Briefverkehr
Auf 3,4 Millionen Einwohner Berlins kommen mehr als 2000 Briefkästen, aber auf 1,5 Millionen Kraftfahrzeuge in der Stadt dagegen nur vier Autobriefkästen.
Von Jörg Niendorf
Auf 3,4 Millionen Einwohner Berlins kommen mehr als 2000 Briefkästen, aber auf 1,5 Millionen Kraftfahrzeuge in der Stadt dagegen nur vier Autobriefkästen. Soweit die nüchternen Zahlen der jüngsten Berlin-Statistik. Jetzt die Frage: Warum überhaupt Autobriefkästen? Fahrzeuglenker müssen hier zum Briefeinwurf nicht mehr aussteigen, denn die Front dieser Postkästen zeigt zur Straße, nicht zum Bürgersteig. Solch verquere Kisten seien doch ungeheuer praktisch. So begründete die Deutsche Post AG im Jahr 1998 ihren neuen Service. Man könne einfach seine Post aus dem heruntergekurbelten Autofenster in den tiefergelegten Briefkasten am Straßenrand expedieren. Und dann gleich weiterbrausen. 15 Boxen für den rasanten Einwurf-Stopp versprach sie damals der Berliner Autofahrergemeinde.
Nur neun Autobriefkästen schafften allerdings überhaupt die Hürden des Genehmigungsverfahrens. Fünf davon sind mittlerweile schon wieder aus dem Stadtbild verschwunden, ganz sang- und klanglos. Zuletzt am Alexanderplatz, wegen Bauarbeiten. Der Kasten war seinerzeit der erste und wurde gefeiert. Nun hat diese Standortschließung keiner bemerkt, niemand stört sich daran. Also gibt es nur noch vier. Auch die fristen ein eher glückloses, trübes Dasein. Sie stehen versteckt an der Steglitzer Schildhornstraße, am Mariendorfer Damm, der Karl-Marx- und der Heerstraße. An Stellen ohne Gegenverkehr, wo Autos links anhalten können. Richtig loben mag sie die Post AG nicht mehr. "Sie runden das Angebot ab", lautet ein halbherziger Kommentar des Unternehmens.
Schaut man dem Treiben am Autobriefkasten wirklich eine Weile lang zu, bietet sich alles andere als das Bild einer runden Sache. Jeder verrenkt sich, um den Briefschlitz zu erreichen. Hält wirklich einmal ein Autofahrer an (selten!), dann verpaßt er gern die paßgenaue Vorfahrt. Der Arm ist einfach nicht lang genug, das ist so wie am Parkhausautomaten. Nicht selten endet die Szene mit einem entnervten Schnell-Ausstieg und meistens auch mit hupenden, drängelnden Autofahrern im Rücken. Fußgänger hingegen (die weit öfter zum Autobriefkasten kommen!) müssen sich erst um die Box an der Bordsteinkante herumhangeln, sich dann bücken und dabei mächtig aufpassen, nicht unter die Räder zu geraten. Denn auch in Einbahnstraßen fahren Autos bekanntermaßen schnell.
Sonst ist alles wie immer: Rechts der Briefschlitz für die Postleitzahlen 10000 bis 16999, links der für den Rest. Nur liegen sie in autokompatibler Höhe von 1,20 Metern. Und dienen offensichtlich regelmäßig als Rammbock. In Steglitz steht etwa ein besonders ramponiertes Modell. Kurz vor einer Ampel, umringt von unwirtlichem "Bierpinsel"- und 70er-Jahre-Einkaufsstraßenbeton. Dieser Briefkasten hat viele Breitseiten hinter sich, die obere Kante ist vollständig abrasiert. Als würden permanent die Außenspiegel vorbeifahrender Autos mit dem gelben Hindernis am Straßenrand im Clinch liegen. Oder die breiten Ladeflächen der Lkw, die die Geschäfte an der Schloßstraße beliefern. Als mögliche Ursache für Auffahrunfälle gelten die Autobriefkästen ohnehin. Deshalb hatte die Polizei nur wenigen Standorten in Berlin murrend zugestimmt und viele weitere verhindert. Schon bei seiner Vorstellung 1998 in Berlin war der Autobriefkasten also eigentlich ein Auslaufmodell. Nicht einmal der ADAC, der seinerzeit die "zündende Idee der Post" freudig begrüßte, hat mehr ein Herz für den autofahrerfreundlichen Briefeinwurf. Niemand in der Berliner ADAC-Geschäftsstelle weiß, ob ein spezieller Autobriefkasten nun gut oder schlecht sei.
So geben sich die letzten vier Vertreter ihrer Art in Berlin denn auch nur sehr verschämt zu erkennen. Die aufgeklebten Schriftzüge "Autobriefkasten" sind verschlissen, und die gelben Blechschilder in Briefform, die oben drüber prangten und ihr Markenzeichen sein sollten, fehlen ganz. Immer wieder hatten Unbekannte sie abgeknickt. Bis der Post AG das Spiel zu blöd wurde. Sie ließ alle Schilder abmontieren. "Das Ganze war von Anfang an eine Schnapsidee", schimpft ein altgedienter Postler. Auch auf seiner Tour lag bis vor einiger Zeit einer jener Kästen. Einer mit Spätleerung sogar. "Falls abends noch ein paar Autofahrer ihre Briefe spazierenfahren möchten", lästert der Mann von der Post weiter. "Und so einen Quatsch macht die Post heutzutage mit." Mittlerweile müssen die Mitarbeiter kleiner Subunternehmen die Postkästen ausleeren. Und diese Fahrer kommentieren ihre Arbeit grundsätzlich nicht. Wie wenig jedoch bei der Leerung aus dem Autobriefkasten in ihren Postsack fällt, das können sie nicht verbergen.
Aber immerhin, einen Sinn hatte das überflüssige Gerät offensichtlich doch. Nachdem nämlich vor acht Jahren der erste Briefkasten speziell für Autofahrer installiert worden war, beschwerten sich flugs Rollstuhlfahrer, daß für sie ungleich weniger getan würde. Das hatte Wirkung. Die Post AG stellte sogleich fünf niedrige Briefkästen an Teststandorten in Charlottenburg auf. Und mittlerweile, sagt die Berliner Post-Sprecherin Sylvia Blesing, gelte sogar generell, daß neue Kästen tiefer als bisher aufgehängt würden.
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