Logo der Berliner Morgenpost
http://www.morgenpost.de/incoming/article286539/Doktor_Fastfood_und_Mister_Dschihad.html
Link in E-Mail oder Instant-Message einfügen close

Doktor Fastfood und Mister Dschihad

Amerika weht durch die Glogauer Straße. Fritten und Bratfett - Kreuzberg mal anders.

Amerika weht durch die Glogauer Straße. Fritten und Bratfett - Kreuzberg mal anders. Heute bedient der Chef persönlich bei "American Easyfood". Erisen Tufan legt behutsam ein rundes Stück Rind auf den Grill. Der 27-jährige Türke hat aus seiner Passion für die Staaten einen Beruf gemacht: Hier isst man wie in Übersee. Tufan ist klein, feist, frohsinnig. "Immer nur Döner - das ist langweilig. Ich habe hier eine Marktlücke entdeckt. Amerika heißt für mich Freiheit und Lebenslust."

Anzeige

* Der Kontrapunkt zu Tufans Laden liegt ein paar Häuser weiter: ein orientalisches Café an der Sonnenallee. In Neukölln-Nord hat die Hälfte der Bevölkerung einen Migrationshintergrund; die meisten sind Muslime. Jeder vierte Einwohner bekommt Geld vom Staat. Dicke Rauchschwaden wabern durch den Raum. "Amerikaner sind Verbrecher", sagt Yasser, der Mitarbeiter. Er ist 35 Jahre alt und Palästinenser. Er holt einen Klumpen Kirschtabak aus einem Schraubglas, knetet ihn und drückt ihn in einen Pfeifenkopf. Yasser trägt Bart. "Unsere Feinde sind sie - genau wie die Israelis", sagt er.

* Erisen Tufan wendet das Fleisch. "Bei mir bekommen Sie 180-Gramm-Burger. Genau wie in den Staaten", sagt er. Wem das nicht reicht, für den gibt es den Double-Meat-Burger mit Doppel-Käse für 3,49 Euro oder die extradicke Cheesy-Pizza Manhattan. Oder doch lieber Muffins und Brownies? Sogar eine Bestellung per Internet ist möglich. Tufans Freunde haben ihn für verrückt erklärt, als er den Laden vor drei Jahren umgestaltete und den Döner-Grill hinauswarf. Er nimmt das Fleisch vom Grill und legt es auf die untere Brötchenhälfte, nachdem er sie mit seiner Spezialsoße bestrichen hat. Darauf kommen Gurken und Salat, eine Scheibe Chester.

13 Stars-and-Stripes-Flaggen hängen an den Wänden. Dazwischen Spiderman-Poster, der Coca-Cola-Eisbär und ein Bild von Elvis. "This is America", steht in Großschrift auf einem Plakat. Daneben die Türme des World Trade Centers. Auf dem Kühlschrank eine Betty-Boo-Figur in granatroten Pumps und Minirock. Im Nebenraum ist Miss Liberty mit Milchshake in der ausgestreckten rechten Hand an die Wand gesprüht. Die rot-weiß bezogenen Kunstledersitze erinnern an 60er Jahre Hollywood-Streifen. Tufan hat die Sitze eigens in Amerika anfertigen lassen. "Irgendwann will ich auch selbst mal durch die USA reisen. Ich höre amerikanischen Hip Hop, schaue die Filme an. So bin ich aufgewachsen. Die Politik von Bush interessiert mich nicht", sagt Tufan.

* Im orientalischen Café an der Sonnenallee bestimmt die Politik alle Gespräche. "Israel muss vollständig zerstört werden. Daran werden uns die Amis nicht hindern", sagt Yasser. Musik gibt es nicht im Café, denn die ist wider die Scharia, ebenso wie Alkohol. Auch eine Damentoilette sucht der Gast vergebens. Dafür gibt es eine Gebetsnische, gen Mekka ausgerichtet. Und im Fernseher läuft manchmal Al Dschasira über Satellit. Yasser füllt Wasser in das Glas der Pfeife, schraubt sie zusammen und wickelt Alupapier um den Kopf, das er mit hundert kleinen Nadelstichen durchlöchert. Auf dem Herd glühen bereits die Kohlen.

Bunte Tücher, mit Ornamenten geziert, verhängen die Decke des Cafés, die Wände sind nussbraun getäfelt. Dazwischen ein Bild mit Beduinen und Kamelen vor einem orangefarbenen Himmel. In einer Ecke liegt ein Fes, ein türkischer Beamtenhut, eingerahmt von schillernden Vasen. Über einem Fenster weht eine grüne Flagge mit Koran-Sure. An der Theke ist ein vergrößertes Foto angebracht: Israelische Grenzposten sind darauf zu sehen, die an einer älteren Palästinenserin zerren. Sie scheint ihr Kopftuch zu verlieren. Das einzig Europäische im Raum ist ein Ikea-Katalog. "Du wirst hier niemanden finden, der nicht für den Dschihad ist. Der Dschihad treibt uns an", sagt Yasser.

