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Hier bestimmt der Popstar selbst

Es ist etwas verwirrend. Meinungsstarke, ältere Männer schreiben, die Gesellschaft werde immer älter und die Jugend solle sich vor ihnen hüten. Auf der anderen Seite heißt es, daß sich Jugend heute bis ins Alter dehne. Und dann sitzt da Judith Holofernes. 28 Jahre alt beziehungsweise jung. Sie schreibt und singt die Lieder für die Gruppe "Wir sind Helden".

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Vor zwei Jahren galt die Band als große deutsche Nachwuchshoffnung für die nationale Popmusik. In diesem Frühjahr hält man Judith Holofernes schon für eine weise Veteranin. Für die Mutter der erwachten Pop-Nation. Sie hat mit ihrer Band den Weg gewiesen und die Blaupause geliefert für die überraschte Plattenindustrie. Die Altersrolle übernehmen nicht mehr Sängerinnen aus den achtziger Jahren wie Annette Humpe oder Nena. Nun sitzt Judith Holofernes lächelnd in der Berliner Kneipe "Kakao" und sagt: "Es ist lustig und schmerzhaft, zuzuschauen, wie das System seine Ordnung wiederherstellt."

Das System ist die Musikwirtschaft. Und Ordnung heißt: In Sitzungsräumen und Büros wird über das Geschick von jungen Bands danach entschieden, ob sie in das "Wir-sind-Helden"-Raster passen. So kamen die Gruppen Juli, Silbermond und Wunder plötzlich zu Verträgen, nahmen Platten auf und retteten den brachliegenden deutschen Markt. Es ging darum, daß eine junge, schöne Frau sehr aufrichtige, eigene Lieder sang und sich dabei von Jungs begleiten ließ. Es ging darum, das Gegengift zum Fernsehcasting zu verkaufen. Es ging wieder um die profitable Bindung zwischen einer Bühnenband und ihren Fans.

Daß dieses doch sehr klassische Rezept für einträgliche Rockmusik noch etwas taugt, bewiesen "Wir sind Helden" der erstaunten Industrie. 2002 verkauften sie ihr selbstgemachtes Minialbum "Guten Tag" am Rande ihrer Auftritte. Das Radio wurde aufmerksam und spielte "Guten Tag", den Titelsong. Ein preiswerter aber sehr schöner Videoclip wurde gedreht mit Hilfe der Berliner Filmlounge, MTV und Viva griffen dankbar zu. Auch Harald Schmidt lud Judith Holofernes ein. Ein weitestgehend unabhängiger Verbund von Plattenlabels sicherte sich das Debütalbum, die großen Firmen zweifelten an ernstzunehmenden Erträgen. "Die Reklamation", das Album, verkaufte sich 500 000 mal. Im März 2004 bekam die Band von der Musikwirtschaft drei Echo-Preise. Ungläubigen Industrievertretern legte Judith Holofernes in der Dankesrede nahe: Liebe, Neugierde und Mut.

Nun kommt ihr zweites Album auf den Markt. Es wurde heiß herbeigesehnt, es gab gesteigerte Erwartungen. Dazwischen kamen all die Bands mit ihrer ähnlichen Musik. Seit Wochen läuft im Radio dieses neue Helden-Lied, "Gekommen um zu bleiben". Man hört es als trotzig swingende Erklärung, sich als Original nicht unter unfreiwilligen Kopien zu verlieren. Nicht als Zwei-Hit-Wunder dankbar zu verschwinden. "Uns wurde gesagt, in Deutschland ist es so, daß Künstler erst hochgeschrieben werden und dann wieder runter", sagt Judith Holofernes. Dem Reflex sei der im übrigen nicht völlig ernst gemeinte Song gewidmet. Eher wird der erhobene Anspruch durch das großartige Album untermauert. Eine heitere, gelassene und selbstsichere Platte. Niemand hat mit kühler Hand am Endprodukt geschliffen, um es sämtlichen Vertriebskanälen anzupassen. Eine Band hat musiziert, eine beschlagene Songpoetin hat gesungen. Und es gibt wieder sehr interessante Themen.

Fiel die erste Platte durch Parolen auf, widmet sich Judith Holofernes heute den Gefühlen. Zeilen der "Reklamation" finden sich längst im deutschen Sprachschatz wieder. "Ich will mein Leben zurück" oder "Müssen nur wollen". Hinter solchen Zeilen lauerte erkennbar ein durchdachtes Unbehagen an der Welt. Kritik wurde geäußert an Konsum, Karriere und sozialer Kälte. Die Musik dagegen wirkte derart fröhlich, daß man "Wir sind Helden" für ironisch hielt. Das weist die Sängerin weit von sich: "Humor ist ein Stilmittel, um auf Wahrheiten zu stoßen. Ironie aber bedeutet immer Distanzierung. Und das tue ich mit dem größten Stolz nicht." Es ist sehr kalt in dieser Kneipe früh am Morgen. Judith Holofernes zerrt die Ärmel des Pullovers über ihre Hände. Auch die Stimme bibbert. Die enorme Zuneigung, die ihr entgegenschlägt, hat viel mit dem zu tun, was Judith Holfernes nicht nur darstellt, sondern ist: Ein neugieriges Mädchen, gleichermaßen scheu und selbstbewußt. Eine politisch wache und moralisch anspruchsvolle Frau.

Geboren als Judith Holfelder von der Tann im Westen von Berlin zog sie mit sechs nach Freiburg, ihre Eltern hatten sich getrennt. Mit 14 sang sie Lieder von Bob Dylan zur Gitarre in den Einkaufsstraßen. Nach Berlin kam sie zurück, um zu studieren. An der Universität der Künste schrieb sie eine werbekritische Diplomarbeit. Sie trat allein in Clubs auf, 1999 spielte sie die erste Platte ein. Auf "Kamikazefliege" fanden sich bereits die Helden-Lieder "Aurélie" und "Außer dir". Bei einem sogenannten Pop-Workshop an der Musikhochschule Hamburg lernte sich die Gruppe kennen. Eine Band wurde gegründet, originelle Künstlernamen ausgesucht und erste Stücke aufgenommen. Judith Holfelder nannte sich Holofernes. Es ist diese Geschichte aus der Bibel oder vom Gemälde Gustav Klimts: Der böse, alte Feldherr Holofernes wird enthauptet von der schönen, jungen Judith. Selbst im Pop sind Pseudonyme hin und wieder mit Bedacht gewählt.

Ihren Parolen folgt jetzt also das Private. "Ich habe zu vielen Themen mehr gesagt, als ich es jemals vorhatte. Würde ich hier weitermachen, käme ich ins Schwafeln. Ich beschäftige mich weiterhin mit Unabhängigkeit und Freiheit, aber jetzt auf einer persönlicheren Ebene." Judith Holofernes singt über das Aufgehobensein. Aus vielen Richtungen. Sie sehnt herbei, was sich die Mehrheit aller Songs auf dieser Welt erträumt. Das Glück, die Liebe, überraschend allerdings, daß diese Songs nicht nur vom reinen und naiven Anspruch darauf handeln. In den Liedern wird darum gerungen und gekämpft. "Geht auseinander", "Darf ich das behalten", "Nur ein Wort", "Von hier an blind", "Wütend genug". Sie spricht von Treue und Genügsamkeit, im Alltag, in der Arbeit. Freut sich, daß auch außerhalb des deutschen Kinofilms nun überall zu sehen sei, wie Zweifeln, Nachdenken und sich verweigern wieder um sich griffen. Judith Holofernes ist tatsächlich noch bei ihren alten Themen. Nur der Ton klingt anders.

