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27.04.05

Spurensuche

Sven Felix Kellerhoff führt zu historischen Orten: Zum einzigen Palast, der die Schlacht um Berlin fast unversehrt überstanden hat, und zum einstigen Todesstreifen

Unzerstört

Der Admiralspalast in der Friedrichstraße überstand als praktisch einziger Veranstaltungsraum die Schlacht um Berlin beinahe unversehrt - sogar die elegante Badeanstalt in den Obergeschossen funktionierte im Mai und Juni 1945 noch. Erst die ungenügende Sanierung in der DDR und die Verwahrlosung nach dem Scheitern des Metropoltheaters 1997 machten ihn baufällig. Ab 2006 soll das Haus schrittweise wieder eröffnet werden und zum 100. Jubiläum 2009 wieder Berlins schönster Vergnügungspalast sein.

Paradox

Der deutsche Denkmalschutz treibt mitunter seltsame Blüten: Am ehemaligen Reichsluftfahrtministerium an der Wilhelmstraße hängt bis heute das Fliesenmosaik des "glücklichen Sozialismus", das schon am 16. Juni 1953 die Ost-Berliner Bauarbeiter verhöhnte. Denn hierher, zum damaligen "Haus der Ministerien" des SED-Staates, waren die empörten Werktätigen zusammengeströmt, um gegen die "Diktatur des Proletariats" zu demonstrieren. Der Protest führte zum Volksaufstand am 17. Juni 1953, an den heute nur ein schwer erkennbares, in den Boden eingelassenes Kunstwerk auf dem Vorplatz erinnert.

Am Puls

In den Zwanziger Jahren ebenso wie am Beginn des 21. Jahrhunderts ist der Potsdamer Platz das Herz Berlins. Kaum vorstellbar, daß hier 28 Jahre, zwei Monate und 25 Tage lang, vom 13. August 1961 bis zum 12. November 1989, überhaupt kein Verkehr floß - abgesehen von den Patrouillenfahrten der DDR-Grenzer. Ihren Höhepunkt erreichte die deutsch-deutsche Absurdität am Morgen des 12. November 1989: Als Richard von Weizsäcker sich höchstpersönlich zum ersten Mal über den gerade eröffneten Grenzübergang Potsdamer Platz Richtung Ost-Berlin ging, trat ein DDR-Grenzoffizier auf ihn zu, grüßte förmlich und sagte: "Herr Bundespräsident, ich melde: Keine besonderen Vorkommnisse!" Daß keine drei Tage zuvor die Berliner Mauer gefallen war, daß in diesen Tagen die Nachkriegsordnung Europas total auf den Kopf gestellt wurde, daß das Staatsoberhaupt des einstigen "Klassenfeindes" auf den Todesstreifen marschierte: offenbar für den Grenzer "kein besonderes Vorkommnis".

Unort

Eine Schranke versperrt den Weg zum Hof des Hauses Wilhelmstraße 92. Es hat schon Tradition, daß dieses Areal gesperrtes Gebiet ist: Hier waren einst die privaten Gärten von Adelspalästen, dann die Parks der preußischen und deutschen Ministerien einschließlich der Reichskanzlei, dann nach Bau der Neuen Reichskanzlei schwer bewachtes "Führersperrgebiet", ab 1961 Todesstreifen - und heute der Privatparkplatz für die Bewohner der Plattenbauten an der Wilhelmstraße. Nichts deutet darauf hin, daß unter dem Parkplatz in 8,50 Meter Tiefe die letzten Reste des "Führerbunkers" liegen.

Ikone

Das berühmteste Foto der Eroberung Berlins ist gestellt. Jewgenij Chaldej, Kriegsfotograf der Roten Armee, inszenierte es am 2. Mai 1945. Welche Rolle der abgebildete Soldat bei der Erstürmung des Reichstages tatsächlich gespielt hat, ist unbekannt - laut Chaldejs Erinnerung hatte er einfach zwei herumstehenden Männern befohlen, ihn aufs Dach des Reichstages zu begleiten. Beim Umbau des Reichstages zum Sitz des deutschen Bundestages 1995 bis 1999 wurde die schmückende Steinskulptur, die 1945 fehlte, ersetzt.

Nationalsymbol

Das Brandenburger Tor ist in die Rolle des deutschen Symbols schlechthin hineingewachsen - trotz oder genauer wegen seiner vielfach gebrochenen Geschichte. Seit am 17. Juni 1953 protestierende Arbeiter durch das Tor gen Westen zogen, spätestens aber seit der mehr als 28 Jahre währenden Sperrung durch die Mauer steht Carl Gotthard Langhans' klassizistisches Meisterwerk weltweit für die deutsche Hauptstadt.

Auferstanden

Berlins feinstes Hotel existierte von 1907 bis 1945, brannte in den letzten Kriegstagen aus und war seither größtenteils Ruine. 1984 verschwand auch der Rest des Baus und hinterließ eine weitere Brache am Pariser Platz. Doch schon 13 Jahre später war das Adlon wieder das erste Haus der Hauptstadt, neu errichtet und mit Leben erfüllt. In diesem Jahr wird nun auch die Akademie der Künste auf dem Nachbargrundstück eröffnet - in seiner modernen Glasfassade spiegelt sich das ohnehin nicht kleine Luxushotel zu doppelter Größe (u.).

Altlast

Unter der nordöstlichen Ecke von Peter Eisenmans Stelenfeld liegt ein Überrest der deutschen Geschichte, den bei der Planung des Holocaust-Mahnmals niemand auf der Rechnung hatte: der private Bunker von Propagandaminister Joseph Goebbels, errichtet im Sommer 1941 im Garten seiner gewaltigen Dienstvilla. Das Haus mit seinen großen Fenstern, 1938/39 für viel Geld unter Weiternutzung einer älteren Villa erstellt, ist auf dem bekannten Bild des Pariser Platzes 1945 hinter der zerstörten ehemaligen US-Botschaft zu erkennen. Von hier aus übrigens führte Goebbels am 20. Juli 1944 das entscheidende Telefonat mit Hitler, das zum Zusammenbruch von Stauffenbergs Staatsstreichversuch führte.

Verschwunden

Nur noch ein Bordstein erinnert an die einstige "gute Stube" der Reichshauptstadt, den Wilhelmplatz. Auf seiner nördlichen Hälfte steht ein Wohnblock mit Supermarkt, auf seiner südlichen die tschechische Botschaft. Wo sich einst das luxuriöse Hotel Kaiserhof erhob, steht heute die extrem ungastliche Botschaft Nordkoreas.

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