* Bei American Easyfood bekommt der Gast den Burger zusammen mit einer Portion Jumbo Fries. Als der Chef gerade mal nicht da ist, redet sein graubärtiger Angestellter Said. Said ist Libanese und Sunnit. Er war zu Besuch im Süden seines Heimatlandes, als die israelische Offensive einsetzte. Er rauchte Wasserpfeife vor dem Haus, als 300 Meter entfernt von ihm eine Brücke bombardiert wurde. "Ich habe Angst um meine Familie", sagt Said. Und amerikanisches Essen schmecke ihm auch längst nicht so gut wie das arabische. Erisen Tufan hat ihm verboten, darüber zu sprechen. "Ich sage meinen Mitarbeitern immer, dass sie sich nicht über Amerika und Israel oder den Nahost-Konflikt äußern sollen. Wir verkaufen hier doch den amerikanischen Traum", sagt er. Während der WM hatte er öfter Kunden aus den Vereinigten Staaten. Er ist stolz darauf, dass sie sich bei ihm wie zu Hause fühlten. Said lächelt müde.

* Das leise Gurgeln der Wasserpfeifen durchdringt den Raum, Yasser hat Gesellschaft bekommen. Mehrere Araber rauchen ihre Shisha, spielen Karten, reden. Einer sagt: "Wenn sich mein Sohn als Selbstmordattentäter in die Luft sprengen würde, wäre ich stolz." "Bin Laden ist für uns ein Held, ein Mahdi", bekräftigt ein anderer. Dazu werden süße Näschereien gereicht. Yasser übernimmt das Wort: "Es gibt eine israelisch-amerikanische Verschwörung. Alle Kriege dieser Welt werden von der angezettelt." Und die versuchten Kofferbomben-Attentate in Deutschland? "Das war die CIA", ist sich Yasser sicher. "Die Hamas und die Hisbollah sind doch die einzigen Kräfte, auf die wir vertrauen können." Und er warnt die Deutschen vor drohendem Terror: "Wenn ihr weiter auf Seiten der Verschwörung steht, könnte bald wirklich ein Anschlag hier passieren. Dann seid ihr selbst schuld."

Die anderen nicken. Die Diskussion schaukelt sich hoch. Die Kreuzzüge werden gestreift, der Irak-Krieg, Afghanistan und das Ungerechte an der Demokratie. "Die gilt bei euch doch nur für Kinderschänder!", raunzt Yasser. Es wird geschrieen und geflucht. Yasser spannt den Bizeps, der auf die Größe einer Zuckermelone anschwillt. Er springt auf, streift sich seine Tarnjacke über, nimmt einen arabischen Krummsäbel von der Wand und fuchtelt wild mit ihm herum.

Der Rest schaut zuerst verdutzt, fängt dann einmündig an zu johlen und zu klatschen. Yasser schwurbelt vor sich hin: "La ilaha illallah mohammad rasul allah" - das islamische Glaubensbekenntnis: Es gibt nur einen Gott und Mohammed ist sein Prophet. Hinter ihm prangt die heilige Moschee von Mekka auf einem Stickgewebe. Und Yasser schwingt und wiegt sich mit seinem Säbel um die eigene Achse wie ein Derwisch beim Veitstanz. "Allah akbar", brüllt er - Allah ist groß. "Wir werden siegen, schreib' das!"

* Erisen Tafun entsorgt das alte Frittierfett. Es ist ein Uhr nachts, sein Schnellrestaurant schließt jetzt. Guter Umsatz, guter Tag. Und während an der Sonnenallee die letzten Shishas verschmauchen, sinniert Tafun über seine Rolle als Migrant in Deutschland. Dass er hier geboren und deshalb vielleicht nicht sehr muslimisch geprägt ist. Er esse gerne Schweinefleisch, seine Frau dürfe sich kleiden, wie sie wolle und wenn ein Muslim sich an Betty Boos kurzem Röckchen störe, dann müsse er eben draußen bleiben. "Und ich schaffe hier Arbeitsplätze. Das ist doch was." Tafun schließt den Laden ab und geht.

Anzeige

Werden Sie Fan der Morgenpost

MORGENPOST.TV - Die Berlin-News

Hertha BSC
Funkel will von Abstiegsduell nichts wissen
Anzeige

Das twittert Morgenpost Online

Die Morgenpost in Social Networks

Der Berliner Kriminalitäts-Atlas

Anzeige

BVG


Bitte füllen Sie das folgende Formular aus um eine Fahrinformation zu erhalten. Das Ergebnis wird in einem neuen Fenster angezeigt.
absenden
Heute Morgen Übermorgen
Heute
 |  13°
Morgen
 |  13°
Übermorgen
 |  11°

Kalenderblatt

Code Einbetten: