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Da wollte sie hin

Ein schlichter Ziegel zeigt die Würde an. "Ehrengrab Land Berlin" steht drauf, außerdem ist das Wappen eingebrannt.

Ein schlichter Ziegel zeigt die Würde an. "Ehrengrab Land Berlin" steht drauf, außerdem ist das Wappen eingebrannt. Meistens liegt der rote Stein etwas abseits am Boden, von Efeu umrankt. Ganz dezent macht er darauf aufmerksam, dass Berlin hier eine besondere Persönlichkeit ehrt. Profan ausgedrückt: Das Land zahlt den Unterhalt der Grabstätte auf unbefristete Dauer. Wie ein reicher Onkel finanziert die Hauptstadt dieses Gedenken an berühmte Bürgerinnen und Bürger. Selbstlos, ohne sich weiter einzumischen. Die Gestaltung der Grabmale, ob schlicht, religiös oder pompös, ist die Sache anderer. Aber der Ziegelstein, der wie eine Dachpfanne aussieht, ist überall gleich. Und die gärtnerische Pflegestufe. Am Totensonntag gibt es zum Beispiel für alle ein Blumengesteck. Ohne Ausnahme. Alle 740 Ehrengrabstätten gelten gleich viel. Die 739, die auf Berliner Friedhöfen liegen, und das eine in Hamburg.

Das ist das Grab der Berliner Ehrenbürgerin Louise Schroeder. Fern der Hauptstadt liegt es, weit im Westen Hamburgs auf dem evangelischen Friedhof am Holstenkamp. Seit bald 50 Jahren ist Louise Schroeder dort, im Stadtteil Bahrenfeld, begraben. Die Sozialdemokratin starb im Juni 1957. Neben Ernst Reuter und Otto Suhr galt sie als die Frontkämpferin für die Westsektoren Berlins während der Blockade im Jahr 1948. Eineinhalb Jahre lang war sie sogar amtierende Oberbürgermeisterin ganz Berlins. "Bis heute erzählen sich alte Hamburger auf unserem Friedhof, was für eine selbstbewusste, aber bescheidene Frau sie gewesen ist", sagt Horst Thies, Friedhofsverwalter am Holstenkamp. "Sie liegt in einem ganz normalen Familiengrab, da wollte sie hin." Zu ihren Eltern. Heute liegt Louise Dorothea Sophie Schroeder dort Seite an Seite mit Mann und Tochter. An idyllischem Ort, ein bisschen versteckt. Nur Eingeweihte finden ihre Ruhestätte auf dem 110 Jahre alten Friedhof. Im zurückhaltenden Hamburg verzichtet man darauf, am Eingang die Prominentengräber auf Lageplänen zu verzeichnen, wie es etwa in Berlin üblich ist.

Thies kennt mittlerweile viele Geschichten über Louise Schroeder und ihre Familie aus Altona. Ab und zu lädt er ein zu Friedhofsführungen, dann erzählt er sie. Und erfährt dabei selbst Neues. So hat er gerade erst mitbekommen, woher überhaupt der seit Jahrzehnten bestehende Dauerauftrag für das Schroeder-Grab stammt. Nicht von Hinterbliebenen oder von einem Stiftungskonto, sondern aus der Berliner Senatskanzlei. In der diskreten Routine der Friedhofsgärtner spielt so etwas eigentlich gar keine Rolle. Daher fiel das nie so recht auf. "Aber interessant ist es doch", sagt Thies in nüchternem Hamburger Tonfall. Kollegen von ihm loben den Auftrag aus Berlin fast überschwänglich: "Gediegene Pflege. Mit Wechselbepflanzung je nach Jahreszeit." Also nicht nur Stiefmütterchen. Das hat seinen Preis und ist heute nicht mehr selbstverständlich.

Möglicherweise kommt jetzt ja sogar jemand auf die Idee, einen dieser roten Ziegel mit Berliner Bär am Hamburger Holstenkamp anzubringen. Bisher muss das Fern-Ehrengrab, das die Hauptstadt unterhält, nämlich ohne auskommen. Als die speziellen Gedenkziegel vor gar nicht so langer Zeit auf Berliner Friedhöfen eingeführt wurden, hatte niemand bis nach Hamburg gedacht. Das exterritoriale Grabmal ist - pardon! - eben eine Karteileiche. Es wird irgendwo im Roten Rathaus geführt und nicht in einem Bezirksamt wie die anderen 739 Ehrengräber. Was nicht bedeutet, dass die Hauptstadt Louise Schroeder nicht ausreichend würdigt. Im Gegenteil. Seit 1998 wird alljährlich eine Louise-Schroeder-Medaille an Menschen verliehen, die sich insbesondere um die Gleichstellung verdient gemacht haben. Dafür hatte die Sozialpolitikerin Schroeder, die seit 1910 SPD-Mitglied war, zeitlebens gekämpft. Ähnlich vehement vertrat sie den Berliner Selbstbehauptungswillen gegenüber der sowjetischen Machtpolitik.

Kurz vor ihrem Tod wurde sie Ehrenbürgerin. Wer diese Würde trägt, erhält automatisch das Anrecht auf ein kostenloses dauerhaftes Ehrengrab - und damit zumindest auf ein wenig Unsterblichkeit. Außerdem bekommt jeder, für den ein Staatsbegräbnis ausgerichtet wird, ein Ehrengrab. Aber auch andere Persönlichkeiten können derart geehrt werden, jedoch nicht sofort, sondern frühestens fünf Jahre nach deren Tod. Dann erst darf ein Antrag gestellt werden, so lautet die Bestimmung des aktuellen Friedhofsgesetzes. Schließlich gibt es viele kulturgeschichtlich und denkmalpflegerisch wertvolle Grabstätten, also meistens sehr alte Ruhestätten, die zu den Berliner Ehrengräbern gehören.

Auf 80 der insgesamt 253 Berliner Friedhöfe sind sie verteilt. Deutlich mehr als andernorts sind in Mitte zu finden. Ebenso im Südwesten, und dort bis hin nach Stahnsdorf, wo zwei große Berliner Friedhöfe liegen. Als Regel scheint mittlerweile zu gelten: Wer in Berlin zu höchsten Ehrenbürgerwürden kommt, bleibt auch nach seinem Tod. So war es bei allen seit dem Kriegsende, nur nicht bei Louise Schroeder. Sie ist die Ausnahme. Ihr Altonaer Heimatgefühl war einfach stärker.



Erschienen am 12.11.2006

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