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Mein Vater, der Fremde

Der Tag, an dem sich Manfred Augst das Leben nahm, war ein schweißtreibend heißer Samstag.

Der Tag, an dem sich Manfred Augst das Leben nahm, war ein schweißtreibend heißer Samstag. Schwüle 25 Grad lagen am 19. Juli 1969 über dem Talkessel von Stuttgart. An seinem nördlichen Rand, auf dem Messegelände am Killesberg, herrschte in der Halle 1 mit gut 2000 Besuchern subtropisches Klima.

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Die Teilnehmer des Evangelischen Kirchentages harrten dennoch geduldig aus, in kurzen Hosen und mit freien Oberkörpern, sich unablässig Luft zuwedelnd. Die Veranstalter hatten den Besuch von Günter Grass angekündigt, und wenig später saß der Dichter auf dem Podium und las aus "Örtlich betäubt", seinem neuen, noch unveröffentlichten Roman. Darin wird geschildert, wie ein Schüler ein bizarres Fanal gegen den Vietnamkrieg setzen möchte: Er will auf dem Kurfürstendamm seinen Dackel verbrennen. Protest und Ritual, Individuum und Gesellschaft: Der Text war wie geschaffen für ein Kirchentags-Teach-In und eine ausgiebige Diskussion unter Studenten. Gleich nach der Lesung hätte es losgehen können. Doch es ging nicht los. Jemand störte: Manfred Augst.

"Und dann trat dieser Mann vors Saalmikrofon", schreibt die Journalistin Ute Scheub, "redete wirr, stammelte herum, verhedderte sich in seinen Satzfetzen. Menschen wie er, die vor 1945 an Deutschlands Größe geglaubt hätten, würden nun als "Verbrecher' gebrandmarkt... Deshalb wolle er nun ein Zeichen des Protestes setzen. Sein letzter Satz: "Ich provoziere jetzt und grüße meine Kameraden von der SS.' Das Publikum, vorwiegend junge Leute aus der Studentenbewegung, buhte. Der Mann setzte ein Glasfläschchen an die Lippen und trank es aus. "Das war Zyankali, mein Fräulein', sagte er zu einer jungen Frau neben ihm, bevor er zusammenbrach." Manfred Augst, 56 Jahre alt und Apotheker aus Tübingen, stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus. Ute Scheub ist seine Tochter.

35 Jahre nach seinem Tod begann sie, sich auf die Suche nach dem Leben des Vaters zu machen. Ihr Buch, das dieser Tage erscheint, ist nicht nur eine sehr persönliche, oft wütende Abrechnung mit einem Menschen, der für sie immer ein Fremder geblieben ist. Es beschreibt auch den Lebensweg eines Täters, der mit der eigenen Schuld nicht umgehen konnte und am Ende daran scheiterte.

Wer Ute Scheub heute in ihrem Häuschen in Zehlendorf besucht, begegnet der Klarheit eines Menschen, der sich den schmerzhaften Seiten seiner Herkunft gestellt hat. Die Mitbegründerin der "taz", die heute als freie Autorin arbeitet, kann inzwischen laut über einige Eigenheiten des Vaters lachen - wie etwa über seinen verschwurbelten, tief im Ungefähren gründelnden Umgang mit der Sprache. Viele andere Dinge machen sie nach wie vor wütend: seine soziale Inkompetenz, das Schweigen und die Kälte, die von ihm ausgingen. Dieser differenzierte Blick ist es wohl, der sie davor bewahrt, von der Vergangenheit erdrückt zu werden.

Es war im Sommer 2004, als sie auf einem schwäbischen Dachboden einen Karton mit Papieren fand - ungezählten Feldpostschreiben, Notizen und Abschiedsbriefen, die ihr Vater hinterlassen hatte. Deren Lektüre und die übrigen Recherchen für ihr Buch, sagt sie, seien "nie frei von Ambivalenz" gewesen. Sie wollte genau wissen, wer dieser Mann war, einerseits. Doch andererseits war die Suche immer überschattet von der Gefahr, im Keller ihres Vaters auf Leichen zu stoßen, von denen sie vorher nicht wußte.

Bevor man von seinem Leben erzählt, sollte man darauf hinweisen, daß Manfred Augst nicht sein wirklicher Name ist. Günter Grass hat ihn sich ausgedacht für das "Tagebuch einer Schnecke", in dem er die Ereignisse auf dem Kirchentag literarisch verarbeitet hat. "Augst wie Angst", schreibt Ute Scheub. Seinen wahren Namen möchte sie lieber verschweigen.

Er wird 1913 in einem Schwarzwalddorf geboren. Sein Vater, ein Volksschullehrer, kehrt aus Frankreich von den Fronten des Ersten Weltkrieges zurück - stark traumatisiert vermutlich, man weiß nicht viel darüber. Aber man weiß, daß er ein strenger Vater war. "Das Klima in der Familie meines Vaters", so Ute Scheub, "war geprägt durch den Herrn im Haus, meinen Großvater. Es wurde nicht viel geredet, geschweige denn diskutiert, der Großvater gab Anweisungen und sorgte dafür, daß er stets im Mittelpunkt stand." Der Sohn hat schon früh ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Integration und Gemeinschaft, nach "Mittunkönnen als Gleicher", wie er es selbst später nennt. Kameradschaftlichen Geist wird er sein Leben lang suchen und beschwören - noch in seinen letzten Momenten auf dem Kirchentag, noch kurz bevor er sich die Giftampulle an die Lippen setzt.

