herr Kandler. Seine Frau nickt. Besorgt. Man wundert sich: Im Schnitt alle drei Minuten rumpelt eine U-Bahn direkt an ihrem Wohnzimmerfenster vorbei. Nur nachts zwischen zwei und vier ist Ruhe. Und sie fürchten sich vor dem Flüstern der Fernzüge? Sie überlegen. "Fürchten ist nicht das richtige Wort", sagt Herr Kandler dann. "Wenn man sich 30 Jahre lang an diesen Lärm und die Erschütterungen gewöhnt hat, macht einen jedes fremde Geräusch unruhig. Sogar ein Flüstern. Ich mag es deswegen eigentlich auch nicht, wenn Züge oder Gleise umgebaut werden, um den Lärmpegel zu mindern. Einfach, weil es dann anders klingt." Es hört sich ein bißchen an, als hätten sie sich an die U-Bahnen gewöhnt wie an ihre Haustiere. Wie ihre zwei Katzen und den Hund und die Wasserschildkröten im Keller. Bisher, sagen die Kandlers, sei noch kein ICE an ihrem Haus vorbeigefahren. Es klingt erleichtert. So wie: Noch stehen keine fremden Tiere vor der Tür.
Vielleicht, wenn die Arbeiten auf der U-Bahn-Brücke noch ein andauern, wird es diesmal ein leises Weihnachten bei Kandlers. Aber das ist eigentlich egal. Wie immer in den vergangenen 30 Jahren werden sie den Christbaum schmücken. Wie immer werden sie sich nichts daraus machen, wer aus den Zügen dabei zuschaut. "Weihnachten feiern wir immer zu viert", sagt Frau Kandler, "mit Liedern, Gedichten und Stolle". Wie immer wird währenddessen draußen Zug um Zug vorbeirauschen. "Dieses Haus lebt und bebt eben", sagt Herr Kandler. Sie leben gern mit ihren Zügen.






















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