Viel ist über "Wir sind Helden", neuen deutschen Pop und Heimatstolz geredet worden. Es gab glühende Befürworter und grummelnde Bedenkenträger. Judith Holofernes sagt: "Heimat wurde zu einem so großen Thema, daß es mir schon wieder wichtig ist, mich davon zu distanzieren. Ich singe auf Deutsch, weil sich die Bilder in meinem Kopf über die eigene Sprache besser vermitteln lassen. Wenn unsere Musik für jemanden zu einem zu Hause wird, weil sie ihm von Sachen erzählt, die er kennt, dann ist das natürlich sehr schön."

Freiheit, Unabhängigkeit. Ein ziemlich böses Lied auf ihrem zweiten Album trägt den Titel "Zuhälter". Wer "Wir sind Helden" schätzt für ihre klugen deutschen Texte wird zunächst verblüfft vom einfältigen Singsang. Dann verärgert ihn der plumpe Zorn über die "Liebe auf der Straße". Dann aber ist er begeistert, weil die dritte Strophe plötzlich über "Lieder auf der Straße" klagt. Es geht in "Zuhälter" um die Musikwirtschaft. Das hören "Wir-sind-Helden"-Freunde gern. Steht es so schlimm um das Gewerbe? "Wir konnten in den letzten Jahren beobachten, was mit Musikern alles gegen ihren Willen gemacht wurde. In den Plattenfirmen, im Fernsehen. Das hat in mir eine tiefe Traurigkeit ausgelöst. Ich mußte ständig an den alten Song "Music is My First Love' denken. Musik ist Liebe. Sie wird prostituiert, weil in den großen Mischkonzernen vergessen wird, daß man kein Waschmittel verkauft. Aber diesem System kann man sich entziehen."

So hielt es ihre Band von Anfang an. Vertraglich ließ sie es sich zusichern, nur Angenehmes tun zu müssen. Fernsehsendungen und Magazine suchen sie sich aus für Auftritte und Interviews. Von ernsthaften Erwachsenenformaten bis zur gut gemachten Teenieshow. Musik gehöre in den Vordergrund, sagt Judith Holofernes. Und diese Musik geht keinen etwas an, solange sie nicht fertig ist. Die Plattenfirma darf sich um Vertrieb und um die vorher abgesprochene Werbung kümmern. Hier bestimmt der Popstar selbst.

Am schönsten bleibt es, in der Welt des Pop ein Unikum zu sein, ein Original. Man neigt in dieser Welt zum Nivellieren. So entstand durch "Wir sind Helden" während der zwei Jahre ihrer Studioarbeit dieser austauschbare Pop mit Mädchenstimmen und Gitarren. Flüchtig hört sich das wie "Wir sind Helden" an. Nur sind es andere Geschichten, andere Frauen, eine andere Haltung. "Die Bands können nichts dafür", sagt Judith Holofernes. "Wir haben keine Lust, als Kontrast herzuhalten." Für den Dünkel selbstgerechter Kritiker und Plattenkäufer. Für Erwachsene, um sich den Kinder-Rock vom Leib zu halten. Für Reflexe aus Erwartung und Enttäuschung. Um so stilsicherer wirkt "Von hier an blind" als zweites Album einer Band, die sich wie lange keine deutsche Gruppe mehr von Lob und Überschwang umstellt sah. Und vom großen Konsens.

Diese Platte liefert auch den Soundtrack für eine Gesellschaft, in der Alter oder Jugend neu erfunden werden. Täglich. "Wenn ich Lieder mache, kann ich nur dem hinterher schreiben, was mich gerade beschäftigt", sagt Judith Holofernes. "Ich habe diesmal eine Sicherheit gespürt, die ich bislang nicht kannte." Vorzeitiges Altern ist das nicht, man nennt es wieder Reife. Ohne Ironie.

Wir sind Helden: "Von hier an blind" erscheint am 4. April bei Labels/EMI

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