Aus dem Schwarzwalddorf zieht die Familie in eine schwäbische Kleinstadt und erlebt dort Inflation und Massenarbeitslosigkeit, Armut, Hunger, Protestmärsche und Straßenkämpfe, kurz: die ganze Krise der Republik von Weimar. "1931 war die politische Radikalisierung so nahe auf die Haut gerückt", notierte Augst, "daß man sich damit beschäftigen mußte." Zu diesem Zeitpunkt ist er schon Mitglied der NSDAP und der SA. 1933 tritt er als Mitglied Nummer 110 118 in die SS ein, im März 1934 wird er zum Kameradschaftsführer der Hitler-Jugend ernannt. Im Mai zieht er nach Jena, wo er sich als Student der Rassenkunde und der Anthropologie einschreibt.

Man darf sich Manfred Augst in diesen Jahren als einen glücklichen Menschen vorstellen. In dem SS-Mannschaftshaus, in dem er untergebracht war, fand er das, was er sich unter wahrer Kameradschaft vorstellte. "Er wollte sich in ihr auflösen", schreibt die Tochter. "In ihr untergehen. Sich selbst nicht mehr spüren müssen." So weit treibt ihn der Eifer für die "Volksgemeinschaft" und die rassistische Mission des NS-Staates, daß er sich bei Richard Walter Darrés Reichsernährungsministerium gar als "Zuchtwart" für Menschen bewirbt - eine Position, die es dort freilich gar nicht gibt.

Nach einer abgelehnten Bewerbung bei der Waffen-SS (Augst ist kurzsichtig) wird er Anfang September 1939 eingezogen und dient als Flak-Kanonier des "Wachbataillons General Göring". Der Kriegsverlauf verschlägt ihn in den kommenden Jahren an alle möglichen Orte - auch im Ausland, wo er an nicht näher zu klärenden "Sonderkommandierungen" teilnimmt. Im Juni 1942 landet er als Obergefreiter in Rommels Afrika-Korps; zum Kriegsende hin hält er sich in Norditalien auf. Dann ist alles vorbei.

Nach dem 8. Mai 1945 und der Entnazifizierung gründen Augst und seine Frau eine Familie. Drei Söhne kommen zur Welt, schließlich Tochter Ute. Der Vater arbeitet als Apothekerassistent in Tübingen. Doch in die Normalität des Alltags findet er nicht zurück. Etwas fehlt, das er verzweifelt sucht - doch er schafft es nicht, sich verständlich zu machen. Nicht im Gespräch mit seiner Familie, die sich ihm immer mehr entfremdet. Und auch nicht in seinen ausufernden Notizen, die immer wirrer werden. "Wir alle", schrieb er in einem der seltenen klaren Momente, "sind losgelöst worden von Menschen und Dingen und Idealen, die uns lieb und teuer waren, die uns das Leben lebenswert machten." Manfred Augst erlebte das Ende des Dritten Reiches vor allem als Zusammenbruch einer Gemeinschaft, deren Existenz ihm der NS-Staat erfolgreich eingeredet hatte. "In jenen Jahren", schreibt seine Tochter, "war spürbar, daß der Verlust der "Kameradschaft' ein tiefes Loch in seinen Seelenhaushalt gerissen hatte." Darüber möchte er reden. Von dem, was im Krieg wirklich geschah, schweigt er: "Jedem, der ihn darauf ansprach, verbot er aggressiv den Mund." Bis zum Schluß.

Sein öffentliches Ende hatte sich Manfred Augst gewiß als wuchtigen Donnerschlag vorgestellt, der alle Beobachter schlagartig verstummen lassen sollte. Er hielt seine Rede, er trank das Gift: Sein Freitod sollte Einkehr erzwingen, er sollte dauerndes, unbequemes Mahnmal bleiben.

Er konnte nicht mehr feststellen, daß es ihm nicht gelang. Daß auch sein letzter Versuch scheiterte, sich verständlich zu machen - wie er schon so oft zuvor gescheitert war.

Es war ein heißer, schwüler Tag in Stuttgart. Das Rote Kreuz war permanent im Einsatz, um die Opfer der Hitze zu versorgen. Als Manfred Augst nach wirrer und schwer verständlicher Rede zusammenbrach, glaubte man, er habe einen Kreislaufkollaps erlitten. "Manche", schrieb später eine Beobachterin, "hatten die in konkaven Facetten geschliffene Flasche mit dem schwarzen Schraubverschluß in seiner Hand gesehen, als er sich ob der ungewohnten Anstrengung, vor mehr als zweitausend Menschen ins Mikrofon zu sprechen, den Schweiß von der Stirn wischte. Man dachte, sie enthielte Eau de Cologne."

Ute Scheub: Das falsche Leben. Eine Vatersuche. Piper Verlag, 285 Seiten, 18,90 Euro.

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